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Kultur Castorfs lautes Kasperletheater
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09:48 01.09.2017
Die Kritiker waren stets die ersten, die Castorf geißelten – nun sind sie die letzten, die ihn gehen lassen wollen.
Die Kritiker waren stets die ersten, die Castorf geißelten – nun sind sie die letzten, die ihn gehen lassen wollen. Quelle: dpa
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Berlin

Sie wissen gar nicht mehr, wohin mit ihrer Liebe für Frank Castorf, den sie noch vor Kurzem als ein müdes, überspanntes, sich wiederholendes Rumpelstilzchen denunzierten. Castorf war eine fallende Aktie und seine Volksbühne, wo er Intendant ist, galt als Ort, wohin man sich ein weiches Kissen mitnimmt, weil man eh bald einschläft; und gerne auch ein Buch mit echter Handlung und einem handelsüblichen Satzbau – weil das Ensemble an der Volksbühne einerseits als hochbegabt durchging, andererseits für sein Sektierertum gefürchtet war. Die Kritiker waren die Ersten, die das geißelten. Nun sind sie die Letzten, die Castorf gehen lassen wollen. Sie haben die Berliner Volksbühne nach 2016 wieder zum Theater des Jahres gewählt.

Theater ist immer live, immer in Gefahr, abzustürzen

Warum? Weil Castorf aufhört, nach 25 Jahren an der Spitze des Hauses. Sein finaler Verdienst: Eine wilde, bunte Inszenierung von Goethes „Faust“. Sieben Stunden lang. Da wird alles reingerührt, was Castor auch bisher in seine alten Rezepturen für den Zaubertrank gekippt hat. Schreien, Nacktheit, Videos und so etwas wie Sexyness – jene grelle Sexyness zumindest, wie man sie in Berlin-Mitte schätzt. Das alles ist ein hochwillkommenes Happening, das handwerklich zuweilen grandios zu überzeugen weiß.

Anderseits: Sieben Stunden „Faust“! Ein elitärer und doch sehr konventioneller, bildungsbürgerlicher Schlussakkord für eine undressierte Bühne. Ist das der Tusch, mit dem man sich an einem Stadttheater in Erinnerung halten will? Und wo man gleich zu Anfang des Stückes dem Belgier Chris Dercon auf der Bühne sinnbildlich ein Bier über den Kopf gießt?

So etwas hält die Kritiker bei Laune, sowas goutieren sie und stellen fest: Bestes Theater Deutschlands?

Klar, die Wahl ist legitim, denn Theater ist die ungezogenste, gefühlsechteste Spielart im Kunstbetrieb. Immer live, immer in Gefahr, abzustürzen, Texte zu vergessen, von der Bühne gepfiffen zu werden. Wer die Zumutung, wer das Kasperletheater nicht liebt, sollte vor dem Fernseher bleiben. Und Castorf meiden.

Auf der Bühne darf geplärrt werden

Die Zumutung in dieser wiederholten Volksbühnen-Wahl liegt freilich darin, dass es nun im zweiten Jahr um einen geht, der sich nicht wehren kann, den man nicht auf die Bühne lässt, den Castorf aussperrt, so lange er, Castorf, dort amtierte. Chris Dercon durfte nicht hinein, konnte kein Gefühl für die Bühne und ihre Mitarbeiter kriegen. Anwälte mussten zwischen Castorf und Dercon vermitteln, sind gescheitert, kaum einer der alten Schauspieler wollte beim Neuen, bei Dercon, weiterarbeiten. Sie veröffentlichten einen Brief gegen Dercon, ins Blaue geschrieben, der alte Schlachtruf „neoliberal“ ist laut geworden. Ohne Hand und Fuß. Wer die Arbeit von Dercon, dem Ausstellungsmacher, verfolgt hat, sieht eine linke Note in seinem Duktus.

Auf der Bühne darf geplärrt werden, neben der Bühne aber ist das fatal. Wenn der manchmal vitale, vorlaute Ton der Volksbühne nicht nur zur Kunst, sondern zur Hauspolitik erwächst, mit der man jede Neuerung wegbeißt, hat man den „Faust“ nicht gründlich gelesen. Und sollte ihn nicht sieben Stunden auf die Bühne heben.

Christoph Schlingensief war in den 90er Jahren ein Hausautor an der Volksbühne – es holte geistige Behinderte auf die Bühne, man tat ihn ab als Sonderling. Dann erkrankte er schwer und starb. Plötzlich hat ihn die Kritik geliebt, sein Pathos vergöttert. So ähnlich fühlt es sich nun an bei Castorf: Er geht. Die Kritiker vergießen ihre Tränen und finden kein Ende. „Verweile doch, du bist so schön“, zitieren sie Faust.

Berlin zeigt sich als geistige Provinz. Keine Änderungen! Immerhin, Merkel wird wohl bleiben.

Von Lars Grote

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