Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Das Passionsdrama als Schwarz-Weiß-Projektion mit Livemusik
Nachrichten Kultur Das Passionsdrama als Schwarz-Weiß-Projektion mit Livemusik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:34 19.04.2019
Die Uraufführung in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist der Beginn eines Zyklus, der bis 2025 in über 20 Ländern Europas und Israels gezeigt wird. Quelle: Paul Zinken/dpa
Berlin

Zu den prominenten Gästen der Uraufführung eines unkonventionellen Kunst- und Konzertereignisses in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gehörte am Mittwochabend auch Joachim Gauck. Der Bundespräsident a.D. schien gebannt zu sein von dem grafischen und tonkünstlerischen Zusammenspiel aus großformatig projizierten Werken des renommierten Chemnitzer Künstlers Michael Morgner und Orgelimprovisationen von Wolfang Seifen. In 14 Kreuzwegstationen wurde ein Passionsdrama des existenziell-zerrissenen und schuldbeladenen Menschen im kriegsversehrten 20. Jahrhundert uraufgeführt. Die Reproduktionen sind noch bis zum Mittag des Karsamstag (20. April) in der Kirche zu sehen.

In melancholischer Monochromie – Grauschwarz auf hellem Grund – riefen Morgners Werke Bilder der Vergänglichkeit wach. Zwei Tage, nachdem die Zerbrechlichkeit des sicher Geglaubten im Kathedralenbrand von Paris weltweit der Karwoche ein Gepräge von Asche verliehen hatte. Auf einem Platz, der durch das Breitscheidplatz-Anschlag 2016 traurige Berühmtheit erlangte. Das Arrangement war beinahe Arte Povera: eine Leinwand, eine Projektion, beleuchtete Tafeln mit Reproduktionen großformatiger Materialbilder Morgners und kurze, meditative Texte seines Freundes Stefan Behrens, vorgetragen von der Schauspielerin Ingrid Birkholz.

Abstrakte Hell-Dunkel-Kompositionen

Wie eine Stummfilmaufführung mit Livemusik-Untermalung entfaltet sich der „Codex Morgner“, so der Titel des Werks. Die Orgelklänge illustrieren, ohne illustrativ zu sein. Der Bilderzyklus erscheint formal aufs Äußerste reduziert. Abstrakte Hell-Dunkel-Kompositionen und wiederkehrende Chiffren: Dreieck, Pfeile, Kreuze, vom Künstler geschaffen von 2008 bis 2016 in einer Rekonvaleszenzphase.

Interesse an Kunst in Kirchen tritt nicht selten als Altersphänomen auf. Man denke an die Kirchenfenster von Gerhard Richter (Kölner Dom) oder Sigmar Polke (Zürcher Grossmünster). Bei Morgner, der in den 1960er Jahren an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studierte, ziehen sich religiös deutbare Motive durchs Lebenswerk. Beispielhaft sind Aktionen wie „Ein Kreuz legen“ Ende der 1970er Jahre auf den Feuersteinfeldern bei Mukran oder die Golgotha-Grafiken und Totentanz-Zeichnungen der 1980er Jahre als Verarbeitung des frühen Todes seiner ersten Ehefrau.

Die Kreuzwegstationen des Künstlers Michael Morgner sind noch bis Sonnabend in der Gedächtniskirche zu sehen. Quelle: Paul Zinken/dpa

In der DDR gegen das Establishment

Zu DDR-Zeiten stand Morgner denkbar quer zum Establishment. Er experimentierte mit Film, Performance und Latex. Mit der fünfköpfigen Künstlergruppe Clara Mosch (1977–1982) versuche Morgner eine unabhängige Produzentengalerie zu etablieren. Angeblich waren mehr als 100 Stasi-Leute mit den Rebellen aus Karl-Marx-Stadt beschäftigt. Ziel der Künstler war die Eroberung von Freiraum, etwa 1979 bei symbolischen Landbegehungen. Parallelaktionen fanden im selben Jahr in Moskau im Kreis um den charismatischen Andrei Monastyrski statt.

Quer liegt Morgner immer noch. Eine expressionistische Kreuzweg-Interpretation, existenzialistisch, unironisch vorgetragen, erscheint als maximales Fremdeln mit dem postmodernen Zeitgeist. Nach dem KZ-Zeichen taucht in der Mitte des wuchtigen Zyklus als 7. Bild der Davidstern vor hellem Grund auf. Das moderne Passionsspiel lässt sich als Beispiel für säkulare Erinnerungskultur (deutscher Schuld) mit religiösen Zügen lesen.

Premnitzer Initiative

Dank der Initiative der Sammler Ulrike und Stefan Behrens, die das Kunsthaus Premnitz ("Villa am See") betreiben, schließt an die Berliner Aufführung ein Reigen weiterer Aufführungen u.a. in Polen, Russland, dem Baltikum, Frankreich, Italien und Israel an: als internationaler Friedensappell und Teil der vom englischen Coventry als Erinnerung an deutsche Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg ausgegangenen Versöhnungs-Aktionen der "Nagelkreuzgemeinschaft".

Trotz auffallender Nähe zur österlichen Dramaturgie von Sturz in die Nacht der Seele, Tod, Gang durch die Hölle ("Reliquie Mensch mit Zeichen KZ") und finale Erlösung mündet der "Codex Morgner" nicht ins Ostergeläut einer jubilierenden "Frohen Botschaft". Am Ende steht, wie Behrens deutende Worte nahelegen, eher als die christliche Erlösung vom Tod in der Auferstehung die Erlösung durch den Tod. Joachim Gauck hatte zu diesem Zeitpunkt die Gedächtniskirche bereits verlassen. Wahrscheinlich scheute er das Bad in der Menge.

Von Johanna Di Blasi

Eine Stiftung will in Stuttgart provozieren: Am Karfreitag will sie trotz Filmverbot die Filmsatire „Das Leben des Brian“ zeigen. Ein Gericht gibt ihr nun Recht.

19.04.2019

Kings of Leon und Franz Ferdinand waren die Bands, die Bilderbuch einst inspirierten. Heute ist ihre Kombination aus Funk, Rock und R’n’B selbst so inspirierend, dass die Österreicher sich ganz auf ihre Stärken verlassen. Am Donnerstag stand die Band in Berlin auf der Bühne.

19.04.2019

Im Potsdamer Bildungsforum zeigt der Schriftsteller und Fotograf Detlef Bluhm seine Fotos aus den Jahren 1990/91, als niemand wusste, ob sich Geld verdienen lässt mit Literatur – seine Bilder alter Buchläden sind anrührend, aber nicht sentimental.

22.04.2019