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Kultur Wie West-Kuratoren auf Ost-Kritik reagieren
Nachrichten Kultur Wie West-Kuratoren auf Ost-Kritik reagieren
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00:19 04.02.2018
Der „Seiltänzer“ von Trak Wendisch aus dem Jahr 1984 lässt sich sicher als politisches Sinnbild lesen. Aber auch Menschen ohne DDR-Erfahrungen wissen, wie es sich über einem Abgrund anfühlt. Quelle: FOTO: NATIONALGALERIE
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Potsdam

Bis Sonntag ist in Potsdam noch die retrospektive Ausstellung mit DDR-Kunst zu sehen. Das Museum Barberini zählte 100.000 Besucher. Für Themensetzung und Auswahl der Bilder zeichneten Valerie Hortolani (30) und Michael Philipp (55) verantwortlich. Da beide im Westen Deutschlands aufgewachsen sind, betraten sie mit der Aufgabe Neuland. Im MAZ-Gespräch berichten sie von dieser Erfahrung.

Der Titel

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Der Titel der Ausstellung gab Anlass zu vielen Diskussionen. Die Ausstellung hieß nicht einfach nur „Künstler in der DDR“, sondern „Hinter der Maske“. Drei Worte, die einen Stachel enthielten, der viele Assoziationen geweckt hat, aber auch einige Missverständnisse. „Etliche Leute haben vermutet, es würde sich um eine Präsentation allein von oppositionell-subversiver Kunst handeln. Andere schlossen aus dem Titel die Auffassung, das Maskenmotiv sei mit Verstellung oder Feigheit gleichzusetzen“, berichtet Michael Philipp. In diese Lesart spiele ein politisches Vorverständnis hinein, das von den Kuratoren gar nicht intendiert gewesen sei. Auch Valerie Hortolani beteuert: „Der Titel sollte keine Negativfolie sein.“ Die Maske sei ein urkünstlerisches Phänomen, und in jeder Gesellschaft müssten sich die Künstler mit ihrer Rolle auseinandersetzen. „Die Maske dient nicht der Tarnung. Sie bleibt sichtbar als etwas Draufgesetztes.“ Manchmal benutzten Künstler auch eine metaphorische Ebene, um etwas auszudrücken. Das habe nichts mit Feigheit oder einem Rückzug zu tun oder dass man sein wahres Gesicht nicht zeigen will. „Wer das in dem Titel gelesen hat, hat nicht weit genug gedacht“, so ihr Resümee.

Das Museum Barberini hat am 23. Januar 2017 seine Türen für die Öffentlichkeit geöffnet – und die Erwartung bisher voll übertroffen. Ein kurzer Rückblick in Bildern.

Künstlerauswahl

Mit 117 Bildern von 87 Künstlern aus vier Jahrzehnten zeigte die Barberini-Schau ein breites Spektrum von DDR-Kunst. „Bei 100 Künstlern hätte jemand den 101. Künstler vermisst“, meinen die Kuratoren. „Uns erreichten unzählige Zuschriften und Anregungen mit Namen, die fehlen. Mit einigem Recht sei ein Selbstbildnis von Curt Querner vermisst worden. Querner käme aber zum Glück ausführlich im Katalog vor. Wiederholt wurden die Kuratoren auf Rainer Bonar und Annemirl Bauer angesprochen, die nicht Teil der Ausstellung sind, und auf Carlfriedrich Claus. Statt für Otto Niemeyer-Holstein hätten sie sich für Otto Manigk entschieden. Es gab auch einzelne Künstler, die in der Ausstellung nicht dabei sein wollten. Deren Namen verraten sie nicht.

Die Ausstellungstexte

Das ist ein Punkt, der die Kuratoren sehr erstaunt hat. Besucher mit West-Sozialisation oder Nachgeborene hätten meist gesagt: Toll, das wusste ich alles nicht. Aber viele Besucher mit DDR-Sozialisation hätten mit ihren Texten ein Problem gehabt. Im Gästebuch findet sich jedenfalls viel Pauschalkritik, Eintragungen wie: „Sie wissen gar nicht, wie es in der DDR zugegangen ist!“ „Die SED hat uns auch immer vorgeschrieben, was wir denken sollen.“ Das sei „oberlehrerhaft“ oder „Siegermentalität“. „Dabei wurden leider nie konkrete Beispiele angeführt“, ärgert sich Philipp und beteuert: „Wir hatten keinerlei moralisierende Intention. Wir wollten in den 350 Zeichen keine Aussagen über das Leben in der DDR treffen, sondern nur über das Bild“, so der gebürtige Hamburger. Wenn bei Irene Kieles „Selbstbildnis in Leipziger Häusern“ von einem „skeptischen Blick“ und einer „grauen Farbgebung“ die Rede ist, wurde das den Ausstellungsmachern offenbar als Kritik an den Verhältnissen ausgelegt. „Unsere Kurztexte haben sich nicht mit den erinnerten Biografien gedeckt“, erklärt sich Philipp die Diskrepanz. Einige hätten vielleicht gedacht, dass sie kein depressives Leben geführt haben, in Leipzig habe doch auch die Sonne geschienen. „Dabei reden wir natürlich von der erinnerten Biografie, nicht von der realen. Dieselben Leute hätten 1989 vielleicht ganz anders geurteilt“, so Philipp. In dem Urteil der Besucher schwang auch die Skepsis mit, ob die junge Kuratorin und der Neuzeitforscher aus dem Westen kompetent sind, Kunst aus der DDR zu präsentieren. Valerie Hortolani: „Geschichtsschreibung funktioniert nicht so, dass jemand Lebenserfahrungen aus einer Epoche mitbringen muss.“

Barberini 2018

Max Beckmann. Welttheater heißt die nächste Ausstellung im Museum Barberini. Die figürlich-expressiven Bilder des Malers werden vom 24. Februar bis 10. Juni gezeigt.

Während der Umbaupause können noch die 16 Bilder aus dem Palast der Republik der DDR besichtigt werden.

80 abstrakte Werke von Gerhard Richter zeigt das Barberini vom 30. Juni bis 7. Oktober. Ab 17. November folgt eine Schau des Neoimpressionisten Henri-Edmond Cross.

Die politische Dimension

Das Konzept, die Kunst der DDR nicht zu politisieren, sondern von der Kunst auszugehen, sei aufgegangen, freuen sich Hortolani und Philipp. Mit Kontroversen hätten sie gerechnet. „Was uns aber überrascht hat, ist das Ausmaß der Emotionalität – wie verbissen, aber auch stolz viele Besucher gute oder schlechte DDR-Erfahrungen und vorgefasste Meinungen verteidigt haben“, verrät Philipp. Immer wieder wurde ihnen die Frage gestellt, auf welcher Seite ein Künstler damals stand. Sie hätten versucht, dieses Schubladendenken zu überwinden und eine Öffnung herzustellen, um zur Kunst vorzudringen. „Das ist doch das Schöne an der Kunst, dass sie nicht eindimensional ist“, betont Valerie Hortolani. Und ihr Kollege führt ein Beispiel an: „Wir haben mit dem ,Seiltänzer’ von Trak Wendisch für die Ausstellung geworben. Als wir bei einer Führung sagten, dass diese rote Figur eine existenzielle Situation zeige, mit der Menschen jedweder Herkunft etwas anfangen können, protestierte eine Frau. In der DDR habe man aufpassen müssen, dass man nichts Falsches sagt, sonst sei man abgestürzt. Sie wollte dieses Bild allein als Widerstand gegen die DDR gelten lassen. Wir haben ihr geantwortet, dass sich das Bild darin nicht erschöpfe. Da verließ sie wütend den Raum.“

Palastgalerie

So gut wie gescheitert sei der Versuch, die Dokumentation der Palastgalerie von der kuratierten Ausstellung „Hinter der Maske“ abzugrenzen. Die Reaktionen auf die Palastgalerie seien äußerst heftig und emotional gewesen. „Westdeutsche Besucher waren neugierig, haben mit den Schultern gezuckt, Kuriositäten herausgestellt oder über die Ikonografie gerätselt. Das kippte manchmal auch in Häme“, berichtet Michael Philipp. Und ostdeutsche? „Die haben diametral gegensätzlich, aber nie gelassen reagiert. Bei manchen konnten wir förmlich spüren, wie sich ihnen die Nackenhaare aufstellten“, schildert er die Abwehrreaktionen. Es habe aber auch etliche Leute gegeben, die sich gefreut hätten, diese Bilder wiederzusehen. „Die haben sich dann aber wiederum über unsere Kommentare geärgert“, sagt er. Dabei hätte gerade er die Palastgalerie wirklich ernst genommen und über deren Entstehen umfangreich geforscht. Das Barberini wollte zeigen, wie in den 1970er-Jahren im Auftrag des Staates gemalt wurde. „Dass wir dabei auch auf ästhetische Mängel aufmerksam gemacht haben, wollten diese Besucher nicht verstehen“, so Philipp. Dass beide Präsentationen ein dialektisches Miteinander ergeben sollten, sei zum Glück aber auch bemerkt worden.

Identität

In den Podiumsdiskussionen beschwerten sich einige Maler: „Ich war nie ein DDR-Künstler, ihr macht mich zu einem.“ Fachleute beklagten eine „Ghettoisierung“ der Kunst aus der DDR. Das Ghetto-Wort habe niemand in den Mund genommen, als das Barberini eine Ausstellung mit amerikanischer Kunst gezeigt hat, merkt Philipp an. „Natürlich beschäftigt auch uns die Frage, wie sich die Kunst der DDR in übergreifende Ausstellungen eingliedern lässt“, räumt Hortolani ein. Die Schau habe sich eines so großen Zuspruchs erfreut, weil sie Fragen der Identität aufrief. Menschen mit DDR-Hintergrund hätten etwas wiedersehen können, das in den letzten 30 Jahre zu Unrecht äußerst kritisch dargestellt und abqualifiziert worden sei. „Diese Bilder waren Teil ihres Lebens und plötzlich sahen sie diese in einem würdigen Rahmen“, so Philipp. Die intensive Auseinandersetzung mit den Werken stehe auch in der Tradition der viel besuchten DDR-Kunstausstellungen. In der DDR wurde der Kunst eine Relevanz und Kraft zugewiesen, die noch deutlich zu spüren gewesen sei. In den Kunstausstellungen heute stehe dagegen schnell die Frage im Vordergrund, welches Bild das teuerste ist. „Damals ging es um gesellschaftliche Wirkungen“, weiß Michael Philipp.

Von Karim Saab