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Kultur Im Atelier bei Cornelia Schleime: So arbeitet die Brandenburgerin
Nachrichten Kultur Im Atelier bei Cornelia Schleime: So arbeitet die Brandenburgerin
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00:21 22.08.2018
Die Malerin Cornelia Schleime in Ihrem Atelier in der Prignitz. Quelle: Friedrich Bungert
Neuruppin

Irgendjemand hat einmal zu ihr gesagt: „Du bist schon inszeniert auf die Welt gekommen.“ Kaum ist die Kamera zu sehen, ist Cornelia Schleime schon in Pose. „Ich muss aus der Bewegung kommen, sonst habe ich auf Fotos ein eingefrorenes Gesicht“, sagt sie. Mit Selbstinszenierungen auf Fotos kennt sich die 65-jährige Künstlerin aus. Sie sind seit Jahren ein Teil ihres umfangreichen Werkes. Erst in diesem Frühjahr sind neue Arbeiten entstanden.

Selbstinszenierungen haben sie schon immer gereizt. Cornelia Schleimes neueste Arbeiten sind auf dem schwarzen Lavagestein in La Palma entstanden. Die MAZ war zu Besuch bei der Malerin in ihrem Atelier in der Prignitz und zeigt ein paar von ihr ausgewählte Beispiele.

Cornelia Schleime ist Malerin, Grafikerin, Performerin, Filmemacherin, Schriftstellerin, Musikerin – kurz: eine Universalkünstlerin. Ihre Arbeiten werden auf dem internationalen Kunstmarkt gehandelt. Ihre Bilder hängen in Galerien und Museum auf der ganzen Welt. In einer umgebauten Scheune in einem kleinen Dorf in der Prignitz in der Nähe von Neuruppin hat sie seit 14 Jahren ihr Atelier. Die meiste Zeit des Jahres verbringt sie hier. Es ist ihr Rückzugsort – vor dem „coolen Gehabe“ auf den Vernissagen, wie sie es nennt, und vor dem Trubel der Großstadt Berlin, wo sie eine zweite Wohnung hat.

Immer in Bewegung

In kurz abgeschnittenen Jeans und T-Shirt mit aufgedrucktem Pflanzenmuster steht die drahtige, kleine Frau zwischen ihren großformatigen Bildern. Nein, eigentlich steht sie nicht: sie rennt. Aus ihrem wintergartenähnlichen Atelier in den Wohnbereich mit dem großen schwarzen Flügel in der Mitte, von der Küchenzeile hinauf ins Obergeschoss, wo weitere Bilder von ihr hängen. Cornelia Schleime ist immer in Bewegung. Sie serviert eine Tasse Pfefferminztee, gleich darauf noch ein Glas Orangensaft, springt auf, um über eines ihrer Gemälde zu sprechen, zündet sich eine Zigarette an, schaut im Vorbeigehen in ihren Laptop und kommentiert eine E-Mail, bevor sie einzelne Exemplare ihrer neuesten Arbeiten auf den Tisch legt.

Mit „Gänsegurgel“ in den Haaren

Es sind Fotoarbeiten, die bei einem Aufenthalte in La Palma entstanden sind. Sie zeigen Cornelia Schleime in surrealen Situationen. Die Künstlerin inszeniert sich meist auf schwarzem Lavagestein in skurrilem Outfit. Mal ist ihr Haar von einer Gänsegurgel umschlungen. „Gänsegurgel“ nennen Elektroinstallateure weiße Plastikschläuche, die sie zum Schutz von Kabeln verwenden. Schleime hat sie im Baumarkt gefunden. Mit künstlich verlängerten Armen kniet sie in der hinteren Hälfte des Bildausschnittes auf dem Boden, der Plasteschlauch schlängelt sich bis in den Vordergrund auf den Betrachter zu. Mal wandelt sie, bekleidet mit einem aus orangenen Kartoffelsäcken genähten Fantasiekleid eine Strandkulisse entlang, in der einen Hand einen Sonnenschirm mit viel zu langem Stiel, mit der anderen zieht sie einen kleinen Hund an einem viel zu langen Schwanz hinter sich her. Es sind poetische Bilder, die in eine fremde Welt entführen und ihre Wirkung durch die vielen detailreichen Übermalungen noch steigern. Trotz ihrer zum Teil absurd-finsteren Bildsprache transportieren sie eine romantische Sehnsucht.

„Ich habe mich immer in eine andere Welt geträumt“ , sagt Schleime. „Selbst den grauen Osten habe ich mir lange irgendwie poetischer vorgestellt“, erinnert sie sich. Schon damals hat die im Osten Berlins geborene Künstlerin, die Mitte der 70er-Jahre an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studierte, sich immer wieder selbst in Szene gesetzt. Schleime ließ sich mit über den Kopf gezogener Plastiktüte fotografieren oder verschnürte ihren nackten Körper mit einem groben Seil. Das war zu Zeiten, als sie schon nicht mehr ausstellen durfte und einen Ausreiseantrag gestellt hatte. 1984 durfte sie dann raus, fast ihr gesamtes Werk musste sie zurücklassen. Es ist bis heute verschollen.

Selbstinszenierung als Widerstand, also? „Schon“, sagt Schleime, „aber es geht dabei überhaupt nicht um mich.“ Sie selbst sei nur das Werkzeug, um imaginäre Räume zu schaffen, betont sie und eilt mitten im Satz zu den Bildern, die sie von sich gemacht hat, nachdem sie ihre Stasi-Akte gelesen hatte und damit fertig werden musste, dass ihr ehemals bester Freund, Sascha Anderson, sie jahrelang bespitzelt hatte. Schleime wirkt darauf wie eine Märchenfigur: ein blondes Mädchen, das mit seinen ewig langen Zöpfen einen Kinderwagen hinter sich herzieht. Das Motiv hat sie immer wieder verwendet: vor der Orangerie des Schlosses Putbus, auf einem abgeernteten Getreidefeld in der Prignitz, vor dem Haus eines Stasioffiziers, in Ahrenshoop geht sie so ins Wasser. „Ich habe das alle paar Jahre wiederholt“, sagt Schleime. Eine politische Aussage will sie damit nicht verknüpft sehen. Aber der Überwachungshorror, das Schnüffeln der Staatsmacht bis in die intimsten Lebensbereiche, das hat sie nicht losgelassen. Man entkommt seiner Geschichte eben nicht so einfach. Man schleppt sie unweigerlich hinter sich her.

Die neuesten Selbstinszenierungen sind noch surrealer

Ihre neuen Selbstinszenierungen sind anders: verträumter, noch surrealer – ohne direkten Bezug auf gesellschaftliche Ereignisse. Wie ihre Gemälde. Schleime rast rüber ins Atelier, wo große Leinwände hängen, an denen sie gerade arbeitet. Der Fußboden ist mit Folie ausgelegt, die mit Farbspritzern übersäht ist. Es sind farbstarke Doppelbilder. Sie zeigen einnehmende Frauenporträts auf der einen Seite, Tiere auf der anderen, dazwischen eine magische Verbindung. Cornelia Schleime blickt hinaus in den großen Garten. „Dort sind meine Vorlagen“, sagt sie. Die Pflanzen, die Tiere.

Und dann erzählt sie die Geschichte von der kleinen Schwalbe, die sie dort mit verklebten Flügeln gefunden hat und in einem kleinen Karton zum Tierarzt brachte. „Und plötzlich schaute mich das Tier durch eines der Luftlöcher an. Ich habe so gelitten“, sagt sie. Es sind solche Momente, die sich in Schleimes Werken niederschlagen. Beim Malen ruft sie Erinnerungen ab. Sie will damit keine Botschaften transportieren. „Bloß keine Aussagen!“ Schleime misstraut der Sprache. „Ich speichere keine Sätze, sondern Bilder in mir ab“, sagt sie und spricht von Gerüchen, sinnlichen Erfahrungen, Empfindungen in bestimmten Situationen, wie dem Beginn einer Freundschaft. Damit seien ihre Erinnerungsbildern verbunden.

Schleimes Romantik braucht den Bruch

Cornelia Schleime ist eine Romantikerin. Aber eben eine, die Vergangenes nicht idealisiert, sondern verarbeitet, um Neues entstehen zu lassen. Sie suche das Echte, das Wahrhaftige, Ehrliche in sich. „Die Romantik braucht immer den Bruch mit dem Realen. Aber genau so ist doch auch das Leben“, sagt sie. Im Grunde gehe sie in ihren Bildern auf eine Reise in eine Welt, in der sie sich wohl fühle.

Zur Person

Cornelia Schleime wurde 1953 in Ostberlin geboren. Sie studierte von 1975 bis 1980 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden.

1979 war sie Gründungsmitglied der Punk-Band „Zwitschermaschine“. Im selben Jahr schloss sie sich der alternativen Kunstszene in Dresden an.

Mit ihre fotografisch dokumentierten Körperbemalaktionen und mit ihren Super-8-Filmen opponierte sie gegen die künstlerischen Vorgaben des Sozialistischen Realismus. 1981 erhielt sie Ausstellungsverbot.

Nach mehreren gestellten Ausreiseanträgen verließ Schleime 1984 die DDR. 1991 erfuhr sie, dass sie jahrelang von ihrem bestern Freund Sascha Anderson bespitzelt wurde. Das Thema hat sie 2008 in dem teilweise autobiografischen Roman „Weit fort“ verarbeitet.

2016 erhielt sie den Hannah-Höch-Preis des Landes Berlin.

Es ist eine Reise volle Widersprüche und Skurrilitäten von mitunter umwerfender Schönheit. Wie entsteht so etwas? Cornelia Schleimes Arbeitsweise ist so schnell, wie sie durch ihr Atelier stürmt. „Ich muss die Bilder, die ich im Kopf habe wahr machen“, sagt sie. Dafür verwendet sie häufig Farben, die sich eigentlich nicht vertragen. Schellack, Asphaltlacke, Acryl, Aquarellfarben, die Substanzen reagieren auf der Leinwand miteinander und entwickeln ein Eigenleben. Schleime versucht das dann zu steuern. „Ich bin der Dirigent einer offenen Partitur“, sagt sie.

Und manchmal muss es dann eben ganz schnell gehen. Eine gewagte Linie, ein flächiger Farbauftrag. „Es gibt Momente, wo es die absolute Bereitschaft für das Risiko geben muss: Jetzt oder nie“, sagt Schleime. Und dann passiert es. Das sei, wie wenn man ein Gewehr anlege und sich vorher gewiss sei, dass man ins Schwarze trifft. „Dann trifft man auch ins Schwarze“, sagt Cornelia Schleime – und schaut etwas ungläubig, fragend. Ob das wohl jemand verstehen kann? Es liegt ein skeptisches Lächeln auf ihrem Gesicht. Es ist ein ungewohntes Bild von Cornelia Schleime. Aber die Kamera ist längst weg.

Von Mathias Richter

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