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Kultur „Der gute Mensch von Sezuan“ in Potsdam
Nachrichten Kultur „Der gute Mensch von Sezuan“ in Potsdam
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17:45 07.10.2018
Das verunglückte Hochzeitsbankett mit Alina Wolff als Shen Te (r.)   Quelle: Fotos: HOT/Thomas M. Jauk
Potsdam

Drei Götter kommen auf die Erde und möchten wenigstens einen guten Menschen ausfindig machen. Der tüchtige Wasserträger Wang ist es nicht, denn er verkauft das Wasser in Gefäßen, die kleiner sind als sie scheinen. Aber die gütige Hure Shen Te könnte es sein. Um die Götter in Menschengestalt bei sich aufzunehmen, verzichtet sie sogar auf ein Geschäft. Unerwartet bekommt sie dafür einen Lohn, von dem sich Shen Te einen Tabakladen kaufen kann. Doch mit dem Besitz beginnen erst die Probleme. Um die grassierende Not ihrer Mitmenschen zu lindern, verschenkt sie das Geld, statt wie eine Geschäftsfrau zu denken.

In „Der gute Mensch von Sezuan“ diskutierte Bertolt Brecht Ende der 1930er Jahre die Frage, ob die Menschen im Kapitalismus überhaupt gut sein können. Sind nicht Ausbeuter am Ende sogar die vermögenderen Wohltäter und Sponsoren? Die neue Spielzeit des Potsdamer Hans-Otto-Theaters steht unter dem Thema „Haltung“. Dass damit nicht nur eine politisch-moralische Positionierung gemeint sein kann, sondern auch eine ästhetische, durfte am Samstagabend das Premierenpublikum im Großen Haus erleben. Regisseur Malte Kreutzfeldt schminkte die Gesichter der elf Schauspieler nicht weiß und achtete auch darauf, dass keiner von ihnen in einen angestrengten, belehrenden, besserwisserischen Ton verfiel. Damit verstand er Brecht in diesem Fall vielleicht sogar besser als die Brechtianer. Sagt doch Wasserträger Wang am Ende des Stückes einen Satz, den einst Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki mantraartig gebrauchte: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.”

Brecht war sicher ein eifernder Sozialkundelehrer, aber auch ein scharfsinniger Poet. Die Potsdamer Inszenierung unterfüttert den Text mit mehreren sinnlichen Ebenen. Eine elementare Wirkung setzt allein schon das Bühnenbild des Regisseurs. Der Guckkasten könnte breiter und tiefer nicht sein und erstreckt sich in der Mitte bis ins Parkett, Reihe sechs. Gespielt wird in streng klassizistischer Symmetrie unter 29 skulptural angeordneten Lampen auf drei rabenschwarzen Wasserflächen. Es könnten Klär- oder Abklingbecken sein, doch das bewegte, lebhafte Wasser spiegelt sich als verheißungsvolles Meeresflimmern an der Decke. Die Schauspieler müssen beständig durchs Nasse laufen oder waten. Und man hört es ihrem Gang an, ob sie ruhig oder aufgebracht sind, fröhlich oder bedrückt. Manchmal liegen sie auch der Länge lang im Wasser und man kann nur hoffen, dass sie sich keine Erkältung wegholen. Ganz hinten auf der Bühne führen sechs Stufen hoch auf ein Plateau. Dort sitzt ein Jazz-Quartett. Die Musiker um den Trompeter Martin Klingeberg zaubern unaufdringlich Stimmungen aus Cool- und Modaljazz-, Blues- und Jazzrock-Elementen und sind auch zur Stelle, wenn die Schauspieler Lieder von Paul Dessau oder Hanns Eisler anstimmen. Es sind nicht die üblichen Ohrwürmer, sondern echte Entdeckungen. Allein der feinen Musik wegen lohnt sich ein Besuch!

Tabakladen-Besitzerin Shen Te muss bald begreifen, dass sie sich mit ihrer Güte geschäftlich ruiniert. Um ihr Gesicht zu wahren, verfällt sie auf eine Doppelstrategie. Sie erfindet die Figur eines Vetters, in die sie selber schlüpft. „Shui Ta und Shen Te. Ich bin ich, und ich bin der andere. Ich bin beides“, sagt sie.

Die Doppelrolle ist für Theaterleute natürlich ein gefundenes Fressen. Viele Regisseure, vor allem die Freunde des Brecht’schen Verfremdungseffektes, beflügelt die Aufspaltung zu einer krachenden Verkleidungskomödie. Sie kontrastieren die gute Shen e holzschnittartig gegen den bösen Unternehmer Shui Ta. Doch Malte Kreutzfeldt lässt eine großartige Alina Wolff nur schnell und entspannt einen kleinen Schnurrbart unter ihre Nase kleben und ein wenig tiefer sprechen, um den Rollenwechsel zu markieren. So bleibt die Identifikation des Zuschauers mit der Figur gewahrt, die – wie alle Menschen – in einer moralischen Zwickmühle steckt und ein Paradoxon verkörpert.

Kreutzfeldt steht nicht für ein Theater, das den Zuschauern die Emotionen und Mitgefühle austreiben möchte. Anhand von abstrakten Bilder (ein Scheck, der als Papierboot auf dem Wasser ausgesetzt wird; Arbeiter, die wie Lastenelefanten im Kreis laufen) gelingt ihm eine packende Bühnenerzählung.

Zehn der elf Schauspieler sind neu in Potsdam. Jeder von ihnen zeigt sich als starker Typ. Sie alle erhalten die Chance, einmal an die Rampe zu treten und eine vielversprechende Visitenkarte abzugeben. Ein gelungener Einstand. Es ist ungerecht, nur Guido Lambrecht, Jörg Dathe und Marie-Therése Fischer hervorzuheben. Die Arbeit von Regisseur Malte Kreutzfeldt dürfte früher oder später durch eine Nominierung zum Berliner Theatertreffen gewürdigt werden.

Von Karim Saab

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