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Kultur Derbe Späße im königlichen Glanz
Nachrichten Kultur Derbe Späße im königlichen Glanz
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15:14 16.06.2019
Einmalige Aufführung in der Marmorgalerie im Neuen Palais während der Commedia Nacht. Quelle: Andre Stiebitz
Potsdam

Die Commedia Nacht nahm am Samstag einen ganz undramatischen und heiteren Verlauf. An lauschigen Sommerabenden tanzen die Moleküle wie von selbst. Muse Thalia musste nicht einmal eingreifen, um Leichtigkeit und Komik zu stiften.

Drastische Pracht

Während um den Westflügel des Neuen Palais’ Gaukler, Schauspieler und Akrobaten ihre netten närrischen Pointen abfeuerten und einige Besucher auch nur entspannt in Liegestühlen saßen, wurde in der Marmorgalerie des monströsen Gästeschlosses eine Madrigalkomödie von Orazio Vecchi (1550-1605) aufgeführt. Zwar war es ein Gebot des Denkmalschutzes, den edlen Boden mit dunkler Auslegware zu bedecken. Doch allein das üppige Zierwerk an den Wänden sowie die Deckengemälde und Bleikristallleuchter entfalten eine Pracht, die so drastisch ist, dass sie ein Mensch heute kaum noch verdauen kann. In dem hohen, langgestreckten Festsaal, der lange Zeit einsturzgefährdet war, agierten auf einem breiten Bühnenpodest nebeneinander vier weiß gekleidete Musiker der Neuen Hofkapelle Graz und fünf schwarz gekleidete Sänger – das Vokalensemble Profeti della Quinta aus der Schweiz und Israel.

Anzüglichkeiten im hohen Ton

Drei Knallchargen, zwei Platzanweiser in Filzlatschen und ein besessener Professor, durchkreuzen als Karikaturen das würdevolle und schöne Gebaren. Denn schon im Frühbarock gab es offenbar das Bedürfnis, den hohen, artifiziellen und auch frommen Ton mit burschikosen und zotigen Witzen zu konfrontieren. Ironie und Satire brachen sich Bahn. Formal klingt der Gesang wie bei einer katholischen Messe, doch verhandelt werden nur Banalitäten und Anzüglichkeiten.

Mit Klebeband gefesselt

Die Clownerie erstreckt sich also nicht auf die Musik. Wem diese Verhohnepiepelung gegen den Strich ging, der musste seinen Blick nur vom Volkstheater auf die vielen Vergoldungen im Raum richten. Die Musiker spielen auf historischen Instrumenten, treiben aber kein reines Historienspiel. Michael Hell am Cembalo stülpt sich auch mal dicke Kopfhörer über die Ohren, um Langeweile zu demonstrieren. Und der nervende Professor wird am Ende mit Paketband an einen Stuhl gefesselt und brachial ruhiggestellt.

Ein Franke sing Berlin-Lieder

Ganz und gar heutig geht es indes im Ehrenhof des Neuen Palais’ zu. Hier gastiert das renommierte Berliner Musikkabarett Pigor & Eichhorn. Das Duo begann mit einem Berlin-Lied, das im Dreiviertel-Takt die brummende Hipster-Mode in der Hauptstadt auf Korn nimmt, wobei der gebürtige Unterfranke Thomas Pigor nicht berlinert, sondern mit seinem gerollten „Rrr“ eher an den Augsburger Bertolt Brecht erinnert. Als Spötter zog er dann auch gegen die „Tyrannei der Brecht-Erben“ zu Felde, im gleichen Atemzug aber auch gegen das moderne Regietheater, dem nichts heilig ist. Benedikt Eichhorn, der auch manchmal mitsingen durfte, haute prompt wie Kurt Weill in die Tasten, um wenig später in einen monotonen Techno-Stampfrhythmus zu verfallen. Das Lied, „Baut den Palast der Republik wieder auf“, feuert noch einmal Pfeile in mehrere Richtungen ab: gegen die „Droschken-Seligkeit“ der Schlossbefürworter, aber auch gegen jene, denen die Moderne als Maß aller Dinge erscheint.

Gott ist (nicht) tot

Doch in den folgenden Beiträgen brachten die Kabarettisten ihre Positionen sehr klar zum Ausdruck, wenn sie etwa gegen die „Überbetonung der nationalen Zugehörigkeit“ wettern oder gegen Gäste, die ihren Wein mitbringen und einem Gastgeber die Rolle streitig machen. Das Potpourri ihrer Themen und Stile gipfelte in einem blasphemischen Mitmach-Swing „Gott ist tot“, bei dem Christen dann aber auch noch ein bekennendes „Nicht“ einfügen durften.

Ost-West-Test

Als Chronisten bringen Pigor & Eichhorn die Nachwendezeit auf den Punkt, wenn sie zwischendurch mit Ost-West-Spielchen aufmuntern. Sie rufen einen Vornamen, den das Publikum spontan ergänzen soll. Auf Siegmund folgt dann zum Beispiel Jähn oder Freud, auf Karl – May oder Marx.

Gold in der Abendsonne

Im eigentlich ungemütlichen Ehrenhof des Neuen Palais einen Sonnenuntergang zu erleben, erwies sich als seltener Glücksfall. Die Fensterrahmen des Mittelbaus sind vergoldet und auch die Engelstrompeten und Kronen im Giebelrelief. Zur roten Ziegelfassade, den Attika-Figuren aus schwarz gewordenem Sandstein und dem grünen Kupferdach ergeben sich eindrucksvolle Kontraste.

Einladung in den Gartensalon

Orte zu entdecken, deren Einzigartigkeit in der Kulturlandschaft schnell übersehen wird, das ist eine Intention der Musikfestspiele. Am Samstag wurde auch das Treppenhaus der südlichen Communs mit einer Telemann-Burleske bespielt. Und als besonders reizvoll erwies sich der sogenannte Gartensalon, ein Oval hinter Ziergittern neben dem Schloss, das sonst kaum betreten wird.

Von Karim Saab

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