Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur „Buch der Deutschlandreisen“ von Rainer Wendland
Nachrichten Kultur „Buch der Deutschlandreisen“ von Rainer Wendland
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:03 19.01.2018
Buch der Deutschlandreisen Quelle: Propyläen Verlag
Anzeige
Potsdam

„Man kann nicht einfach mal locker nach Deutschland fahren. So wie zum Beispiel nach Monaco, Portugal oder nach Ungarn. Nach Deutschland fahren, das ist immer Psychoanalyse“, schreibt Andrzej Stasiuk in seinem Bestseller „Dojczland“.

In den frühen 80er Jahren trampte der Schriftsteller nach Słubice und schaute über die Oder nach Brandenburg hinüber. Dort gab es außer dem „leichten Grauen der DDR“ nicht viel zu sehen. „Kommunismus vermählt mit Deutschtum – eine äußerst beunruhigende Mischung“, notierte er damals. Überhaupt sei Deutschland für einen Polen ein Trauma, gegen das nur sehr viel Alkohol helfe. Also trinkt er sich das Land schön. Wenn selbst das nichts hilft, summt er, wie beim Spaziergang durch das von den Nazis erbaute Berliner Olympiastadion, leise eine Zigeunermelodie aus Siebenbürgen vor sich hin.

Anzeige

Der „Komplex“ der Deutschen

Übrigens haben auch die Deutschen selbst Probleme mit ihrer Geschichte. „Keine Frage, sie haben einen Komplex.“ Da ist sich Stasiuk sicher. Warum sonst wird er nach Lesungen immer in eine Pizzeria geführt? Wo der polnische Schriftsteller deutsche Kneipen mit dicken Leuten und verfressenen Ehepaaren eigentlich viel lieber mag. Das Fleisch auf dem Teller und das Bier.

Die deutsche Schwermut überfällt nicht nur Andrzej Stasiuk, wie „Das Buch der Deutschland-Reisen“ von Rainer Wieland eindrucksvoll belegt. Der Band versammelt aufwendig illustriert mehr als 50 Berichte von Deutschland-Reisenden aus aller Welt über einen Zeitraum von 2000 Jahren. Immer wieder ist vom Land der Dichter und Denker die Rede, von einem „mächtigen Trieb zur Arbeit und zum Nachdenken“, wie es Madame de Staёl in ihrem berühmten Buch „Über Deutschland“ (1813) so schön formulierte. Die Nation sei „von Natur literarisch und philosophisch“ – damit einhergehend aber auch für ihre Trägheit berühmt. Nie, so Madame de Staёl, habe sie das Wort „unmöglich“ häufiger gehört als in Deutschland.

Tacitus fand alles trostlos

Als einer der ersten bereist der römische Historiker Tacitus (um 58-120 n. Chr.) die Gebiete, die heute Deutschland heißen. Das Klima dort sei „für Bebauer wie für Beschauer gleich trostlos“, heißt es in seiner „Germania“. Nur Land und Moor existierten, kaum Bewohner. „Wenn sie keine Kriege führen, bringen sie ihre Zeit weniger auf der Jagd als mit Nichtstun hin; sie essen und schlafen … dämmern stumpf dahin, dank eines seltsamen Widerspruches ihrer Natur, da dieselben Menschen in solchem Maße das Nichtstun lieben und den Frieden hassen.“ Sie seien bescheidene Esser. „Dem Durst gegenüber zeigen sie nicht dieselbe Mäßigung.“ Vor allem dem Gerstensaft seien sie hold. Daran hat sich über die Jahrhunderte hinweg nichts verändert. Das Bier ist der Lebenssaft dieser Deutschen.

Der französische Dichter Stendhal beobachtet Anfang des 19. Jahrhunderts eine Vorliebe für Butterbrote und Bier. „Diese Kost muss den lebhaftesten Menschen zum Phlegmatiker machen“, notiert er in sein Tagebuch. Auch die überall servierten Würste und das Sauerkraut hält er für „Verdummungsessen“. Sollte am Ende die deutsche Nachdenklichkeit nur eine Folge der Ernährung sein? Der britischen Schriftstellerin Virginia Woolf geht es ähnlich. Als sie 1909 in Bayreuth die Wagner-Festspiele besucht, entdeckt sie keine deutsche Frau, die ein Gesicht hätte, nur „Pudding aus rotem Teig“. Eine Folge des Alkohols? Zumal in Bayern? „Wo immer man hingeht, findet man einen Garten mit Tischen, an denen Monstermänner und -frauen große Krüge Bier trinken und Fleisch essen.“

Thomas Wolfe auf dem Oktoberfest

Der US-Autor Thomas Wolfe besucht 1928 das Oktoberfest, schwärmt vom Bier und den drallen Blondinen und wird prompt in eine Wirtshausschlägerei verwickelt. Am Anfang bewundert er auf der Wiesn noch die gesunden Naturburschen. „Diese Bauern hatten das makellose Fleisch und die gesunden Zähen von Tieren.“ Im Bierzelt ändert sich bald der Blick und in den Gesichtern der massigen Esser erkennt Wolfe die „aufgedunsene Saturiertheit von Schweinen“. Selbst Simone de Beauvoir, die 1934 mit Sartre Berlin besucht, fallen noch die „gewaltigen Bierhäuser“ in der Hauptstadt auf. Besonders herzig findet sie das Schild an der Wand, auf dem geschrieben steht: „Das Animieren der Damen ist verboten.“

Dostojewski verspielte seinen Ehering

Jeder macht eben seine eigenen Erfahrungen. Der schottische Schriftsteller James Boswell ist so mit sich selbst beschäftigt, dass er gerade mal zwei Stunden in Potsdam bleibt und die meiste Zeit davon noch verschläft. Der Schwede Ingmar Bergman muss 1934 im thüringischen Haina feststellen, wie der Pfarrer seine Predigt nicht auf der Bibel, sondern auf Hitlers „Mein Kampf“ aufbaut. Den US-Schriftsteller Mark Twain erinnert 1878 in der Oper zu Mannheim das „Gebumse und Gepauke, Gedröhn und Gekrache“ des „Lohengrins“ an die letzte Zahnsanierung. Der russische Romancier Fjodor Michailowitsch Dostojewski verspielt auf Hochzeitsreise 1867 in Baden-Baden seinen Ehering. Und der Autor des „Lederstrumpf“ James Fenimore Cooper entdeckt 1832 in Köln einen direkten Zusammenhang zwischen dem Gestank und der Erfindung des Kölnisch Wasser. „Diese Stadt ist der dreckigste und abstoßendste Ort, den wir in Europa bislang gesehen haben.“

„Wer mit offenen Augen unterwegs ist, dem weitet sich der Horizont“, schreibt Rainer Wieland in seinem erhellenden Buch. „Kann es – gerade in Zeiten, in denen nationale Engstirnigkeit, Mauern und Grenzen eine Renaissance zu erleben scheinen – eine geeignetere Medizin gegen Vorurteile und Stereotype geben?“

Rainer Wieland: Das Buch der Deutschland-Reisen. Propyläen, 512 Seiten, 48 Euro.

Von Welf Grombacher

19.01.2018
Kultur Ausgehtipps vom 19. bis 21. Januar 2018 - Das ist los am Wochenende in Brandenburg
19.01.2018