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Kultur Ausstellung über Brandenburger Buchhandlungen zur Wendezeit
Nachrichten Kultur Ausstellung über Brandenburger Buchhandlungen zur Wendezeit
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21:15 22.04.2019
Am 15.04.2019 Ausstellung in der Stadt- und Landesbibliothek "Leseland im Umbruch". Quelle: Varvara Smirnova
Potsdam

In Angermünde steht ein Auto aus dem Westen vor der aufgemöbelten Ehm-Welk-Buchhandlung – fast riecht man noch das frische Weiß an der Fassade, wenn man aufs Foto schaut. Es wurde 1990 aufgenommen. In Tagen, als nicht mehr deutlich war, worauf sich künftig bauen lässt: auf Bücher, oder eher auf Autos, die nun mit Viertakt fuhren, weil Zweitakt niemanden mehr interessierte.

In Bestensee, Landkreis Dahme-Spreewald, hat man die Frage couragiert beantwortet: Wir glauben an Literatur! Dort gründete man 1990 eine Buchhandlung, obwohl im viel beschworenen „Leseland DDR“ die Glaubenssätze aus den alten Bänden kaum noch etwas galten. Oder war es gerade deshalb Zeit für neue Läden? Das Geschäft war kaum als solches zu erkennen, es setze auf den Charme einer privaten Wohnung, zog dünne, blickdichte Gardinen vor das Fenster. Darunter, wo die meisten Menschen einen Kaktus haben oder kleine, pflegeleichte Topfblumen, lagen die Bücher aufgereiht. Ein Geschäftsmodell mit so viel Optimismus, dass es weh tut, das Naheliegende zu konstatieren: Die private Neugründung überlebte nicht lange.

Modern, kühl, kantig

Auch der Buchladen in Angermünde ist geschlossen, doch zum Glück nicht gänzlich. Er ist umgezogen, blieb in der Uckermark und wird nun von der Gründerfamilie in Schwedt betrieben.

Diese Bilder von alten Buchläden aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind derzeit im Bildungsforum Potsdam ausgestellt, einem Bau, der so modern, kühl und kantig angelegt ist, dass der Kontrast kaum größer sein kann zu den kleinen Läden auf den alten Fotos. Sie stammen vom Schriftsteller Detlef Bluhm.

Wenn man so will, sind das Undercover-Aufnahmen, die im Haus zu sehen sind. Schnell geschossen, beiläufig in den Fokus gerückt. Der Fotograf hat sich um Heimlichkeit bemüht, was auf den ersten Blick verwundert, denn warum sollte man verschämt auf Bücher gucken? Gibt es etwas Edleres, Kultivierteres und allseits Akzeptierteres als Literatur? Nicht mal ein Nackedei war auf dem Cover.

Fotos mit Fallhöhe

Die Zeiten waren verwirrend und unstet. Bluhm war in den Jahren 1990/91 als selbstständiger Verlagsvertreter unterwegs, um den Buchhandlungen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern die neuen Literaturprogramme vorzustellen. Auf seinen Reisen hatte er die Kamera immer dabei und fotografierte die Fassade von 92 Läden. Ursprünglich wollte er mit seinen Fotos die Verlage informieren, in welchem Zustand sich die Buchläden im Umland befinden.

Auch das scheint noch kein Grund zu sein, die Kamera zu verstecken. Fallhöhe in die Fotos brachte die Angst der Ostdeutschen, ehemalige Eigentümer oder Spekulanten könnten vorbeikommen, um den Wert der Häuser zu taxieren und das Interesse an Buchläden durch die Fotos in der Immobilienwelt zu wecken. Es herrschte die Furcht, Wohn- und Geschäftsräume zu verlieren.

Detlef Bluhm ist mehrfach auf den Grund für seine Fotos angesprochen worden. Nicht immer freundlich. Er konnte die Leute beruhigen, seine Mission war friedlich. Doch irgendwann verschwanden die Bilder in seinem Archiv. Im Frühjahr 2017 ist er beim Aufräumen auf sie gestoßen. Plötzlich mit dem Blick eines Historikers. Es gibt keine vergleichbaren Aufnahmen, die den Zustand des ostdeutschen Buchhandels zu Zeiten der Wende so präzise zeigen.

Weniger Buchläden in der Mark

Die Zahl der Brandenburger Buchhandlungen nimmt ab. Im Jahr 2012 war die Zahl der Leseläden noch um 13 auf 137gewachsen, sie blieb bis in das Jahr 2017 hinein mit 135 nahezu stabil. Im Jahr 2018 aber wurden nur noch 125 Buchgeschäfte in der Mark gezählt.

Die Ausstellung „Leseland im Umbruch“ ist im Erdgeschoss des Potsdamer Bildungsforums zu sehen: Mo 15–19 Uhr, Di–Fr 10–19 Uhr, Sa 10–16 Uhr. Bis 17. Mai. Am Kanal 47.

Am Welttag des Buches heute wird die Vernissage von 18 bis 19 Uhr gefeiert.

Gerade deshalb, weil Bluhm so nüchtern an die Arbeit ging, ohne jeden Kunstanspruch, wirken die Fotos heute so vital, anrührend und manchmal deutlich älter als knappe 30 Jahre. Damals fing Literatur erst an, im Osten als Objekt der Rendite zu gelten. Man wollte plötzlich Geld mit ihr verdienen. Die Kunst und der Kommerz mussten zueinander finden. Dass ein gutes Buch nicht immer ein erfolgreiches ist, war eine unbequeme Wahrheit, die es zu lernen galt. Leider.

Es gibt Bilder in der Ausstellung, die wirken wie aus Astrid Lindgrens Bullerbü, einem Ort, der zu schön ist, um wahr zu sein – und der vielleicht gerade deshalb kommerziell so eingeschlagen hat.

Im Wusterwitz (Potsdam-Mittelmark) des Jahres 1990 standen Kinder vor der beigen, unverputzten Fassade eines Ladens, der von allem etwas hatte. Vor allem von den bunten Träumen der West-Illustrierten und neonbunten Kaubonbons. Hier ging es nicht so sehr um hohe Kunst, sondern um den kurzen Weg zum süßen Glück. Der Biss in einen Riegel Schokolade kann auf andere Weise glücklich machen als der ausdauernde Blick in einen dicken Wälzer. Wohl dem, der beide Arten der Erfüllung in sein Sortiment steckt. Leider hat es der privaten Buch- und Papierhandlung in Wusterwitz nicht geholfen. Sie existiert nicht mehr.

Von Lars Grote

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