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Kultur Bundesverdienstkreuz für Juli Zeh
Nachrichten Kultur Bundesverdienstkreuz für Juli Zeh
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18:11 22.05.2018
Die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh (43) lebt seit 2007 in einem kleinen Dorf im Havelland.
Die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh (43) lebt seit 2007 in einem kleinen Dorf im Havelland. Quelle: dpa
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Potsdam

Manchmal muss sie es einfach „in aller Deutlichkeit“ sagen. Und dann wählt Juli Zeh den Essay – oder sie schreibt einen „Offenen Brief“. So wie im September 2013, als sie Bundeskanzlerin Angela Merkel im Zuge der NSA-Affäre dazu aufforderte, „den Menschen im Land die volle Wahrheit über die Spähangriffe zu sagen“. Die in dem kleinen Dorf Barnewitz im Landkreis Havelland lebende Schriftstellerin wurde am Dienstag von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für ihr Engagement „für bürgerliche Freiheitsrechte im digitalen Zeitalter“ mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Eine Intellektuelle in der Tradition von Sartre und Grass

Juli Zeh (43) ist eine politische Intellektuelle im klassischen Sinn – in der Tradition eines Jean-Paul Sartre oder Günter Grass. Eine, die sich lautstark in die Res Publica, die öffentlichen Angelegenheiten, einmischt und dafür vom Schreibtisch aufsteht und in den Ring geht. 2008 zog sie vors Bundesverfassungsgericht um den geplanten biometrischen Reisepass als einen unzulässigen Eingriff in die Grundrechte der Bürger anzuprangern – ohne Erfolg. Und ein Jahr später veröffentlichte sie gemeinsam mit Ilija Trojanow „Angriff auf die Freiheit: Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau der bürgerlichen Rechte“.

Von der Ausbildung her ist die aus Bonn stammende promovierte Juristin für derartige Gefechte gut gerüstet. Die Freiheit des Einzelnen und deren Bedrohung im digitalen Zeitalter der Datensammler und Verhaltensmanipulierer ist ihr Herzensanliegen. Darum geht es zum Teil auch in ihren Romanen. In ihrem 2009 erschienenen Roman „Corpus Delicti. Ein Prozess“ schlägt der moderne Fitnesswahn in eine staatliche Gesundheitsdiktatur um. Ihr neuestes Werk „Leere Herzen“ handelt von einer Gesellschaft, in der Rechtspopulisten an die Macht gewählt werden. Schrittweise werden zunächst die Anzahl der ausländischen Beschäftigten reduziert, dann die der Verfassungsrichter und schließlich die demokratischen Werte selbst.

„Leere Herzen“ – realistischer als gedacht

Der Roman sei nicht als Prognose, sondern als Gedankenspiel gedacht gewesen, räumte Juli Zeh kurz nach seinem Erscheinen in einem Interview mit der „Märkischen Allgemeine“ etwas irritiert ein. „Nun haben sich aber in rasanter Geschwindigkeit viele der Annahmen meines Romans auch in der Realität erfüllt“, so Zeh damals. Sie befürchte, dass die AfD weiter anwachsen werde, „wenn das so weitergehe“.

So viel Politik in der Literatur ist dem SPD-Mitglied dann doch nicht ganz geheuer. Ein Roman sei eigentlich kein geeigneter Träger politischer Botschaften, findet sie. Und in der Tat: Ihr Bestseller ist bislang „Unterleuten“, ein Gesellschaftsroman mit einem politisch eher randständigen Thema: Ein brandenburgisches Dorf, dessen vermeintliche Ost-Idylle gleich von mehreren Seiten gestört wird: von zugezogenen Westdeutschen und dann auch noch von geldgierigen Windkraftinvestoren. Es ist das sensible Porträt der ostdeutschen Nachwende-Provinz, das aus der wechselnden Perspektive der Beteiligten die Vorurteile gegenüber dem jeweils anderen offenlegt.

Im havelländischen Barnewitz ist sie einfach unter Leuten

Die Westdeutsche Juli Zeh hat diese Provinz lieben gelernt. Seit 2007 lebt sie mit Mann und zwei Kindern in dem 350-Seelen-Dorf Barnewitz. Und sie genießt es dort einfach nur Dorfbewohnerin und Nachbarin zu sein. In diesem Rückzugsraum im Westen Brandenburgs schreibt sie ihre Romane. Von hier zieht sie zu ihren streitbaren Einsätze in die Welt der politischen Diskussionen. Am meisten treibt sie derzeit um, dass das fremdenfeindliche Klima im Land zunimmt. Man müsse die Ängste der Menschen offenlegen, um zu zeigen, dass es gar nicht um die Flüchtlinge, sondern um eine tiefe Verunsicherung in der modernen Welt gehe, sagte sie kürzlich.

Von Mathias Richter