Chöre in Potsdam - Singen trotz Corona
Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Chöre in Potsdam: „Wir versuchen, uns ein Stück Normalität zurückzukämpfen“
Nachrichten Kultur

Chöre in Potsdam - Singen trotz Corona

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:53 28.08.2021
Chor 11.08.2021 Probe des Kneipenchors Potsdam probt im Lustgarten
Chor 11.08.2021 Probe des Kneipenchors Potsdam probt im Lustgarten Quelle: Julius Frick
Anzeige
Potsdam

Es ist eine lustige Runde, die im Lustgarten auf der Wiese lagert. Der Potsdamer Kneipenchor bereitet einen neuen Song vor. „Give It Up“ von KC & The Sunshine Band“ wird den Männern später noch hohe Kopfstimmen abverlangen – die sie nach der Sommerpause erstaunlich gut meistern. Die 16 Singenden tragen schwarze Chor-T-Shirts, „est. 2017“, gegründet 2017, steht darauf. In kurzer Zeit hat sich der Kneipenchor eine gewisse Bekanntheit ersungen, denn bis vor zwei Jahren verzichtete kaum ein Stadtfest auf ihn.

„Jetzt ist ein bisschen Trägheit reingekommen“, sagt David Federau. Der 27-jährige ist einer der musikalischen Köpfe dieses „Primus-inter-pares“-Chors. Da er das neue Lied ausgesucht hat, leitet er auch die Probe und begleitet die Singenden gleichzeitig mit der E-Gitarre. Die Open-Air-Probe macht allen großen Spaß, aber die Fragen, wie lange das Wetter noch hält, und ob man sich dann wieder unter einer Brücke zum Singen treffen muss, sind jetzt schon da.

David Federau stellt den neuen Song mit der Gitarre vor. Quelle: Julius Frick/MVD

Die anhaltende Pandemie-Lage macht allen Potsdamer Chören zu schaffen. Um Probenlokale wie im Freiland, Jugendclub Mitte oder Lindenpark bemühen sich alle – und stehen in Konkurrenz mit Bands, Tänzern und Theatergruppen. Für den Kneipenchor mit ehemals 50 Mitgliedern ist es schwierig, einen ausreichend großen Raum zu finden.

Dabei ist ein Chor mehr als eine musikalische Veranstaltung. „Der Kneipenchor ist wie meine Familie“, sagt David Federau. Entstanden in einer WG-Küche in Potsdam-West, wuchs die Gruppe schnell, denn sie verstand sich auch als Treffpunkt Zugezogener. „Das war das Beste, was mir passieren konnte“, sagt er. „Wenn du kein Student bist, hast du es etwas schwer, in Potsdam Anschluss zu finden.“ Zum Dank für die herzliche Aufnahme, lädt er seine Kollegen schon im dritten Jahr zum Gartenfest in seine Heimat Spreewald ein. Chorfahrten, wie zuletzt ans Kneipenchorfestival in Gera, gehören normalerweise zum „Repertoire“.

Auch der Chor International Potsdam probt mit einem Gitarristen. Quelle: Julius Frick/MVD

Der niederschwellige Zugang ist ein Markenzeichen des Kneipenchors, man muss noch nicht mal Noten beherrschen. Mit einem farblich unterlegten Textschema, lernen die Mitglieder das neue Stück. Auf die üblichen Dynamikbezeichnungen wie forte oder piano wird verzichtet. Stattdessen liest man: „halbe Kraft voraus“ oder „und los geht die wilde Fahrt!“. Nach einer Viertelstunde ploppt die erste Flasche, der Feierabendchor hat sich eingesungen. „Wir haben keinen Mitgliedsbeitrag und treten ohne Gage auf“, sagt Federau. „Wenn bei einem Auftritt mal ein Freibier rausspringt, freuen wir uns.“

Integratives Singen als Haltung

Auch der Chor International Potsdam schaut mit Stirnrunzeln auf die kühlen Monate. Im Moment klappt das Üben im Schloßpark Sanssouci ganz wunderbar. Auch habe man im Sommer schon durchgeprobt, ein Chorwochenende in Neuseddin und eine Radtour am 1. Mai veranstaltet. „Letztes Jahr hatten wir ein Konzert zum 25-jährigen Jubiläum geplant“, erzählt Chorleiter Gregor Zigutkin, „jetzt fokussieren wir uns vielleicht lieber auf das 30-jährige.“ Auch aus dem gewohnten Singen in der Kirche, sei ein Singen „an“ der Kirche geworden.

Der Chorleiter Eugen Zigutkin lädt derzeit nach Sanssouci. Quelle: Julius Frick/MVD

„Wir versuchen gerade, uns ein Stück Normalität zurückzukämpfen“, so Zigutkin. Denn Chorsingen sei ein Stück Lebensqualität. „Der Chor hat uns getragen während der Pandemie. Gerade im Winter griff die Vereinsamung um sich – auch bei mir.“ Er organisierte regelmäßiges Online-Singen. Die zahlenden Mitglieder erhielten Übungsdateien und der Leiter fuhr sogar zu Leuten nach Hause, um sie „technisch aufzurüsten“. Mit Hilfe der Gratis-Software Jamulus lässt sich latenzarm kommunizieren. Denn die größte Schwierigkeit beim Musizieren über das Internet ist die Zeitverzögerung der Signale. Dieses Programm, sagt Zigutkin, gleiche die Verzögerung um Millisekunden aus.

Das VokalEnsemble RechenZentrum V.E.R.Z. studiert mit der musikalischen Leiterin Joanna Walusko (li.) ein Stück ein. Quelle: PD

Ein kurioser Nebeneffekt waren die weltumspannenden Kontakte, die er über Jamulus knüpfen konnte. „Man teilt sich einen Server, quasi einen digitalen Übungsraum.“ So „traf“ er Chorleiter aus Holland oder Argentinien. Für den Chor International, der sich die Integration auf die Fahne geschrieben hat, der Idealfall. Mit Singenden aus vielen Ländern und einem mehrsprachigen Repertoire, positioniert man sich für eine weltoffene Gesellschaft in Potsdam.

Musik aus der Datenverarbeitung

Eine besondere Nische bedient das Vokalensemble Rechenzentrum, kurz V.E.R.Z.. Der zehnköpfige Konzeptchor singt sich durch die Geschichte der Datenverarbeitung. Dafür finde man Repertoire von der Renaissance bis in die Gegenwart, wie die musikalische Leiterin Joanna Walusko erklärt. Denn wer weiß schon, dass die Melodie aus dem Computerspiel Tetris auf dem russischen Lied „Korobeiniki“ basiert – das Nintendo-Game wurde allerdings in Moskau programmiert.

„Potsdam ganz nah“ erleben – zweimal wöchentlich

Alle News für die Landeshauptstadt schon morgens in Ihrem E-Mail-Postfach – jeden Dienstag und Freitag. Jetzt anmelden!

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Auch als IBM 1961 den ersten Großrechner der Welt vorstellte, ließ man ihn singen: „Daisy Bell“, ein Lied aus dem Jahr 1882. „Interessant ist für uns auch ein Kompositionsautomat aus der Barockzeit“, sagt Chorleiter Gregor Bartsch, „nach einem Karteikartensystem konnte man einen vierstimmigen Choral zusammenbauen, inklusive lateinischem Text. Das V.E.R.Z. sucht experimentierfreudige Sänger. „Wenn man neue Lieder kennenlernen möchte und sich ausprobieren will, ist man richtig bei uns.“

Diese Chöre sind offen für neue Mitglieder. Weitere Infos bei Robert Bernier, Mail: potsdamerkneipenchor@yahoo.com (Bewerbung per Video bis 22.08., siehe Facebook) / Eugen Zigutkin, Mail: zigutkin@gmx.net / Gregor Bartsch, Mail: verz.ensemble@googlemail.com.

Von Gabriele Spiller