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Nachrichten Kultur Schlösserchef will preußisches Kulturerbe politisieren
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00:20 02.06.2019
Christoph Martin Vogtherr, Generaldirektor der Schlösserstiftung am Eingang zum Schlosspark Sanssouci in Potsdam. Quelle: Detlev Scheerbarth
Potsdam

Der neue Generaldirektor der Schlösserstiftung Christoph Martin Vogtherr will den Besucherrückgang bei den märkischen Schlössern stoppen und das preußische Kulturerbe politisieren.

Seit Februar sind Sie der Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Ist das noch Ihr Traumjob, auf den Sie sich bei Antritt so gefreut haben?

Vogtherr: Absolut. Ich empfinde es als Privileg, an so einem schönen Ort zu arbeiten und als Generaldirektor mit vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den unterschiedlichsten Fachbereichen im Gespräch zu sein.

Zerbröselnde Schlösser, Vandalismus in den Parks, Besucherrückgänge – das sind doch aber wahrlich keine kleinen Herausforderungen, vor denen Sie stehen.

Sicher, die Herausforderungen sind groß. Aber wir haben in einigen Bereichen mittlerweile eine sehr ermutigende Situation. Was die bröckelnden Gebäude betrifft, sind wir in der glücklichen Lage, dass wir durch das Sonderinvestitionsprogramm von Bund und den Ländern Berlin und Brandenburg sehr viel Geld bekommen haben, um unser Sanierungsprogramm weiterzuverfolgen.

Trotz Sanierung der Bausubstanz, in den vergangenen zehn Jahren besuchten 20 Prozent weniger Touristen die Schlösser und Gärten. Woran liegt das?

Der Trend geht vom Gruppentourismus hin zum Individualtourismus. Um Berlin herum sind ganz neue Angebote entstanden. Außerdem verhalten sich Touristen heute sehr viel spontaner als früher. Darauf müssen wir Antworten finden.

Zur Person

Christoph Martin Vogtherr ist seit Februar Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg.

Als Nachfolger von Hartmut Dorgerloh, der zum Humbold-Forum nach Berlin wechselte, ist er verantwortlich für 30 Museumsschlösser in der Region 800 Hektar Parkanlagen und 100 000 Kunstwerke.

Der Kunsthistoriker war von 1997 an zehn Jahre als Kustos für die Gemäldesammlung der Stiftung tätig. Anschließend wechselte er als Kurator zur Wallace Collection nach London, wo er 2011 deren Direktor wurde.

Zuletzt war er Direktor der Hamburger Kunsthalle.

Vor allem die Schlösser in Brandenburg sind offenbar nicht mehr so attraktiv. Dabei wurde doch gerade dort sehr viel Geld zur Sanierung investiert. Ist da etwas falsch gelaufen?

Die märkischen Schlösser sind alle mehr oder weniger durchsaniert. Wir sind gerade bei den allerletzten Maßnahmen wie beim Logierhaus Caputh oder in Rheinsberg. Die Menschen haben sich diese Schlösser inzwischen wieder angeeignet, sprich: der Neuheitseffekt ist vorbei. Deshalb müssen wir jetzt ganz gezielt darüber nachdenken, wie wir diese Orte zu Kulturzentren für die jeweilige Region machen, um ein nachhaltiges und hoffentlich auch wieder wachsendes Interesse zu motivieren.

Mit Besucherrückgängen kennen Sie sich aus. Auch die Hamburger Kunsthalle hat das Problem, obwohl Sie dort einiges ausprobiert haben. Werden die Kulturtouristen einfach weniger?

Sie werden nicht weniger, aber sie brauchen ganz andere Angebote. Von Museen oder Einrichtungen wie den Schlössern und Gärten wird erwartet, dass sie lebendige Orte sind, an denen etwa Diskussionen stattfinden und nicht nur präsentiert und informiert wird. Wir müssen uns einfach überlegen, was an den einzelnen Orten von uns erwartet wird. Das ist immer unterschiedlich. In Rheinsberg, Königs Wusterhausen oder Oranienburg sind unsere Häuser sicher lokale Kulturzentren. Und dort müssen wir genau zuhören, was verlangt wird. In Potsdam sind wir vor allem durch Sanssouci ein klassisches Tourismusziel. In Berlin sind wir dagegen eine Stimme unter vielen. Dort müssen wir vielleicht ein wenig lauter werden.

Das klingt bescheiden. Stellen Sie sich schon darauf ein, dass langfristig eben weniger Leute in die Schlösser und Gärten kommen?

Wenn wir strukturell etwas ändern wollen, wird das eine Weile dauern. Aber wir haben einen großen Werkzeugkoffer, den wir dafür benutzen können.

Was ist da drin?

Wir müssen ganz grundsätzlich eine andere Sprache finden: Was erzählen wir? Wie erzählen wir es? Von welchem Wissensstand gehen wir aus? Wie weit sind Informationen zu übermitteln und inwieweit können wir zu Dialogen einladen? Aber so etwas braucht Zeit. Und dann gibt es Bereiche, wo man schnell etwas tun kann – von Toiletten bis Cafés. Und wir werden in den kommenden Jahren verstärkt mit Ausstellungen arbeiten. Das sind konkrete Maßnahmen. Aber das funktioniert nur mit einem langen Atem.

Können da Ihre Erfahrungen aus London helfen?

Die Museen denken dort sehr stark von den Besuchern aus. So müssen wir das hier auch machen.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Schlösser und Gärten zu einer Eventkultur verkommen?

Überhaupt nicht. Wir suchen ja nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Vermittlung einer preußischen Geschichte muss vielmehr davon ausgehen, was die Personen, die kommen, wissen. Es geht nicht zuerst darum, was wir über Preußen wissen. Wir wollen also nicht unsere Ansprüche verlieren, sondern bei dem ansetzen, was die Menschen mitbringen.

Aber könnte es nicht sein, dass Preußen einfach nicht mehr so attraktiv ist?

Preußen kann sehr attraktiv sein, aber es ist unverständlich geworden. Wir sind vor allem verantwortlich für das ganz großartige preußische Kulturerbe, doch es kann auch politisch sehr interessant sein. Preußen ist schließlich ein Staat mit sehr vielen Sprachen, der sich über weite Flächen Europas erstreckt hat, mit einer sehr vielfältigen Geschichte. Und eben auch ein Staat, an dem man Aufstieg und Fall sehr gut beobachten kann. Man muss das nur richtig aufbereiten und vermitteln.

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Die preußische Geschichte ist äußerst ambivalent. Sehr vereinfacht gesagt: Militarismus und Toleranzedikt, Hitler und Hindenburg in der Potsdamer Garnisonkirche und Bismarcks Sozialversicherung. Wie beabsichtigen Sie mit diesem historischen Erbe umzugehen?

Der Schwerpunkt muss sein, dass die Schlösser ein kulturelles Erbe Preußens, zugleich aber auch Orte der Macht sind. Diesen zweiten Bereich müssen wir sehr viel sichtbarer machen. Unsere Besucher sollten nicht mit dem Gefühl aus den Schlössern gehen, Preußen ist gut oder schlecht. Das ist zu einfach. Mir geht es darum, dass die Komplexität der preußischen Geschichte wahrgenommen wird.

Wie wollen Sie das machen?

Wir werden in den Schlössern sehr viel stärker darauf eingehen, was an diesen Orten passiert ist. Das fehlt im Moment. Wir sehen die Schlösser sehr stark als künstlerische Orte, was auch so bleiben soll, aber zusätzlich sollen die politischen Entscheidungen und Konflikte, also die Kriegserklärungen und die Toleranzedikte, sichtbar werden. Außerdem müssen wir die Geschichte Preußens auch in der kompletten Zeitspanne erzählen. Die hört nicht 1919 auf. Die Schlösser haben auch danach eine Geschichte, die ganz eng mit der preußischen, der deutschen und der europäischen Geschichte verbunden ist. Und sie wurden auch immer wieder als Schauplatz benutzt. Göring hat den preußischen Staatsrat im Neuen Palais tagen lassen.

Welche Themen der preußischen Geschichte gilt es vor allem zu aktualisieren?

Preußen beginnt als pränationales Land, das sich von den Niederlanden bis Litauen erstreckt – mit sehr vielen unterschiedlichen regionalen Kulturen, Traditionen und Sprachen. Das heißt, Preußen ist sehr europäisch. Zum anderen ist Preußen das Land der permanenten Reformen. Vom Großen Kurfürsten bis zu den preußischen Reformen, die wir auch heute noch so nennen. Es gab immer wieder Modernisierungswellen. Und dann selbstverständlich dieses Umkippen der preußischen Ideale ins Totalitäre.

Derzeit wird Preußen bedauerlicherweise vor allem von der extremen Rechten für Aktualisierungen missbraucht. Wie lässt sich da gegenhalten?

Die Preußenbilder der Rechten basieren meist auf extremen Vereinfachungen und auf der Konzentration auf wenige Epochen. Wir können da sehr viel Komplexität bieten, die diese einfachen Interpretationen aufbricht und auch wieder interessanter macht.

Komplexität ist aber kompliziert. Wie bringen Sie das rüber?

Wir müssen dazu kommen, dass wir an einzelnen Orten Brüche und Konflikte immer wieder spürbar machen. Wenn wir das vermittelt bekommen, dann haben wir eine Grundlage geschaffen, um einfache Interpretationen in Frage zu stellen.

Zurück zum Sanierungsprogramm der Stiftung. Bund und die Länder Berlin und Brandenburg zahlen 400 Millionen Euro bis 2030, um die Bausubstanz der zum Teil recht maroden Gebäude zu erhalten. Reicht das, um das Schlimmste zu verhindern?

Wir können damit an vielen Gebäuden die Bauprobleme lösen, aber das Geld reicht natürlich nicht, um alles zu schaffen. Aber das, was wir angehen, wird dann wirklich für lange Zeit wieder fit sein. Wenn wir jetzt zum Beispiel die Römischen Bäder sanieren, dann sind die wirklich auf absehbare Zeit in Ordnung. Auch das Dach des Neuen Palais wird dann wieder sicher sein. Das muss aber weitergehen.

Wo zum Beispiel?

Schloss Sanssouci gehört noch auf die Liste. In der Bildergalerie und im Park Babelsberg ist noch einiges zu tun.

Eine Never-Ending-Story. Kommen Sie sich da nicht ein wenig wie Sisyphos vor, dem der Stein immer wieder den Berg hinunterrollt?

Der Erfolg ist ja nicht, dass alles fertig ist, sondern dass man eine stabile Situation erreicht.

Bis wann ist das soweit? Wagen Sie eine Prognose?

Wenn wir, was wir uns natürlich wünschen, nach 2030 noch ein drittes Sonderinvestitionsprogramm bekommen, dann vielleicht 2040.

Ein weiteres Problem sind die Parks. Es ist nicht nur der Klimawandel, der deren Schönheit bedroht, sondern auch Vandalismus, Grillpartys, Badegäste usw. Wie wollen Sie das in den Griff bekommen?

Wir brauchen mehr Sicherheitspersonal in den Parks, um auf die bestehenden Regeln stärker pochen zu können. Aber man kann derzeit in den Parks nur schwer erkennen, was man darf und was nicht. Wer liest schon die Parkordnung? Verständliche Schilder können da sicher helfen. Wir müssen aber auch sehr viel mehr erklären, warum die Parks schützenwert sind und worauf man aufpassen muss. Die Leute sollen verstehen, dass sie sich in einem großen Kunstwerk und überaus sensiblen Naturraum befinden.

Ihr Vorgänger hätte gerne Parkeintritt erhoben. Ist das weiter eine Option?

Das ist vom Tisch.

Sie sind nach Potsdam zurückgekehrt, wo Sie als Kunsthistoriker von 1997 an zehn Jahre lang die Gemäldesammlung der Stiftung betreuten. Die französische Malerei des 18. Jahrhunderts ist Ihr Spezialgebiet. Hatte Sie seit Februar schon mal die Gelegenheit, sich wieder mit dieser außergewöhnlichen Sammlung zu befassen?

Meine große Aufgabe hier ist, die verschiedenen Aspekte und Interessen der Stiftung auszubalancieren. Aber gelegentlich biege ich dann doch mal um die Ecke und erfreue mich an einem Watteau.

Von Mathias Richter

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