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00:21 01.05.2019
Szene aus „Bartleby – Ich möchte lieber nicht“ nach Herman Melville, hier mit den Schauspielern Henning. Strübbe (l.), Jonas Götzinger und Marie-Therése Fischer Quelle: Thomas M. Jauk
Potsdam

Nur das „B“ steht aufrecht. Insgesamt sind es fünf große Buchstaben, die sich im Bühnenraum in der Potsdamer Reithalle verteilen. Ihre monumentale Betonoptik erinnert an Investruinen. In der Mitte liegt ein „C“. Das „T“ links außen ist in die Diagonale gekippt. Das „H“ hat sich quer gedreht und das „I“ rechts außen ist kurz über dem Boden abgebrochen. Aus den Buchstaben lässt sich nur die eine Vokabel bilden: „Bitch“. Das ist ein englisches Schimpfwort und steht für Frauen und Schwule, die sich unterwerfen und ausnutzen lassen. 

Nur Frauen hatten das Sagen

Zum Schlussapplaus am Samstagabend erscheinen neben den sechs Schauspielern des Hans-Otto-Theaters noch vier Frauen auf der Bühne. Carla Friedrich verbeugte sich als Erfinderin des rätselhaften Bühnenbildes und der knalligen Kostüme, die Holländerin Nina de la Parra, weil sie die Regie geführt hat. Natalie Driemeyer musste für diesen Abend als Dramaturgin mehr als üblich leisten, da alle Akteure gemeinsam „Barleby – Ich möchte lieber nicht“ als Stück selbst entwickelt haben. Und Rita Herzog zeigte sich, weil sie die Lieder und die musikalischen Momente betreute.

Was meint hier „Bitch“?

Dieses böse Wort in den Mittelpunkt stellen und allen drei Schauspielerinnen Stöckelschuhe verpassen, das darf eine weibliche Crew. Die Gender-Polizei muss also nicht einschreiten. „Bitch“ lässt sich auch mit „Zicke“ oder „Miststück“ übersetzen und „to bitch“ heißt auch rummeckern. Der Titelheld Bartleby ist ein Mensch, der nur meckert und den Stillstand will. Aber das ist auch der einzige Bezug zu „Bitch“. Denn eigentlich ist an diesem Abend Beliebigkeit Trumpf.

Eine kafkaeske Nummer

„Bartleby der Schreiber“ heißt eine Erzählung, die Hermann Melville (1819-91) nach seinem Hauptwerk „Moby Dick“ schrieb. Sie handelt von einem Angestellten in einem Anwaltsbüro in der New Yorker Wall Street, der einfach nicht mehr das macht, was sein Chef ihm aufträgt. „Ich möchte lieber nicht“, lautet stets seine nicht unhöfliche, aber bestimmte Antwort, wenn er etwa eine Abschrift anfertigen soll. Und er zieht diese kafkaeske Nummer durch und verweigert am Ende sogar das Essen. „Ich glaube, ich will nicht mehr Teil der Menschheit sein. Ich bin raus“, sagt der Bartleby anno 2019 nach zwei Stunden. Die Figur gilt als Ahnherr von Josef K., jenem Helden, mit dem Franz Kafka ein halbes Jahrhundert später die moderne Bürokratie als dubiosen Gottesstaat ausmalt, um die Verlorenheit des Individuums als existentielles Drama darzustellen.

Ungewohntes Format

Das Hans-Otto-Theater will aus dem Stoff keinesfalls ein Drama machen, sondern eine unterhaltsame Revue. In der Rolle des gastgebenden Entertainers, der mit starkem holländischen Akzent und mit vielen englischen Worten deutsch spricht, begrüßt ein gut aufgelegter Jörg Dathe zunächst fünf Gestalten in Seidenanzügen mit Bügelfalten, die im Laufe der zwei Stunden in diversen Sketchen und Dialogen ganz unterschiedliche Rollen auszufüllen haben. Was der Conférencier eine „Show“ nennt, entpuppt sich als durchaus gewagte Suche nach einer neuen Erzählstruktur, für die es aber jenseits des Potsdamer Stadttheaters längst durchgesetzte Vorbilder gibt.

Vorbild She She Pop

Einige Szenen erinnern an das Performancekollektiv She She Pop, dem in wenigen Tagen in Berlin der Theaterpreis 2019 überreicht wird. Es verknüpft Unterhaltungsformate wie Reality-TV mit autobiografischen Bekenntnissen und dokumentarischem Material. Auch She-She-Pop-Inszenierungen, die sich stets einem Thema stellen, nehmen oft einen mäandernden Verlauf, doch der „Barthleby“ in Potsdam läuft thematisch noch mehr aus dem Ruder.

Nein zu allem und nichts

Denn Nein sagen, das kann man zu ziemlich allem: zum Leben und zum Tod, zum Veganismus und zum Fleischkonsum, zum monogamen und zum polyamoren Leben. Beinah unvermittelt und assoziativ erzählt Bettina Riebesel plötzlich, wie sie in Halle neben einem Gefängnis aufwuchs, Jörg Dathe mimt später einen schikanösen DDR-Sportlehrer mit Trillerpfeife. Und Henning Strübbe führt einen Vater vor, für den das Schwulsein des Sohnes ein peinliches Problem darstellt. Die Diskussionen über ein politisch-korrektes Leben mit minimalem ökologischen Fußabdruck oder der Streit mit einem Mann, der sich eine offene Beziehung mit zwei Frauen wünscht, könnten auf Anregungen von Marie-Therése Fischer und Alina Wolff zurückgehen. Aber das wird nicht konsequent deutlich.

Jonas Götzinger ist großartig

Bleibt der Schauspieler Jonas Götzinger – ach, wären nur alle so wunderbar komisch. Ob als Praktikant oder als Allegorie der Zeit , als Statistikexperte oder „Deutschlands glücklichster Arbeitsloser“, ob als miauender Roboter oder als Schweizer Bursche - er ist das Salz in der Suppe. Da er am Ende der Spielzeit ans Theater Basel wechselt, lässt sich wohl heute schon sagen, das „Bartleby – Ich möchte lieber nicht“ nur noch zwei Mal aufgeführt werden kann. Denn diese Inszenierung ohne ihn? Ich möchte lieber nicht...

info Nächste Aufführungen: 11.5 und 30.5., 19.30 Uhr. Reithalle. Hans-Otto-Theater Potsdam.

Von Karim Saab

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