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Kultur Christiane Schulz antwortet Peter Huchel
Nachrichten Kultur Christiane Schulz antwortet Peter Huchel
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02:15 28.01.2017
Christiane Schulz Quelle: privat
Potsdam

Wer braucht schon Gedichte? Romane sind dagegen immer noch angesagt. Was merkwürdig ist, denn in der Kultur der Häppchen und Hits, der harten Schnitte und permanenten Szenenwechsel müsste doch eigentlich die kleine, intensive Form Konjunktur haben. Warum greifen wir in der S-Bahn nicht zu einem Lyrikband?

Christiane Schulz schreibt Gedichte, es fällt ihr nicht leicht, sie zu veröffentlichen. Sie hatte gerade zum siebten Mal Glück. Diesmal war es der Rangsdorfer Verleger Armin Geus, der sich ein Herz fasste, obwohl er in der Hauptsache biologische oder medizinhistorische Bücher herausbringt. In seiner Basilisken-Presse erscheint „Die beschriftete Zeit“. Der Band zelebriert auf eierschalenfarbenem Papier mehr als 70 neue Gedichte von Christiane Schulz. Das kürzeste hat acht, das längste 17 Zeilen – in der Lyrik spricht man von Versen, auch wenn Christiane Schulz ohne Reime auskommt.

Mit Buchhaltung verdient sie ihr Geld

Christiane Schulz wurde 1955 in Wildau, Kreis Königs Wusterhausen, geboren und wollte eigentlich Architektin werden. Sie bekam aber nur einen Studienplatz in Baustoffverfahrenstechnik. An der Hochschule in Weimar lernte sie ihren Mann kennen, der nach der Wende in Potsdam ein Architekturbüro gründete, in dem Christiane Schulz heute als Buchhalterin arbeitet. Ihre beiden Kinder sind längst aus dem Haus.

Das Kulturministerium des Landes Brandenburg förderte die Arbeiten von Christiane Schulz 2002, 2007 und 2015 mit Arbeits- und Aufenthaltsstipendien. Zuletzt erschienen erschien von ihr das „Poesiealbum 307“ im Märkischen Verlag Wilhelmhorst.

Ihr aktueller Lyrikband „Die beschriftete Zeit“ erschien in der Basilisken-Presse, hat 90 Seiten und kostet 24 Euro.

Ihre Gedichte durchzieht eine trockene Melancholie. Sie heißen „Ort am See“, „Abkühlung“ oder „Jäten“. In ihnen kommen Worte vor wie „Schneeregen“ oder „Alleebaumlinie“, „Gewitter“, „Fallobst“ und „Alphabet“. Es sind einfache Gedichte, die keinen hohen Ton anschlagen. Ohne Punkt und Komma reihen sie Wahrnehmungen und Gedankenbilder aneinander und beziehen sie auf Raum und Zeit.

„Um sich auf ein Gedicht einzuschwingen, muss man zur Ruhe kommen“, sagt Christiane Schulz. Die innere Unruhe, meint sie, könnte ein Grund sein, warum sich so wenige Menschen auf Gedichte einlassen. Sie selbst hat es sich angewöhnt, jeden Tag noch vor dem Frühstück ein, zwei Gedichte zu lesen, etwa von Hilde Domin, Andreas Altmann oder Peter Huchel.

Unterzieht man die Leserin einem Schnellcheck, ergibt sich folgendes Bild: Gottfried Benn ist ihr zu drastisch. Volker Braun zu ideologisch, Rilke zu unmodern, Eva Strittmatter zu süßlich. Doch stopp, das klingt jetzt überheblich! Das kann sie so nicht stehen lassen. Immerhin hat sie einige Gedichte von Benn auswendig gelernt und früher auch Eva Strittmatter gelesen. Und Rilke gilt sogar als ein Wegbereiter der literarischen Moderne.

„Um zu schreiben, ist für mich das Laufen sehr wichtig“, erzählt sie. Mit ihrem Mann unternimmt sie ausgedehnte Wanderungen am liebsten um Seen. Und da stellen sich dann Bilder ein, die sie mit nach Hause nimmt. „Wiesenklee“, „Dorfstraßen“ und „Wolken“ werden dann zu ihren Akteuren.

Die Worte, die sich ihr aufdrängen, möchten aber mehr, als eine Landschaft begreifen. „Jedes Gedicht, in dem nicht das Wort Angst vorkommt, ist ein Sieg über die Angst“, erklärt die zarte, kleine Frau plötzlich mit leiser Stimme. Der Winter und der Herbst würden sie mehr zum Schreiben animieren als der Frühling und Sommer. Die Natur liefert ihr Bilder, mit denen sie ihre eigenes Befinden zum Ausdruck bringt. „Dabei geht es mir aber auch um ein Zipfelchen mehr, um die Vergänglichkeit, um die Gefährdung der Natur, um Zwischenmenschliches oder Philosophisches“, sagt sie.

Sie musste erst 40 Jahre alt werden und eine persönliche Krise durchstehen, bis sie ihr erstes Gedicht schrieb. „Das ist mir einfach passiert“, sagt sie. Damals, 1995, wusste sie noch nichts von Peter Huchel, dem bekennenden Märker, der bis zu seiner erzwungenen Ausreise 1971 in den Westen in Wilhelmshorst gelebt hat und dessen Naturlyrik als Glanzleistung des 20. Jahrhunderts gilt.

„Ich habe in den letzten zwei Jahrzehnten einen starken Ehrgeiz entwickelt und lehne mich mit meinen Gedichten weit aus dem Fenster“, staunt sie über ihre Arbeit. Verfolgt sie eine Mission? Möchte sie ihren Namen bekannt machen oder die Mitmenschen mit ihren Wahrnehmungen und Versen beglücken? „O nein, ich fühle mich dem Verleger gegenüber verpflichtet. Ich will ihm helfen, die Bücher an den Mann zu bringen.“

In der Weite Brandenburgs fühlt sich Christiane Schulz zu Hause wie einst Peter Huchel. „Ich liebe die Wasser- und Feldflächen und die durchsichtigen Kiefernwälder. Ich kann gut nachvollziehen, wie fremd sich Huchel im dunklen Schwarzwald gefühlt hat.“ Eines ihrer neuesten Gedichte, das noch nicht gedruckt wurde, heißt „Über Nacht“ und nimmt direkt Bezug auf Huchels berühmtes Spätwinter-Gedicht „Hubertusweg“ – „langsam dreht sich das Jahr ins Licht“, heißt es bei Huchel, „viel zu schnell dreht sich das Jahr aus dem Licht“, heißt es bei Christiane Schulz. Was ist damit gemeint?

„Ich mache mir schreckliche Sorgen wegen des Nationalismus’, der aufgekommen ist, und wegen der vielen undiplomatischen Politiker, die weltweit auf dem Vormarsch sind“, lautet ihre Antwort. Aber war ihre Generation nicht in jedem Jahrzehnt von neuen apokalyptischen Szenarien getrieben? Hat sie nicht bereits das Waldsterben und den Atomtod überlebt?

„Ich hatte von Kindheit an Angst, es könne Krieg geben. Ich bin jetzt über 60 und habe so ein glückliches Lebens hinter mir. Eigentlich habe ich mir mit der Angst auch viel kaputt gemacht“, meint sie nachdenklich. Gibt es von ihr keine Verse über das Glück? Sie blättert länger im Buch und stößt schließlich auf das Gedicht „Morgen am Bodden“, das Erinnerungen an Kindheitstage weckt. Hier heißt es: „die frühen Kraniche tragen/ das Glück über unsere Köpfe hinweg“.

Von Karim Saab

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