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Kultur Bühnenstar, Stilikone und Lagerhäftling
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18:58 19.01.2017
Ausschnitt  aus dem Gemälde von Julie Wolfthorn aus dem Jahre 1929, das Carola  Neher  in  dem  Stück „Gefallene Engel“ zeigt.
Ausschnitt aus dem Gemälde von Julie Wolfthorn aus dem Jahre 1929, das Carola Neher in dem Stück „Gefallene Engel“ zeigt. Quelle: Lukas Verlag
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Potsdam

Den hermelinbesetzten dunklen Samtumhang hält sie mit einer Hand am Hals zu. Ein zierlicher Mund, fragende Augen. So hat die jüdische Malerin Julie Wolfthorn 1929 die Berliner Schauspielerin Carola Neher (1900-1942) als Jane in Noel Cowards Boulevardstück „Gefallene Engel“ auf einem Gemälde verewigt. Zu sehen ist es gleich vorn in dem unlängst erschienenen interessanten Sammelband „Carola Neher. Gefeiert auf der Bühne, gestorben im Gulag“ aus dem Lukas Verlag mit akribisch recherchierten Aufsätzen von zehn Autoren, Fotos und Dokumenten. Er schildert ihr außergewöhnliches Leben und elendes Ende.

Schöne Beine, aber kein Talent?

Die gebürtige Münchnerin wurde vom Vater zunächst zu einer Banklehre verdonnert. Heimlich nahm sie privaten Tanz- und Schauspielunterricht. Ihr Traum: die Bühne. Im Oktober 1920 wurde sie an den Staatlichen Schauspielen Baden-Baden engagiert. Als Friederike debütierte sie in Carl Laufs Schwank „Pension Schöller“, mit schrägen Nummern sah man sie als Tanzgirl. Die selbstbewusste Neher wollte nach oben. Dafür schienen ihr dann die Münchner Kammerspiele gerade recht. Doch Direktor Otto Falckenberg „sah nur die schönen Beine, glaubte aber nicht an ihr Talent“, heißt es im Buch. Nach weiteren Stationen überzeugte sie am Breslauer Lobe-Theater in der Titelrolle der „Heiligen Johanna“ von Shaw.

Da war Carola Neher bereits mit dem aus dem märkischen Crossen an der Oder stammenden Klabund liiert. Im Mai 1925 heiratete sie den tuberkulosekranken Dichter.

Ganz schön sportlich: Carola Neher im Oktober 1926 bei der Besteigung des Berliner Funkturms. Quelle: Lukas Verlag

Sie schaffte den Aufstieg an die Spitze der Berliner Theaterwelt. Und wusste sich zu vermarkten. Sportlich und Stilikone ihrer Zeit, posierte sie für Modeaufnahmen, so im Badelook. Gas gebend auf dem Motorrad ließ sie sich mit Klabund hintendrauf ablichten. Im Oktober 1926 erklomm sie den Berliner Funkturm – Kameras waren dabei. 1928 lüftete sie im Juni-Heft der Monatszeitschrift „Uhu“ ihr Schönheitsgeheimnis: „Ich nehme für die Haare rohe Eier, für die Stirne Fett, für die Augen kaltes Wasser und für das Gesicht Eis. Der Körper braucht Gymnastik … In der Woche eine Zigarette; einteilen muß man sich‘s halt.“

Der todkranke Klabund war ihrem aufreibenden Leben in Berlin nicht gewachsen, wo sie in Kreisen der Boheme verkehrte, in Lustspielen, Gesellschaftskomödien, Revuen auftrat und große Charakterrollen verkörperte. So hatte ihr Brecht, den sie abblitzen ließ und der ihr „Pfirsichgesicht“ mochte, die Titelrolle von „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ auf den Leib geschrieben und sie zu seiner ersten Polly in der „Dreigroschenoper“ gemacht.

Kostümprobe für das Brautkleid der Polly in der „Dreigroschenoper“ daheim bei Elisabeth Hauptmann 1929 in der Wohnung. Quelle: Lukas Verlag

Klabund war immer wieder im Lungensanatorium in Davos. Als er 1928 starb, war sie untröstlich. Stürzte sich 1931 in eine lockere Liaison mit dem Komponisten Hermann Scherchen, von dem die Hymne „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ stammt, der mit der kommunistischen Bewegung sympatisierte und sie animierte, Russisch zu lernen. Die politisch nie organisierte Neher besuchte einen Sprachkurs der „Marxistischen Arbeiterschule“ in Neukölln. Sie lernte dort Anatol Becker kennen, der Russisch unterrichte. Und herumposaunte, er solle im Auftrag der Komintern in Berlin Aufstände organisieren.

Eines Tages waren beide spurlos verschwunden. Sie hatten geheiratet und ihr Ziel war die Sowjetunion. Das Exil ab 1933 wurde zum Verhängnis. Zwar hatte Becker einen Job als Werkzeugkonstrukteur gefunden. Aber man verdächtigte ihn, ein Spitzel zu sein. Er wurde im Mai 1936 verhaftet und erschossen.

Carola Neher, die Ende 1934 den gemeinsamen Sohn Georg zur Welt brachte, war in Moskau zumeist arbeitslos. Ab und an gab sie Schauspielunterricht für die Laien der Truppe „Deutsches Theater/Kolonie Links“ von ihrem Kollegen Gustav von Wangenheim, der sie im April 1936 denunzierte, sie sei politisch unzuverlässig.

Sie nahm einen Brief Wollenbergs von Prag nach Moskau mit

Im Sammelband sind auch jene sechs klugen Artikel Nehers für die Zeitschrift „Ogonjok“ über deutsche Theaterkünstler im Exil zu lesen, wie Erwin Piscator und Ernst Busch, Max Reinhardt. Ansonsten: ein Brecht-Abend, eine Radiosendung über Erich Mühsam. Viel mehr war nicht.

Vom Bankschalter auf die Bühne

Geboren wurde Carola Neher am 2. 11. 1900 in München als Katharina Neher. Dort musste sie auf Wunsch des Vaters zunächst eine Banklehre antreten.

Nach Theaterstationen ab Oktober 1920 in Baden-Baden, München und Nürnberg war sie am Wiener Akademietheater in Klabunds „XYZ“ zu erleben. Ab 1924 spielte sie am Vereinigten Lobe- und Thalia-Theater Breslau.

Die Karriere in Berlin: 1926 konnte man sie im Theater in der Königgrätzer Straße, heute Hebbel-Theater, als Jane Banbury in Noel Cowards „Gefallene Engel“ sehen. Als Marianne 1931 in der Uraufführung von Ödön von Horvàths „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Und als Polly trat Neher 1929 im Theater am Schiffbauerdamm in „Die Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill auf.

Filme mit Carola Neher: „Die Mysterien eines Frisiersalons“ (1922) unter Regie von Erich Engels und Bertolt Brecht, „Zärtlichkeit“ (Frankreich 1930, Regie: André Hugon) sowie G.W. Papsts „Die 3-Groschen-Oper“ (1931).

Im Exil in der Sowjetunion wurde Carola Neher im Juli 1936 verhaftet. Am 26. Juni 1942 starb sie an Typhus im Gulag in Sol-Ilezk.

Info: Bettina Nir-Vered, Reinhard Müller, Irina Scherbakowa, Olga Reznikova (Hg.): Carola Neher. Gefeiert auf der Bühne, gestorben im Gulag. Lukas Verlag, 346 Seiten, 24,90 Euro.

Nachdem sie im Sommer 1934 nach Prag gefahren und dort den aus der KPD ausgeschlossenen und der SU geflohenen Kommunisten und angeblichen Trotzkisten Erich Wollenberg getroffen hatte, warf man ihr vor, einen Brief von ihm nach Moskau mitgenommen zu haben. Allenfalls war das ein Empfehlungsschreiben für ihre Kinderfrau Elsa Taubenberger, heißt es im Buch. Unter dem Vorwand, Agentin Wollenbergs zu sein, wurde Neher im Juni 1936 wegen „konterrevolutionärer Tätigkeit“ zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Dem als „Säuberung“ deklarierten großen Terror unter Stalin sind etliche Seiten gewidmet. Die Verhaftungen von „Volksfeinden“ erreichten 1937 ihren Höhepunkt. 1938 befanden sich 1,9 Millionen Menschen im Gulag.

Haftfotos von Carola Neher aus dem Jahre 1936. Quelle: Lukas Verlag

Zunächst brachte man Carola Neher ins Moskauer NKWD-Gefängnis Lubjanka, wo sie sich umbringen wollte. Dann war sie Häftling in Butyrka, ab 1938 in Jaroslawl, ein Jahr in Wladimir.

Berührend im Buch ist jenes Interview aus den 1990ern mit Hilda Dutý, das der Autor Peter Diezel führte. Zuvor hatte es kaum authentische Quellen zu Nehers Jahren in den Lagern gegeben. Dutý war in Orjol im Orenburger Gebiet sowie Sol-Ilezk, an der Grenze zu Kasachstan, wohin sie im Herbst 1941 in Viehwaggons transportiert wurden, eine ihrer letzten Mitinsassinnen. Sie berichtete, dass Neher in der Zelle Gedichte vortrug, Gymnastik machte, obgleich strengstens verboten.

Isolationshaft und Typhus

Als man Neher fürs NKWD anwerben wollte, lehnte sie ab. Konsequenz: Isolationshaft – ohne Essen, sie hatte weder Matratze noch Decke. In Sol-Ilezk ließ sie sich wegen der Läuse den Kopf kahlscheren. Sie bekam Typhus. Vor ihrem Tod am 26. Juni 1942 bat sie noch: „Wenn ihr rauskommt, kümmert euch um meinen Schorsch (Georg)!“, berichtete Hilda Dutý.

Carola Neher mit dem kleinen Sohn Georg Becker, Foto aus der „Arbeiter Illustrierten Zeitung“ vom 2. Februar 1936. Quelle: Lukas Verlag

Nehers und Beckers Sohn Georg hatte man, noch nicht mal zwei Jahre alt, in ein Kinderheim in Miljuschino nahe Rubinsk verfrachtet. Erst im März 1941 wusste seine Mutter, dass er dort war. Sie schrieb ihm – das sagte ihm niemand. Bis 1950 brachte er in Heimen zu, kam dann zu Pflegeeltern. Später gelang es ihm, eine Rehabilitierungsbescheinigung für seine Mutter und vom Moskauer KGB genauere Informationen über seine Eltern zu bekommen. Erst nach einem von Erich Wollenberg initiierten Appell – unterzeichnet auch von Willy Brandt – der an Breschnew geschickt wurde, durfte Georg Becker 1975 in die BRD übersiedeln. Und 15 Jahre danach konnte er die Akten der Ermittlungen gegen seine Eltern einsehen.

Von Angelika Stürmer

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