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Kultur Bertolt Brechts Klassiker vom Publikum gefeiert
Nachrichten Kultur Bertolt Brechts Klassiker vom Publikum gefeiert
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15:55 29.07.2017
Quelle: Peter Geisler
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Netzeband

Um es vorwegzunehmen: Der Premierenabend von „Der gute Mensch von Sezuan“ beim Netzebander Theatersommer hatte zwar etwas eher Herbstliches. Aber die Aufführung selbst war ein voller Erfolg und wurde vom Publikum mit viel Beifall aufgenommen. Dem Inszenierungsteam um Christine Hofer, Sascha Mey und Dirk Seesemann ist es gelungen, das Trockene, Belehrende, zurückzunehmen und das Sinnliche, das Spielerische, das ja Brecht, den bekennenden Zigarrenraucher, vor allem in seiner Lyrik ausmacht, in den Vordergrund zu rücken. Und das Bemerkenswerteste dieses Abends: Das Netzebander Maskentheater, Markenzeichen der abendlichen Aufführungen an der Temnitzkirche, scheint wie geschaffen für den Brechtstoff, der in einer fernen chinesischen Provinz angesiedelt ist.

Wenn die Götter kommen

In manchem hält man sich eng an den Autor und seiner Theorie vom epischen Theater, zu der auch jener halbhohe Vorhang gehört, der von den Spielern selbst immer mal auf- und wieder zugezogen wird. Was die Kostüme anlangt, bei denen Brecht zumeist ein Grau in Grau forderte, dominiert hier ein durchaus chinesisch inspirierter Farbenrausch mit den spannendsten Abstufungen und Musterungen. Hinzu kommen globale Klänge von Cat Stevens bis zum Rapp.

Das alles macht auch die Kernfrage jedes Sommertheaters vergessen: Wird das Wetter halten? Als die Hauptfigur des Stücks Shen Te an einer Stelle, von Liebe überwältig, sagt: „Und jetzt habe ich einen Regentropfen gespürt. Es ist schön im Regen“ da geht einen Raunen durch die Zuschauerreihen. Denn die Plätze waren zu Vorstellungsbeginn noch nass vom letzten Guss und alle blickten mit Argwohn gen Himmel. Aber die Götter sind den Netzebandern hold und es ist nun sogar ein Rest von Abendsonne in den Baumwipfeln zu sehen. So ist das wohl, wenn Götter kommen.

Das 1941 erschienene und 1943 in Zürich erstmals aufgeführte Schauspiel „Der gute Mensch von Sezuan“ ist eines der bekanntesten Werke Bertolt Brechts. Jetzt kommt das Stück beim Theatersommer Netzeband als Masken-Synchrontheater auf die große Freilichtbühne im alten Gutspark. Bis Ende August gibt es zehn Aufführungen.

Entlohnung für die Prostituierte

Drei von ihnen, mit silberglänzendem Kopfschmuck, sind herniedergestiegen, um nach guten, gottesfürchtigen Menschen zu suchen. Der Wasserverkäufer Wang fragt in ihrem Auftrag nach Unterkunft, wird aber überall abgewiesen. Reiche fürchten um ihre Habe, die Armen haben nicht einmal Platz genug für sich. Ausgerechnet die Prostituierte Shen Te nimmt den hohen Besuch auf. Und sie wird dafür auch fürstlich entlohnt. Für das Geld kauft sie sich einen Tabakladen. Doch das Göttergeschenk will ihr kein Glück bringen. Immer mehr Leute stehen auf der Matte, die von dem Segen auch etwas abhaben wollen. Bis sie selbst nichts mehr hat. In ihrer Not erfindet sie einen Vetter, der schon alles regeln wird. Und am nächsten Morgen ist er tatsächlich da. Er kann das, was ihr überhaupt nicht liegt: Hart sein gegen andere. Und sichert ihr damit das Überleben.

Bis ein Mann in ihr Leben tritt, der stellungslose Flieger Sun. Wenn die beiden sich näher kommen, ist das einer der wenigen Momente, da die Spieler für Augenblicke ihre Masken heben und sich ansehen. Aber auch Sun will vor allem ihr Geld. Was hilft’s, da muss eben wieder der Vetter ran.

Fantastische Kostüme und Profis vom Band

In ihren Masken, den faszinierenden Kostümen und der akustischen Ausformung gelingen dem Team bemerkenswerte Charakterisierungen der doch eigentlich eher schablonenhaft angelegten Figuren. Wieder sind es Netzebander Enthusiasten, die als Akteure auftreten, die Stimmen werden wie stets bei diesem in der Theaterlandschaft einmaligen Synchrontheater von Profis per Band eingesprochen.

Zentrum der Aufführung ist natürlich die Hauptfigur in ihrer doppelten Ausprägung als Shen Te und Vetter Shui Ta. Die Hausbesitzerin fällt durch ihre blutrote Gewandung auf, der Polizist durch seinen herrlichen Berliner Dialekt, der Barbier durch seine nasal-abgehobene Sprache. Hinzu kommen vielerlei Regieerfindungen, die das Stück letztlich zu einem so anregenden wie unterhaltsamen Theaterabend fügen: Wie der Barbier auf seinem E-Roller heranrauscht, wie ein Minitraktor aus den Tiefen des Gutsparks angeknattert kommt. Und am Ende spielt auch noch der Vorhang mit. Als es zu einem Tabakraub kommt, sieht man das sehr schön als Schattentheater.

Zum Schluss ein Brecht-Satz, den man so ähnlich aus dem Fernsehen kennt, vom Literarischen Quartett: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/ Den Vorhang zu und alle Fragen offen“. Das mag für die Handelnden im Stück zutreffen. Die Zuschauer gehen eher beglückt in eine vom Sternenhimmel überschiene Nacht.

Nächste Aufführungen

Am 29. Juli sowie am 4., 5., 11., 12. 18., 19., 25. und 26. August jeweils 20.30 Uhr. Karten unter 033931/34940 oder an der Abendkasse.

Von Frank Starke

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