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Kultur Die Exit-Strategie des Aussteigers Björn Kern
Nachrichten Kultur Die Exit-Strategie des Aussteigers Björn Kern
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19:16 12.04.2019
Der Schriftsteller Björn Kern zu Hause in Neulangsow (Märkisch-Oderland).
Der Schriftsteller Björn Kern zu Hause in Neulangsow (Märkisch-Oderland). Quelle: Suskia
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Potsdam

Wer kennt das nicht? Hinter der Fensterscheibe lacht der Frühling - die Arbeit am Rechner oder an der Supermarktkasse kann aber nicht warten. In dem Buch „Im Freien“ gibt Björn Kern dem Schmerz nach. Er will das wahre Leben nicht verpassen. Er lässt drinnen alles stehen und liegen und geht raus, um Weite, Wind und Wetter zu spüren. Um sein „Nahweh“ zu stillen, wie er es nennt. „Das Nahweh ist der Trieb, der im Draußensein seine Befriedigung findet.“

Lebt im Oderbruch

Als Aussteiger hat sich der heute 40-Jährige bereits einen Namen gemacht. Sein Buch „Das Beste, was wir tun können, ist nichts“ (2016) wurde schon fünf Mal nachgedruckt. Darin erzählt der Kritiker der westlichen Lebensweise, wie er dem urbanen Leben in Berlin Adieu sagt und mit seiner Kleinfamilie einen bescheidenen, verfallenen Hof zwischen dem Oderbruch und den Seelower Höhen im Landkreis Märkisch-Oderland bezieht.

Glückliches Leben auf dem Lande

Nicht Verzicht und Entsagung sind Björn Kerns Maxime. Was er für richtig und für angemessen für das menschliche Leben auf diesem Planeten hält, das tut er mit Herz und Seele. Er schildert ein pralles, glückliches Leben auf dem Lande, das sich auch ohne Auto und Fernreisen, ohne Klicks bei Amazon und ohne Ersatzbefriedigungen wie Alkohol und Chips einstellt.

Gegen „die Materialschlachten des Systems“

Kern enthebt sich vieler Zwänge, indem er „die Materialschlachten des Systems“ nicht mitmacht. „Ich will nicht cool sein. Sondern lieber leben.“ Sobald er die Natur mit allen Sinnen wahrnehmen kann, fühlt er sich einfach wohler. Als Autor mit Abgabefristen weiß auch er, wie es ist, wenn man die beste Zeit des Tages vor einem Bildschirm hockt. Zur Not reiche auch mal die Mittagspause, rät er. Und manchmal fühlt sich der Aussteiger Kern auch in seinen eigenen vier Wänden mit Frau und Kind eingeengt. Dann wählt er die Exit-Strategie und lässt die sandige Dorfstraße hinter sich.

Verwechselt Rehe und Wölfe

Kaum ist der letzte Schnee geschmolzen, bricht Kern mit einer Isomatte auf, um im Wald zu übernachten. Er begegnet Tieren (sind es Rehe oder Wölfe?) und seinen eigenen Ängste und wird kaum ein Auge zudrücken. Das erste Kapitel liest sich besonders spannend, weil es unterwartete Wendungen nimmt.

Grundstücke ausgelost

Nach der Trockenlegung des Oderbruchs, weiß Björn Kern, sind Wald und Flur „eine totale Kunstlandschaft“. Viele Orte nennt man hier noch „Loos“, denn im 18. Jahrhundert hatten „Württemberger, Pfälzer und Sachsen im Wortsinne ein Los zu ziehen, damals: Loos, auf dem ihr neues Grundstück vermerkt war.“

Mit Glyphosat totgespritzt

Er verklärt die im 20. Jahrhundert entstandene Agrarwüste nicht, der Oderbruch sei „stets auch ein bisschen trist“. Seiner Naturschwärmerei entgegen stehen die mit Glyphosat totgespritzten riesigen Weizenfeldern, die als Energielieferanten angebauten Monokulturen aus Raps und Mais. Über Windräder und Biogasanlagen urteilt er aber nicht. Von der Romantik der „Outdoor“-Industrie und dem Leistungsdenken der Fitness-Branche grenzt er sich aber deutlich ab. Ebenso von Menschen, die meinen, ihr gefühltes Defizit mit schamanischen oder esoterischen Ritualen zu kompensieren.

„Die Zauberwelt ist nah“

Eines Abends macht sich der Individualist auf, um kilometerweit über stille Bahngleise in Richtung polnische Grenze zu wandern. Auf seinen Ausflügen sieht er, wie Feldhaasen „aus der Sasse springen“ (solche ungebräuchlichen Worte liebt der Autor). Er beobachtet Fasanen, Kraniche, Eulen und Biber, Dachse, Sperber, Hornissen und Mücken. „Die Zauberwelt ist nah, unmittelbar und stark“, jubelt der Philosph in ihm. Nur draußen und nicht drinnen fände der strapazierte Mensch etwas, was ihm gut tue und das liege so nah. Björn Kern feiert den „Perspektivwechsel“ und ein Sein „gegen alle Gebote der Verwertbarkeit“. „Und so geht es beim Draußensein nicht nur um das Freilegen weggeklickter Sinne. Das Draußensein hilft auch dabei, die Maßstäbe wieder zurückzurücken.“

Den Nachbarn kennt der Leser schon

Björn Kerns Polemik gegen den Irrwitz der westlichen Zivilisation wappnet sich natürlich auch mit Selbstgerechtigkeiten. Um seine radikale Sicht der Dinge etwas zu relativieren, zitiert Björn Kern gern seinen „märkischen Nachbarn“. Wie der in einheimischer Mundart und mit ruppiger Ironie gegen die Welt zu Felde zieht, das kennt der Leser schon aus dem Vorgängerbuch.

Erträgliches Brandenburg

In dem erzählte Björn Kern 2016, wie er der Stadt Berlin den Rücken kehrt. „Bekanntlich ist Berlin überhaupt nur erträglich, weil es von Brandenburg umgeben ist“, meint er. Ein Jahr Aussteigerleben im Oderbruch genügte, um eine neue Lebenseinstellung zu entwickeln: „Wenn ich etwas brauche, kaufe ich es nicht. Was ich eine Woche später noch immer benötige, leihe ich aus. Wenn ich etwas erleben will, bleibe ich auf der Bank sitzen.“

Dreht nicht am großen Rad

Seinen weitgehenden Verzicht auf die Angebote der Konsumgesellschaft hat der Schriftsteller als großen Befreiungsschlag für sich entdeckt. Der damals 38-jährige Vater eines Kindes lässt den Leser an seiner Landnahme teilhaben. Kern kauft kostengünstig eine Immobilie und richtet sich Hof und Garten her. In seinem Buch „Das Beste, was wir tun können, ist nichts“ versammelt Kern etwa 80 Betrachtungen darüber, wie absurd und wie wohltuend das Alltagsleben sein kann. Vorausgesetzt, man dreht nicht am großen Rad.

Sympathischer Eifer

Seine unterhaltsame Bekenntnisschrift ist mit vielen Erlebnissen, Beobachtungen, zivilisations- und kulturkritischen Mutmaßungen gespickt und in einem sympathischen Eifer verfasst. Kern treibt nicht weniger als die Zuversicht, dass sich die Welt und die Menschheit doch noch retten lassen. Die Mitmenschen müssten nur begreifen, dass weniger mehr ist und dass das Glück eigentlich so nah liegt.

Schwarzwälder in Neulangsow

Björn Kern stammt ursprünglich aus dem Südschwarzwald und beschwört seine brandenburgische Wahlheimat. Neulangsow, den Namen des Dorfes nennt er im Buch nicht, liegt zwischen Seelow und dem Fluss Oder. Hier fühlt sich der Wessi auch von den Einwohnern gut aufgenommen. „Unten, im Schwarzwald, ist es umgekehrt: Da musst du dir als Neuer den Zutritt in die Gemeinschaft hart erarbeiten“, lautet sein Fazit. Sein Buch erinnert an den Bestseller von Dieter Moor „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone“.

Lernen wie man die Wiese senst

Das Verb „brauchen“ fällt auch bei Kern öfter: „Wenn wir nicht hinfliegen, wo wir nicht hinmüssen, und nicht kaufen, was wir nicht brauchen, lässt sich hervorragend das tun, was uns wirklich wichtig ist.“ Wie der Fernsehjournalist Moor singt Kern das Hohe Lied auf seinen märkischen Nachbarn. Der Mann, der zufällig neben ihm wohnt, scheint ihm lebensklüger als alle Städter zusammen. Von ihm lernt er, wie man die Wiese senst, die Kartoffeln anbaut und den Ofen richtig heizt.

Arbeitszeit ist Lebenszeit

Doch die eigentlichen Lektionen des Nachbarn bestehen darin, Werkzeuge nicht im Baumarkt zu kaufen (wegen mangelnder Qualität), die Dinge nachbarschaftlich zu teilen und vor allem, nie leichtfertig per Klick im Internet zu bestellen. Denn für jeden Artikel, den man kauft, muss Arbeits-, sprich: Lebenszeit eingesetzt werden. Ein Handy für 15 Euro tut’s auch – doch Vorsicht: „Handy an, Leben aus. Handy aus, Leben an“, weiß Kern.

Hühnereier bringen Geld

Der geschätzte Nachbar, ein ehemaliger Flugzeugingenieur, der offiziell arbeitslos ist, aber keine Stütze vom Staat einstreicht, verfolgt die Vision, weitgehend autark zu leben. Das Obst wird eingeweckt, Bohnenkaffee nur gekauft, wenn die Hühnereier genügend Geld abwerfen. „Warum soll er ins Büro gehen, um Geld für Gemüse zu verdienen, das er selbst anbauen kann. Warum sollte er am Computer verkümmern, wenn er draußen viel glücklicher ist“, rechtfertigt Björn Kern dessen Haltung. Kern aber möchte „Garnichtstun“. Soll der Vorgarten doch verwildern, soll das Bauernhaus doch allen „Landlust“-Klischees spotten. Sein Ziel, ja seine „Berufung“ sei das „gelingende Nichtstun“, das keine Ressourcen verbraucht und keinerlei Schaden anrichten kann.

Faulheit ist am besten

Doch stopp! Ist sein Buch vom Himmel gefallen? Ein Kapitel ist mit „Das Geständnis“ überschrieben: „Ich arbeite. Manchmal. Ich will nicht, aber ich muss. Und so sieht mich, wer aufmerksam hinschaut, hin und wieder etwas in eine Tastatur tippen oder in ein Radiomikrofon einsprechen.“ Doch viel lieber, beteuert Kern, sitze er faul auf seiner Gartenbank.

Info: Björn Kern: Im Freien – Abenteuer vor der Tür. Fischer, 224 Seiten, 14,99 Euro. Björn Kern: Das Beste, was wir tun können, ist nichts. Fischer, 256 Seiten, 12 Euro.

Von Karim Saab