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Kultur Blinder Galerist: Johann König schreibt seine Memoiren
Nachrichten Kultur Blinder Galerist: Johann König schreibt seine Memoiren
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10:00 23.06.2019
Johann König steht auf der Liste der hundert einflussreichsten Personen zeitgenössischer Kunst. Nur sieht er davon kaum etwas. König ist fast blind. Quelle: Theresa Kottas-Heldenberg/dpa
Berlin

Die Art Basel ist an diesem Montag zu Ende gegangen, und Händler wie Galeristen haben wieder für Millionen und Abermillionen Euro Kunstwerke an den reichen Mann und die wohlhabende Frau gebracht. Die Messe hat auch in diesem Jahr gezeigt: Der Kunstmarkt boomt weiter.

Und wie: Laut dem vor Kurzem herausgegebenen „Art Market Report“ haben sich 2018 die Umsätze der Auktionshäuser und Galerien mit Kunst weltweit auf rund 67,4 Milliarden Dollar (59,4 Milliarden Euro) summiert, das sind 6 Prozent mehr als im Vorjahr.

Einer der einflussreichsten internationalen Galeristen ist Johann König. Er betreut Künstler wie Jeppe Hein, Alicja Kwade, Norbert Bisky und Natascha Sadr Haghighian, die in diesem Jahr den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig bespielt. Er beschäftigt rund 40 Mitarbeiter und nennt mit der umgebauten Kirche St. Agnes – einem ehemaligen Gotteshaus im Baustil des Brutalismus – in Berlin-Kreuzberg eine der ungewöhnlichsten und coolsten Galerien des Landes sein Eigen.

Königs Kindheit endete Ende Februar 1993

Das Ungewöhnliche aber ist: Johann König ist nach einem Unglück in seiner Kindheit stark sehbehindert. Wie aber kann man mit Kunst handeln, die man ja doch sehen muss, um sie zu beurteilen, wenn das Augenlicht nahezu zerstört ist? Das beschreibt König nun in seinem Buch „Blinder Galerist“, das er gemeinsam mit Daniel Schreiber verfasst hat (Propyläen, 168 Seiten, 24 Euro).

Königs Kindheit endete an einem Tag Ende Februar 1993. Im Gespräch erzählt er, was damals passierte: „Es war eigentlich ein schöner Abend. Ich habe mit meinen Eltern zu Abend gegessen und bin dann auf mein Zimmer gegangen, um ein paar Sachen zu sortieren.“

Er habe sich an diesem Tag Baseballkarten gekauft und wollte sie in eine Holzkiste räumen. „Aber in dieser Holzkiste war die Munition einer Startschusspistole. Diese Kügelchen aus Schwarzpulver habe ich dann in eine Dose für Anglerblei umsortiert. Und dabei ist die Munition in meiner Hand explodiert – wahrscheinlich, weil sie sich in diesem Plastikdöschen verkantet hat.“

Lange Leidenszeit mit vielen Operationen

Das furchtbare Resultat: Die Hände des Zwölfjährigen sind genauso schwer verletzt wie seine Augen, in die kleine Plastikteile der Dose geflogen sind. Es folgt eine lange Leidenszeit mit vielen Operationen, mit Ungewissheit, Hoffnungen und Enttäuschungen. Das eine Auge wird später komplett kollabieren, das andere auf eine Sehkraft im einstelligen Prozentbereich sinken.

Aber Johann Königs Memoiren eines jungen Mannes sind nicht nur die berührende Geschichte eines Unfalls, sondern auch ein unterhaltsames und kluges Buch über eine unglaubliche Karriere und über die Mechanismen des Kunstbetriebs. Und sie zeigen, wie sehr Sehbehinderte aus unserer visuell geprägten Gesellschaft ausgeschlossen sind.

Doch König will sich nicht ausschließen lassen, er will dabei sein. Er besucht die Blindenstudienanstalt in Marburg und fasst neuen Mut. „Dort waren Kinder, die ähnliche Probleme hatten wie ich“, sagt König. „Unter seinesgleichen zu sein war die beste Form, damit wieder klarzukommen.“

Johann König (mit Daniel Schreiber): Blinder Galerist Quelle: Verlag

Und er trifft dort auf einen Kunstlehrer, der ihn überzeugt, sich mit zeitgenössischer Kunst auseinanderzusetzen. Der Lehrer sagt den urkomischen Satz, dass Gegenwartskunst für Nicht-Sehende besonders geeignet sei, weil die Sehenden dafür genauso blind seien wie die Blinden. Da ist wohl was dran.

Doch eigentlich musste Johann König gar nicht von Kunst überzeugt werden, er hatte den Betrieb von Kindesbeinen an kennengelernt. Sein Vater ist der bekannte Kunstprofessor und ehemalige Direktor des Museums Ludwig in Köln, Kasper König, der die Kunst in Deutschland bis heute prägt; seine Mutter ist die Schauspielerin und Illustratorin Edda Köchl-König. Sein Onkel Walther König hat die gleichnamige Kunstbuchhandlung gegründet, sein Bruder Leo betreibt eine Galerie in New York.

Der elterliche Fernseher stand auf einer Brillo-Box von Andy Warhol, an den Wänden hing Kunst – von Blinky Palermo bis Jörg Immendorf. Auch wenn ihm und seinen Geschwistern die ständigen Besuche in Ausstellungen „tierisch auf die Nerven“ gingen, hat er später bemerkt, „was das für ein Privileg war, da in jungen Jahren schon so viel mitzubekommen“.

Ein Buch voller Lebenfreude und Lebensklugheit

Vielleicht rührt daher auch das besondere Verhältnis, das König zu seinen Künstlern hat, haben muss. Denn auf die Frage, wie er während der Zeit, in der er nahezu nichts sehen konnte, Kunst beurteilt hat, sagt er: „Ich habe da vor allem den Künstlern vertraut. Als Galerist vertritt man ja zumeist den gesamten Künstler und nicht nur einzelne Werke, auch wenn es das manchmal gibt.“ Man sei sowieso gut beraten, dem Künstler in seinem Schaffen zu vertrauen.

Der vierfache Vater Johann König, der heute nach einer erfolgreichen Hornhauttransplantation auf dem einen Auge rund 30 Prozent Sehkraft hat, erzählt in seinem Buch voller Lebenfreude und Lebensklugheit schonungslos von Abstürzen, Katastrophen und falschen Entscheidungen. Er schreibt es zuweilen selbstironisch und lustig. Etwa wenn er plötzlich mit der falschen Frau spazieren geht, ein, zwei Minuten Arm in Arm, bis er seinen Irrtum bemerkt.

Erste Galeriegründung als Abiturient

Aber es wird auch deutlich, wie sehr ihn die Beeinträchtigungen oft auch stören, etwa dass er nicht mal schnell losrennen kann, ohne sich in Gefahr zu begeben, oder dass es immer etwas länger dauert, Dinge zu erfassen.

Doch sein Weg, der ihn von der ersten Galeriegründung als Abiturient über eine schon erfolgreichere in Berlin-Kreuzberg hin zum fünf Millionen teuren Umbau von St. Agnes und damit in seine heutige Galerie geführt hat, beeindruckt zutiefst. Denn dieser Weg ist ein erfolgreicher, den zu gehen schon eine große Leistung für einen Menschen ohne Beeinträchtigungen wäre.

Von Kristian Teetz

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