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Kultur Potsdamer Chefdirigent: Darum ist Beethovens Musik unzerstörbar
Nachrichten Kultur Potsdamer Chefdirigent: Darum ist Beethovens Musik unzerstörbar
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13:13 28.12.2019
Antonello Manacorda dirigiert bei einem Auftritt der Kammerakademie im Potsdamer Nikolaisaal. Quelle: Varvara Smirnova
Potsdam

Antonello Manacorda, Chefdirigent der Potsdamer Kammerakademie, schwärmt im MAZ-Interview von Ludwig van Beethoven, dessen 250. Geburtstag sich 2020 jährt.

Herr Manacorda, mit Anfang 30 ließ Beethovens Gehör stark nach, mit Ende 40 war er völlig taub. Glauben Sie, dass ihn diese Einschränkung als Komponist noch stärker gemacht hat, quasi aus Trotz?

Antonello Manacorda: Ja, das glaube ich unbedingt! Jede Schwierigkeit verbessert und stärkt die Arbeit eines Künstlers. Es war sicher ein Riesendrama für ihn, dass er ertaubte. Er schrieb mit gut 30 Jahren sein „Heiligenstädter Testament“. Man merkt, dass die Philosophie und Tiefe seiner Musik danach noch stärker spürbar wurde.

Im Jubiläums-Jahr spielen Sie mit der Kammerakademie nur ein Beethoven-Werk in Potsdam, das 3. Klavierkonzert in c-Moll. Das ist nicht viel.

Wir haben überlegt und waren uns einig: Es gibt 2020 so viel Beethoven, da möchten wir lieber mal nach rechts und links schauen. Dieses Klavierkonzert aber ist wundervoll. Ich liebe es über alles.

Haben Sie ein Lieblingsstück von Beethoven?

Mozart hat sofort aufs Blatt komponiert, aus dem Kopf heraus. Beethoven aber hat wahnsinnig viel korrigiert, um sich zu perfektionieren. Dadurch ist jedes Werk unglaublich eigen und intensiv. Ich sage es mal so: Jedes Stück von Beethoven, an dem ich arbeite, ist in jenem Moment mein Lieblingsstück.

Das Leben von Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven kam am 17. Dezember 1770 in Bonn zur Welt, er starb am 26. März 1827 in Wien.

Zunächst kam Beethoven als Pianist zu Ruhm, doch sein Gehörleiden zwang ihn, diese Karriere aufzugeben. Er machte sich als Komponist einen Namen und erlangte Weltruhm, besonders durch seine neun Sinfonien, die fünf Klavierkonzerte und 32 Klaviersonaten.

Antonello Manacorda wurde 1970 in Turin geboren. Er begann an der Geige und entschloss sich 2001, seine Karriere als Dirigent fortzusetzen.

Bei der Kammerakademie Potsdam (KAP) ist Manacorda seit 2010 Chefdirigent. Im kommenden Jahr wird das Orchester unter seiner Leitung am 14. März im Potsdamer Nikolaisaal das 3. Klavierkonzert in c-Moll von Beethoven spielen. Karten gibt es in der MAZ-Ticketeria unter 0331/2840284.

Ist Ihnen Beethoven als Mensch sympathisch?

Nein, nicht unbedingt. Doch er beschäftigt mich sehr. Ich würde gerne mit ihm einen Kaffee trinken, aber nicht, um mit ihm Spaß zu haben.

Welche Frage würden Sie ihm beim Kaffee stellen?

Es ist ja nicht mal klar, ob er mir Zeit ließe, eine Frage zu stellen, denn er war eine starke Persönlichkeit. Doch ich würde gerne wissen, was er über die modernen Instrumente denkt, mit denen wir heute seine Musik spielen – der Klang ist ganz anders als damals. Ist er von dieser Neuerung begeistert, oder ist es ihm zu groß und laut geworden?

Sie haben gerade in New York „Die Hochzeit des Figaro" von Mozart dirigiert. Beethoven selbst hatte nur eine einzige Oper vollendet, „Fidelio", Ist das ein Manko?

Nein, aber vielleicht hat er es selbst als Makel empfunden. „Fidelio" ist ein schwieriges Stück, mit dem man toll arbeiten kann. Doch im Leben kann man nicht alles schaffen. Ich finde es bereits unglaublich, dass ein Komponist, der so viel für Sinfonik, Klavier und Kammermusik getan hat, auch noch eine Oper wie „Fidelio" vorweisen kann.

In welcher Gattung finden Sie Beethoven am stärksten?

Er ist auf allen Feldern groß. Seine Sinfonien, in denen ich mich als Dirigent bewege, legen die Basis für die gesamte, folgende Romantik. Er arbeitet mit Hochdruck weiter an der Brücke, die von Haydn und Mozart begonnen wurde. Und man darf die Streichquartette nicht vergessen. Mein Freund Igor Levit hat gerade die gesamten 32 Klaviersonaten aufgenommen, ich entdecke dort Stücke wieder, die ich lange nicht gehört habe. Was für ein Reichtum! Am Ende ist Beethoven nahezu alles gelungen, was er angefasst hat. Er ist einer der größten Intellektuellen in der deutschen Geschichte.

Hatten Sie als Italiener Schwierigkeiten, mit ihm warm zu werden?

Nein. Denn ich fühle mich nicht als Italiener, sondern als Europäer, sowohl in meiner Ausbildung als auch in meiner familiären Prägung. Genau wie Beethoven. Deshalb stehe ich ihm so nahe.

Seine Temperamente, auch die Dynamiken wechseln abrupt, er konnte wütend werden. Wenn man so will, ist das sehr deutsch.

Das wäre zu kurz gegriffen, denn ich bin genau so – und bin von Geburt Italiener! Zumindest zu zwei Dritteln, zu einem Drittel bin ich Franzose. Das Deutsche an Beethoven ist eher seine Tiefe, die empfinde ich als sehr wichtig und interessant. Doch hoffentlich ist Tiefe nicht nur deutsch.

Mozart war Beethovens Vorbild. Viele Menschen sagen, Mozart war lyrischer, Beethoven eher ein musikalischer Redenschreiber, ein Rhetoriker...

Mozart war Oper. Alles, was er geschrieben hat, auch die Kammermusik, hat immer einen Charakter beschrieben, eine Figur, immer ist eine Inszenierung zu hören. Wenn Mozart Oper ist, dann sind Haydn und Beethoven Architektur. Haydn ist Architektur und Ironie. Beethoven aber Architektur und Philosophie. Wo gehen wir hin, woher kommen wir? Das sind die großen Fragen am Ende des 18. Jahrhunderts, die er stellt.

Im Jahr 2014 haben Sie alle neun Beethoven-Sinfonien an vier Abenden mit der Potsdamer Kammerakademie im Nikolaisaal gespielt. Das klingt nach einer ungeheuer körperlichen und mentalen Anstrengung.

Man muss so etwas immer wieder machen, denn es ist eine unglaubliche Lebenserfahrung. Fast so, als würde man die gesamte „Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust lesen. Körperlich habe ich die Anstrengung dieser Abende gar nicht gespürt, weil ich mich von der Musik quasi ernährt habe.

Mit der Kammerakademie haben Sie Aufnahmen von Schubert und Mendelssohn Bartholdy eingespielt, aber keine von Beethoven.

Schubert und Mendelsohn waren zwei Wiederentdeckungen, darum sind sie wichtig gewesen. Doch von Beethoven gibt es Tausende Aufnahmen, gerade zum Beethoven-Jahr. Es bietet sich nicht an, diese Werke im Moment aufzunehmen. Doch wir werden das irgendwann tun. Ich bin der Meinung: Wichtige Sachen im Leben sollte man lieber ein Jahr zu spät als ein Jahr zu früh machen.

Sie haben Ihre Karriere an der Geige begonnen – ist Ihnen Beethoven aus der Sicht des Geigers oder des Dirigenten näher?

Auf jeden Fall als Dirigent. Denn Beethoven schreibt pure Musik, nicht wirklich für ein einzelnes Instrument. Es ist schwierig als Instrumentalist, mit ihm zu glänzen, er schreibt nicht bequem. Für Klavier geht es noch, obwohl er auch dort versucht hat, die Grenze dessen auszureizen, was spielbar war.

Bitte umreißen sie Beethoven mit drei Attributen...

Schwierig. (Pause) Ich würde sagen: Ewig, denn er verblasst nie. Notwendig, denn es geht nicht ohne ihn, in einem existenziellen Sinne. Und unverzichtbar, denn man möchte ihn nicht missen, er verbreitet sinnliche und intellektuelle Freude.

Und warum werden Beethovens Werke bis heute geliebt?

Man könnte auch fragen: Warum wurden Goethes Werke nicht vergessen? Es steckt eine große menschliche und philosophische Bedeutung in der Kunst von diesen großen Leuten. Nehmen Sie Beethovens 5. Sinfonie. Tatata Taa. Kennt jeder, man hört es sogar in der Werbung. Und denkt: Bloß nicht mehr spielen, völlig abgenudelt... Aber wenn ich dann doch wieder an der Fünfen arbeite, spüre ich, wie großartig, wunderschön und völlig unzerstörbar diese Musik ist. Ich spüre dann, es wird nie genug Beethoven geben!

Von Lars Grote

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