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Kultur Brigitte Reimanns Zeit im Schriftstellerheim
Nachrichten Kultur Brigitte Reimanns Zeit im Schriftstellerheim
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02:15 19.08.2017
Am Ort ihrer Kindheit: Angelika Gensch und Armin Herrmann vorm Gebäude auf dem Sacrower Schloss-Gelände, wo sie dort zuletzt wohnten. Quelle: MAZ/Angelika Stürmer
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Potsdam

Eines Tages, 1945, hatte Arthur Pieck, der Sohn des späteren DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck, vor Erna Herrmanns Tür in dem Neuköllner Mietshaus in Berlin gestanden. Er kannte sie aus der Zeit, als beide in der Agitpropgruppe der KPD waren. „Vater ist 1927 oder ’28 eingetreten, Mutter später“, erzählt der 75-jährige Armin Herrmann: „Meine Eltern waren unbelastet, sie sollten nun das Heim in Sacrow leiten.“ Nach Kriegsende bis 1953 war Schloss Sacrow bei Potsdam, zuletzt Wohnsitz von Friedrich Alpers, NSDAP- und SS-Mitglied und preußischer Generalforstmeister, nun Domizil für Opfer des Faschismus (OdF) bzw. Verfolgte des Naziregimes (VVN), die sich hier eine Weile erholen konnten.

Die Herrmanns zogen mit den Kindern ’46 dorthin. Armin war vier, Bernd fünf, Angelika zwei. Sie wurden unten im Adjutantenhaus einquartiert. Die Eltern trennten sich 1948, jetzt führte die Mutter, sie war kaufmännische Angestellte gewesen, das Liselotte-Herrmann-Heim, benannt nach der Widerstandskämpferin, allein weiter.

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Gruppenbild von Heim-Gästen aus den Anfangsjahren vorm Schloss Sacrow. Quelle: Armin Herrmann

„Es hat Spaß gemacht, hier groß zu werden“, sagt Armin Herrmann, „es war ein Paradies.“ Mit seiner Schwester Angelika Gensch war er am vergangenen Sonntag wieder an dem Ort ihrer Kindertage. Den beiden ist der neue Raum der Schau „Gärtner führen keine Kriege“, die bereits 2016 hier zu sehen war, mit zu verdanken. Beleuchtet wird nun auch die kaum bekannte Historie des Anwesens vor dem Mauerbau. Die Geschwister hatten sich die Schau damals angeschaut. Da hörte der einstige Kastellan Günter Voegele ihre Geschichte. „So wurden wir aufmerksam auf den Schatz, den sie zu Hause hatten“, sagt Kurator Jens Arndt. An die 100 Fotos aus dem Erbe ihrer Mutter. Drei alte Gästebücher des Heims hatte der Vater in den Sechzigern dem Deutschen Historischen Museum übergeben.

Das ganze Schloss war voller Jagdtrophäen

Armin Herrmann entsinnt sich: „Das ganze Schloss war vollgenagelt mit Alpers Jagdtrophäen. Mutter hat die Geweihe an eine Knopffabrik gegeben. Abgemagert waren anfangs fast alle Gäste. Manche wurden richtig aufgepäppelt. Viele hatten noch ihre Sträflingskleidung an. Dann bekamen sie zivile Sachen. Oft nahmen sie uns mit, wenn sie spazieren waren. Wenn wir ihnen auf die Nerven gingen, sagten sie, wir sollen sie in Ruhe lassen.“ Angelika Gensch erklärt: „Wir wussten nur, dass sie Probleme hatten, die wir Kinder uns nicht vorstellen konnten.“ Sie hatten Konzentrationslager, Zuchthäuser überlebt. Waren in der Emigration gewesen.

Eine Seite aus einem der alten Gästebücher des Heims. Quelle: Armin Herrmann

Doch es herrschte Fröhlichkeit, wurde gefeiert. Man wollte vergessen. Armin Herrmann weiß noch: „Als der Plattenspieler lief, stand plötzlich eine Dame mit Stock auf und zertrümmerte die Platte mit Liszts ,Les Préludes‘. Das hat Goebbels zu den Siegesmeldungen spielen lassen. Sie ertrug es nicht.“

Die Herrmanns saßen bei den Gästen mit am Tisch. Es gab, was der Garten hergab. Kühe, Ziegen, Hühner für die Selbstversorgung hatten sie auch. Zum Essen wurde mit der Glocke am Schloss gerufen.

Ab Sommer 1953 bis 1961 firmierte das Schloss als Schriftstellerheim. Träger war das Druckerei- und Verlagskontor der DDR. Lektoren, Verlagsleute, Journalisten waren da. Unter den Literaten, die hier arbeiteten und Kräfte sammelten, waren Walther Victor, Herbert Jobst, Karl Veken, Herbert Otto, Friedrich Wolf, Elfriede Brüning. „Sie schenkten mir Kinderbücher, Mutter kriegte mehr als zwei Dutzend mit Widmung“, sagt Gensch. Von Valentin Senger, Hedda Zinner, Boris Djacenko.

Die 1973 an Krebs gestorbene Schriftstellerin Brigitte Reimann, fotografiert während ihres Aufenthaltes im Liselotte-Herrmann-Heim in Sacrow im Herbst 1956. Quelle: Ars Sacrow

Eine ganze Wand im neuen Ausstellungs-Raum ist Brigitte Reimann gewidmet, die hier vom 15. Oktober bis 30. November 1956 an einem Lehrgang der Defa für Drehbuchautoren teilnahm. Im Heim lernte sie Max Walter Schulz kennen, später Direktor des Leipziger Literaturinstituts, Schriftsteller Herbert Nachbar war auch da. Ersterer ist „Joe“, der zweite „Jerry“ in ihrem posthum veröffentlichten Romanmanuskript „Joe und das Mädchen auf der Lotusblume“. Es kam zur Ulbricht-Zeit nicht durch die Zensur. Darin hatte sie ihre Zeit in Sacrow verarbeitet. Das Mädchen auf der Lotusblume ist die da 23-jährige Reimann.

Brigitte Reimann liebte den Schwung der Schlosstreppe

Man kann in ihren Tagebüchern 1955–1963 „Ich bedauere nichts“ lesen, dass Tischtennis im Spiegelsaal zu ihrer „neuen Passion“ wurde oder dass sie den „Schwung der Treppe“ liebte. Kurz vorm Abschied schrieb sie: „Ich werde am Sonnabend abreisen müssen, angeblich ist das Haus belegt, in Wahrheit wird die Heimleiterin Unrat gewittert haben.“ Und: „Jerry ist am Ende. (…) Wir haben miteinander geschlafen. Wir werden uns nie vergessen.“ Wieder daheim in Burg, schickte sie der Leiterin einen Brief – auch er ist in der Schau zu sehen. Es habe ihr ausgezeichnet gefallen. Und: „Ich weiß: Sie glauben, ich hätte mit Herbert Nachbar ein Verhältnis angeknüpft, das unseren beiderseitigen Verpflichtungen als Verheiratete zuwiderlief ...“ Sie solle ihr bitte glauben, ihre Beziehung zu ihm sei rein freundschaftlicher Natur gewesen. Nun ja.

Von Angelika Stürmer

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