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Kultur Unschuldig im Gulag: Regisseur Bernd Böhlich über ein Tabu in der DDR
Nachrichten Kultur Unschuldig im Gulag: Regisseur Bernd Böhlich über ein Tabu in der DDR
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15:11 29.08.2019
Alexandra Maria Lara als Antonia Berger und Stefan Kurt als Leo Silberstein in einer Szene von „Und der Zukunft zugewandt“. Quelle: Foto: Neue Visionen Filmverleih/dpa
Potsdam

Bernd Böhlich, 1957 in Löbau/Sachsen geboren, studierte an der Babelsberger Filmhochschule Regie. Seit 1991 dreht er Fernsehfilme, gewann zweimal den Grimme-Preis. Mit „Du bist nicht allein“ gab er 2002 sein Kinodebüt, es folgten „Der Mond und andere Liebhaber“ und „Bis zum Horizont, dann links“. Seit zwölf Jahren inszeniert er regelmäßig Krause-Filme mit Horst Krause in der Titelrolle.

Herr Böhlich, Ihr neuer Film „Und der Zukunft zugewandt“ erzählt die wahre Geschichte einer jungen deutschen Kommunistin, die jahrelang unschuldig im Gulag in der Sowjetunion eingesperrt war und die Anfang der 1950er Jahre in die DDR zurückkehrte. Wie sind Sie auf diesen Stoff gestoßen?

Bernd Böhlich: 1988 habe ich einen „Polizeiruf“ in Rostock gedreht, mit dabei war auch die Schauspielerin Swetlana Schönfeld. Beim Einchecken im Hotel habe ich zufällig in ihrem Ausweis gesehen, dass sie in Kolyma, in einem sowjetischen Arbeitslager geboren wurde. Ich habe nachgefragt und wir kamen ins Gespräch. Ich war fassungslos, weil ich zum ersten Mal von so einem Schicksal gehört habe.

In der DDR war das Thema Tabu.

Natürlich war das ein Tabu in der DDR. Wir durften ja auch Solschenizyns „Archipel Gulag“ nicht lesen. Man ahnt warum: Wenn erst einmal die Büchse der Pandora geöffnet worden wäre, dann hätten sich ganz andere Fragen gestellt. Die DDR kam mit einem so hohen moralischen Anspruch daher und hat selber so viele Leichen im Keller, das wäre natürlich nicht gut ausgegangen.

Die Heimkehrer aus den Lagern mussten ein Schweigegelübde abgeben: Sie durften nicht über diese Zeit sprechen.

Ja, das ist ein Irrsinn gewesen! Swetlana erzählte von ihrer Mutter, die immer das Radio anstellte, wenn sie mit ihren Freundinnen über diese Zeit im Lager sprach. Das muss man sich mal vorstellen – im Jahre 1988! Da wurde mir zum ersten Mal die Dimension klar, welche Ängste und Traumata dahinterstecken.

Warum hat es so lange gedauert, bis Sie einen Film darüber gemacht haben?

Ich habe mich erst nach der Wende mit Literatur eindecken können und habe sehr viel und sehr lange recherchiert. Am Ende hatte ich so viel Material, dass es schwierig war, daraus eine Geschichte zu entwickeln. Ich habe viele Anläufe gebraucht und so vergingen die Jahre. Und die Finanzierung des Film war nicht leicht, Förderer und Sender haben bei diesem Thema abgewunken. Nur der RBB und die Mitteldeutsche Medienförderung waren von Anfang an dabei und haben an das Projekt geglaubt.

Sie sind dran geblieben. Warum?

Mich hat es deshalb so beschäftigt, weil das Ende der DDR mich auch getroffen hat. Ich war sehr erstaunt, wie schnell die DDR in sich zusammenfiel und habe dafür die ökonomischen Gründe ganz oben gesehen. Heute denke ich, dass im Verschweigen der Vergangenheit die eigentliche Ursache liegt. Dass Kommunisten ihre eigenen Leute umbringen, gibt es in der Weltgeschichte nun nicht so oft. Bis heute ist das eine schwere Hypothek, auch für die Linke, die sich mit diesem Teil der Geschichte sehr schwer tut.

In einer Szene sagt der Minister für Agitation, gespielt von Stefan Kurt: Wir werden darüber sprechen, aber jetzt noch nicht. Dieses Versprechen hat er nie eingelöst.

So ist es. Der Staat bestimmt den öffentlichen Diskurs – das ist das Ende einer lebendigen Gesellschaft. Daran ist am Ende der ganze Ostblock zerbrochen. Es hatte sich so viel angestaut, worüber in der Vergangenheit nicht gesprochen werden durfte.

Als ihre Hauptdarstellerin, gespielt von Alexandra Maria Lara, in der U-Haft verhört wird, und von dem Lager erzählt, springt der Verhörer wutentbrannt auf, zeigt seine Beinprothese und schreit: Das hier ist Lager.

Er ist Buchenwald-Überlebender und will nicht wahrhaben, was in der Sowjetunion passiert ist, welche Gräueltaten dort geschehen sind. Und zwar nicht durch Feinde des Sowjetunion, sondern durch Leute, die sich für dieses Land engagiert haben. Kommunisten haben doch nicht daran gedacht, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen – im Mutterland des Kommunismus.

Ihre Protagonistin bleibt trotz allem in der DDR, obwohl sie einfach hätte in den Westen gehen können. Die Mauer war noch nicht gebaut.

Das können wahrscheinlich viele Zuschauer nicht nachvollziehen. Aber ich kann nur sagen, dass es so war. Viele ehemalige Inhaftierte haben das wohl als ein Opfer begriffen, das sie gebracht haben für die große Sache, für die Vision einer gerechten Gesellschaft.

Wie sehen Sie im Allgemeinen die Darstellung der DDR im Fernsehen und Kino?

Es gibt diese Reduzierung auf die Themen Stasi, Doping und Mauertote. So wurde auch zu einer Verzerrung in der Gesellschaft beigetragen. Für bestimmte Korrekturen ist es jetzt zu spät, weil die Leute es auch nicht mehr glauben. Ihr Leben in der DDR wurde so lange diffamiert, ironisiert und verachtet. Die ganzen Verletzungen und Demütigungen haben Spuren hinterlassen, wie wir heute sehen. Dieser Besserwisserei hätte es doch gar nicht bedurft. Ich hätte mir da viel mehr Gelassenheit gewünscht.

Herr Böhlich, als Kontrastprogramm zu diesem schweren Thema haben Sie die Krause-Reihe erfunden. Mittlerweile drehen Sie den siebten Film in Brandenburg. Wie finden Sie die Geschichten?

Ich habe in der Uckermark ein kleines Bauernhäuschen und ich komme vom Dorf, bin sozialisiert durch das Dorf. Ich weiß, wie die Leute dort ticken. Sie sind geerdet und haben einen anderen Umgang miteinander. Tatsächlich fließt immer mal wieder eine Idee aus Gesprächen in die Drehbücher. Schlunzkes Idee einer Straußenfarm stammt zum Beispiel von meinem Nachbar.

Warum ist Horst Krause so beliebt?

Wenn wir drehen, werden wir immer wieder angesprochen. Alle freuen sich, ihn zu sehen. Krause ist eine Ost-West-Integrationsfigur, das merkt man an den Quoten. Außerdem erzählen wir kleine Geschichten, die die Menschen beschäftigen und die nachvollziehbar sind. Die Leute leben nicht in ausgebauten Lofts, sondern in einfachen Milieus.

Von Claudia Palma

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