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Kultur Wie Artemisia Gentileschi ihr persönliches Drama verarbeitet hat
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17:48 08.07.2019
Ausschnitt aus „Lukretia und Sextus Tarquiniu“ von Artemisia Gentileschi. Das Bild befindet sich im Besitz der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und wurde für die große Sonderausstellung „Wege des Barock“ im Museum Barberini restauriert und untersucht. Quelle: Daniel Lindner
Potsdam

Nicht alle Tage taucht unter einem gemalten Gesicht ein anderer Gesichtsausdruck auf. Franziska Windt, die Gemäldekustodin der Preußischen Stiftung Schlösser und Gärten, hat in den letzten Monaten die Restaurierung zweier Gemälde von Artemisia Gentileschi (1593-1654) betreut. Eigentlich sind die Großformate fest in die Vertäfelung der baupolizeilich gesperrten Oberen Galerie im Neuen Palais eingebaut. Dank einer Spende des Milliardärs Hasso Plattner konnten die Bilder der römischen Malerin ausgebaut, untersucht und aufwendig restauriert werden. Sie werden ab 13. Juli in der großen Gastausstellung aus Rom „Wege des Barock“ im Potsdamer Museum Barberini zu sehen sein.

Eine heftige Szene

Das Bild „Lukretia und Sextus Tarquinius“ zeigt eine Vergewaltigung. Eine splitternackte Frau wehrt sich gegen einen Mann, der in der einen Hand ein Messer hält und mit der anderen die Beine der Frau auseinanderdrückt. Ursprünglich hatte der hübsche Mann ein freundlicheres Gesicht. Einen Eigentümer muss das so irritiert haben, dass er das Gesicht des Täters übermalen ließ.

Gerichtsakten publiziert

„Wie man sich die Vergewaltigung der Malerin Artemisia Gentileschi durch den 15 Jahre älteren Maler Agostino Tassi genau vorzustellen hat, darüber herrscht unter den Biografen keine einheitliche Vorstellung“, erzählt Franziska Windt. Dabei wurden die Gerichtsakten über den achtmonatigen Skandalprozess von 1612 sogar publiziert.

Gewalt, Leid, Selbstzweifel

„Dass das Opfer aus dieser bösen Geschichte gestärkt hervorging, daran besteht aber kein Zweifel“, sagt sie. Artemisia Genstileschi war die erste Frau, der es in ihrem Zeitalter gelang, als Künstlerin frei zu agieren. „Sie war schon zu Lebzeiten berühmt. Die feministische Bewegung in den 1980er Jahren schenkte ihrem Leben und ihrem Werk neue Aufmerksamkeit. Heute schätzt man die Unmittelbarkeit, mit der sie aus weiblicher Perspektive Gewalt, Leid und Selbstzweifel darstellt“, so Windt.

Menschen aus Fleisch und Blut

Artemisia Gentileschi war gerade 17, als der geniale Caravaggio, Wegbereiter des Römischen Barock, mit 38 Jahren starb. Sein drastischer, effektvoller Realismus steckt als Grundhaltung auch in ihren Bildern. Artemisias Vater, Orazio Gentileschi, war ebenfalls ein berühmter Maler, aber schon zu alt, um die Impulse des acht Jahre jüngeren Caravaggio konsequent umzusetzen. Irgendwie wollte er noch das Ideal der Reinheit in den Gesichtern zeigen. Seine Tochter scheute sich dann nicht, Heilige und mythische Figuren als triviale Menschen darzustellen.

Barockkunst gegen die Ketzer

Die Künstler waren natürlich auch abhängig von den Erwartungen ihrer Auftraggeber. Kardinäle und Päpste wollten nach dem Konzil von Trient vor allem eines: Der Ketzerei des Protestantismus einen Glanz entgegensetzen, um die Überlegenheit der römischen Kirche unter Beweis zu stellen. So entstand der Barock und die Künstler standen bei den Mächtigen hoch im Kurs.

Ein Komplott der Mächtigen

So hoch, dass Scipione Borghese, der Begründer der Villa Borghese mit ihrer atemberaubenden Kunstsammlung, den verurteilten Vergewaltiger Agostino Tassi aus dem Gefängnis holte. Mit seinem Neffen, dem amtierenden Papst Paul V., hielt Borghese die schützende Hand über den Schwindler Tassi. Denn der verstand sich wie kein anderer auf das Ausmalen von Gebäuden mit perspektivischen Darstellungen und optische Täuschungen.

Verdacht der Prostitution

Tassi hatte bereits seine erste Frau umgebracht und war inzwischen wieder verheiratet, als er Artemisia, der Tochter seines Kollegen, die Unschuld raubte und ihr eine unmögliche Heirat versprach. Nun stand die getäuschte, erpresste oder mit Manneskraft vergewaltigte Artemisia im öffentlichen Ansehen als Prostituierte da. Der Familie, insbesondere ihrem Vater drohten absolute Schande.

Durchbruch in Florenz

Doch dann fanden päpstliche Vermittler einen Ausweg. Artemisia wurde nach Florenz verheiratet, wo sie als Künstlerin den großen Durchbruch erlebte. Sie befreundete sich mit wichtigen Persönlichkeiten wie Galileo Galilei und wurde in die Akademie der Schönen Künste aufgenommen. Sie hatte es geschafft.

Vergewaltigung als Lebensthema

Das triebhafte Verhalten des Mannes und aggressive Einlassungen zwischen den Geschlechtern blieben aber ihr Lebensthema. Um das in Szene zu setzen, griff sie immer wieder auf mythische Geschichten zurück, malte, wie Judith den Feldherren Holofernes köpft oder wie Susanna im Bade den geilen Blicken alter Männer ausgeliefert ist. Auch dieses Bild ist in der Baberini-Ausstellung zu sehen.

Bilder zur Mahnung

Als Friedrich II. die beiden Bilder wahrscheinlich in Neapel über einen Zwischenhändler erwarb, wusste er nicht, dass es sich um Gentileschis handelt.

Gemäldekustodin Franziska Windt. Quelle: Picasa

Das wurde erst in den 1920er Jahren ermittelt. Den Preußenkönig faszinierte die Deutlichkeit der dargestellten Szenen. Er platzierte die Motive im Kronprinzen-Trakt im Neuen Palais, um seinem sexuell agilen Neffen zu warnen, meint Franziska Windt. „Die Mahnung lautete: Aus einem Herrscher, der seiner Sinnlichkeit nachgibt, wird schnell ein Tyrann.“

Vielleicht ein Frühwerk

Doch in welchem Lebensabschnitt hat Artimisia das Bild „Lukretia und Sextus Tarquiniu“ gemalt? Bisher wurde es als Spätwerk eingestuft. In der Kunstwelt heißt es, dass die frühen Bilder dieser Künstlerin kraftvoller sind. Die Kustodin wird nun anhand von Farbproben feststellen, wo und wann das Bild genau entstand. Sollte es sich gar um ein Frühwerk handeln, könnte es sein, dass hier die Künstlerin die eigenen schlimmen Erfahrungen noch recht unmittelbar zum Ausdruck gebracht hat.

Das Bild „Lukretia und Sextus Tarquiniu“ von Artemisia Gentileschi. Quelle: Daniel Lindner

Doch Franziska Windt weiß natürlich, dass sich von den Bildern nicht so einfach auf das Leben dieser Frau schließen lässt. War der Vergewaltiger Tassi eher ein Schöntuer oder ein Grobian? Eines Tages möchte die Stiftung Schlösser und Gärten der Malerin Artemisia Gentileschi im Schloss Charlottenburg eine ganze Ausstellung widmen.

Von Karim Saab

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