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Kultur Ausstellung im Barberini wird Besuchermagnet
Nachrichten Kultur Ausstellung im Barberini wird Besuchermagnet
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21:04 19.01.2017
Edvard Munch „Sommernacht am Strand“ von 1903
Edvard Munch „Sommernacht am Strand“ von 1903 Quelle: Barberini
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Potsdam

Nur etwa ein Dutzend Motive waren der Öffentlichkeit vorher bekannt. Dass auch Wassily Kandinskys „Weißer Klang“ in Potsdam als Leihgabe zu sehen sein wird, sickerte durch, als das Motiv in der letzten Woche auf eine riesige Hauswand am Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte gepinselt wurde. Mit solchen Werbemaßnahmen soll sich in der Hauptstadt herumsprechen, was schon ein Berliner Feuilleton schrieb: „Das schönste Berliner Museum steht in Potsdam.“

180 Bilder des Impressionismus sowie der Moderne sind bis Ende Mai im Museum Barberini zu besichtigen. Dabei handelt es sich um Deutschlands neuestes Privatmuseum. Die grandiose Rekonstruktion des Palais am Alten Markt wird an diesem Wochenende mit viel Prominenz und zwei Sonderausstellungen eröffnet. Journalisten aus ganz Deutschland waren gestern gekommen, um zu erfahren, welches Bild zum Beispiel Bill Gates, der reichste Mann der Welt, in die Ausstellung nach Potsdam geschickt hat.

Hasso Plattner, der Sponsor und Hausherr des Museum Barberini, kann aus mehreren Füllhörnern schöpfen. Er verfügt über eine eigene Sammlung, über deren Unterbringungsort, Umfang und Qualität bisher so gut wie nichts bekannt war. Er übereignete seiner Hasso-Plattner-Stiftung etwa 80 Bilder, zumeist von DDR-Malern, deren große Stunde aber erst später schlägt. Für die Museumseröffnung mit den beiden Themenschwerpunkten Impressionismus und klassische Moderne konnte Plattner Häuser wie die Eremitage in St. Petersburg gewinnen und vor allem „private Leihgeber“ wie Bill Gates oder sich selbst.

Von wem genau welches Bild stammt, bleibt leider ein Geheimnis. Im Mittelpunkt steht zweifellos Plattners Privatsammlung, insbesondere seine 41 Ölbilder von Claude Monet. Die stimmungsvollen und dekorativen Seerosen-, Heuhaufen- und Schneemotive dominieren die Impressionismus-Schau, die 92 Bilder umfasst. Plattner weiß, dass diese Stilrichtung ein Selbstläufer ist und möchte mit einem Paukenschlag sein Haus bekannt machen. Später soll es dann „auch Ausstellungen mit Experimenten geben, die nicht jedem gefallen“, versprach er gestern in der Pressekonferenz.

Die Impressionisten werden in acht Themenräumen präsentiert. Darunter sind nicht die ganz großen, spektakulären Bilder, die zumeist in Paris oder New York hängen. Aber es sind durchweg qualitativ hochwertige Werke, mit denen sich die Intention der Bewegung eindrucksvoll nacherzählen lässt.

Der Begriff Impressionismus geht zurück auf Monets berühmtes „Impression soleil levant“ von 1872. Im Barberini hängt ein poetisches Nachtbild des Hafens von „Le Havre“, wie ihn Monet 1873 vom selben Hotelbalkon aus malte. Die Vorliebe Hasso Plattners für Wasserlandschaften teilt sich dem Besucher in vielen der 17 Säle mit. Der passionierte Hochseesegler zieht seine Geldkarte besonders gern für gekonnte Darstellungen von Lichtstimmungen, Spiegelungen und Lichtreflexen. Es sind keine akademischen Seestücke der alten Schule, sondern flirrende Bilder, die nicht länger auf räumliche Wirkung setzen, sondern auf atmosphärische Momente.

Diese Tendenz ist besonders in den Bildern von Eugène Boudin zu erkennen, den Monet sich als Lehrmeister wählte. Einige von Boudins Hafenmotiven aus den 1870er Jahren sind noch realistisch gestaffelte Ansichten unter einem weit gespannten Himmelsgewölbe. Sein „Le Havre. Sonnenuntergang am Meer“ aus dem Jahr 1885 verliert sich dann in einer cremefarben leuchtenden, verdichteten Fläche. Malerkollegen wie Gustave Caillebotte oder Alfred Sisley hauchen durch unerhört kräftige Pinselstriche nicht nur den Wasserflächen viel Leben ein. Mit dieser neuen Maltechnik bringt auch Berthe Morisot, die einzige Frau unter den Impressionisten, ihr Segelschiff im „Hafen von Nizza“ 1881 regelrecht zum Schaukeln.

Ja, diese Bilder muss man im Original gesehen haben. Ihre Aura lässt sich nicht reproduzieren. Es sind Sehnsuchtsbilder von Städtern, die es in die freie Natur zog und die mit touristischen Augen in die Welt blicken. Die gesellschaftliche Realität bleibt weitgehend ausgeblendet. Nur selten sind neue Brücken oder Schornsteine zu erkennen. Von den Konflikten durch die Zensur, den deutsch-französischen Krieg oder die Pariser Kommune 1871 ist nichts zu spüren. Dabei stand auch Monet, der nach London floh, vor der schweren Frage, ob er als Bürger das ungeliebte Kaiserreich verteidigen soll.

Die große Werkschau: Das Museum Barberini präsentiert zum ersten Mal Werke großer Künstler.

Schneelandschaften etwa von Pierre-Auguste Renoir oder Camille Pissaro sind wirklich nur Schneelandschaften, kein Symbol. „Leichtigkeit und Melancholie. Der Süden“ ist ein Raum überschrieben, in dem sechs südliche Landschaftsbilder von Monet hängen.

Auf viel Bläue und Wasser trifft der Besucher auch in den Sälen, in denen die „Klassiker der Moderne“ hängen. Vor allem fünf Bilder des Flamen Maruice de Vlaminck aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts setzen diesen Akzent. Freunde von Max Liebermann und Emil Nolde kommen ebenfalls auf ihre Kosten. Besonders eindrucksvoll ist aber der Edvard-Munch-Raum. Auf dunklem Blau hängen hier sechs Motive, darunter auch die „Sommernacht am Strand“ von 1903, bei denen sich die Stimmung der Maler symbolistisch und mystisch auflädt.

Der Bogen wird bis in die Abstraktion der Gegenwart geschlagen. Zwei Großformate des kalifornischen Malers Sam Francis aus den 1980er Jahren setzen auf Farbigkeit und große Gesten. Sein Credo, „Ich mache den späten Monet in Reinform“, stellt wiederum einen Bezug zu den Impressionisten her. Jüngstes Motiv ist ein flächiges Kratzbild von Gerhard Richter (2005).

„Hasso Plattner ist ein Sammler, der seine Werke mit der Öffentlichkeit teilen möchte“, freut sich Ortrud Westheider, die Museumschefin des Baberini. Seine Bilder liegen also nicht in Tresoren oder in exterritorialen, zollfreien Depots in Flughäfen.

Als Sprecher des Audioguides tritt Fernsehmoderator Günther Jauch in Erscheinung, der wie Hasso Plattner in Potsdam lebt. Einmal zitiert Jauch den Künstler Hans Hofmann (1880-1966): „Durch Bilder berühren sich unsere Leidenschaften. Bilder sind Transportmittel von Leidenschaften aller Art, nicht hübsche Luxusgegenstände wie Sportwagen.“

Durch das Mäzenatentum von Hasso Plattner gelingt Potsdam ein „Jahrhundertschritt“. Diese fünf Meter große Plastik von Wolfgang Mattheuer steht im Innenhof des neuen Museumsbaus und problematisiert den vermeintlichen Fortschritt im 20. Jahrhundert. Für eine Stadt wie Potsdam verlief das 20. Jahrhundert desaströs. Der Schritt, der nun geradewegs aus dem 19. ins 21. Jahrhundert führt, räumt der Kunst der Moderne nachträglich jene Beachtung ein, die unter den Nazis und auch in der DDR verhindert werden sollte.

Zwei separate Räume im Erdgeschoss mit 20 Bildern zeigen schließlich DDR-Kunst, der im Oktober eine große Sonderausstellung eingeräumt werden soll. Einige der acht Bilder des Leipziger Malers Mattheuer, etwa der „Erlenweiher bei Steinsdorf“, wirken im Lichte dieser Ausstellung gar impressionistisch inspiriert.

Von Karim Saab

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