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Kultur DDR-Kunst im Barberini: Mehr als Propagandaschinken?
Nachrichten Kultur DDR-Kunst im Barberini: Mehr als Propagandaschinken?
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00:19 25.10.2017
Ab Sonntag im Museum Barberini in Potsdam zu sehen: „Forscht, bis ihr wisst“ von Arno Mohr (1910-2001). Quelle: akg-images
Potsdam

Michael Philipp fällt mit seiner Meinung nicht ins Haus. Er versteht sich als Wissenschaftler und er spricht von „einem interessanten Konvolut“, von „interessanten Zwischentönen“ und von einer „Dokumentation“. „Wir wollen nicht sogenannte Staatskunst legitimieren. Die Bilder sind nicht kontaminiert, bloß weil sie im Palast der Republik hingen. Einige Bilder sind jedoch auch nur interessant, weil sie da hingen“, beteuert der 55-Jährige. Die Rede ist von 16 großformatigen Auftragswerken, die von 1976 bis 1990 den repräsentativen Schaufensterbau der DDR zierten und von vielen Besuchern als „Propagandaschinken“ abgetan wurden.

Die bemalten Spanplatten schlummerten 20 Jahre im Depot des Deutschen Historischen Museums in Berlin, nur Restauratoren bekamen sie zu Gesicht. Nun darf der ideologisch aufgeladene Zyklus unter dem Thema „Dürfen Kommunisten träumen?“ bis Mai 2018 noch einmal unter Idealbedingungen seine volle Wirkung entfalten. Die Leihgaben werden das Obergeschoss im Museum Barberini in Potsdam ausfüllen. Dass sie gezeigt werden, geht auch auf Michael Philipp zurück, der als Kurator gemeinsam mit Valerie Hortolani in den beiden Stockwerken darunter die Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ verantwortet.

Der Hamburger, der seit 2016 in Potsdam arbeitet, hat intensiv über die Palastgalerie geforscht. In wenigen Wochen wird eine Broschüre mit seinen Ergebnissen erscheinen. Philipp hat im Bundesarchiv die Akten des DDR-Kultur- und des -Bauministeriums eingesehen, den einen oder anderen Zeitzeugen befragt und sich vor allem die Bilder noch einmal gründlich angesehen.

In einem nüchternen Ton erzählt er, in welcher Hast der Palast der Republik in nur 32 Monaten Bauzeit 1976 hochgezogen wurde und wie Fritz Cremer den Bilderreigen in Abstimmung mit Architekt Heinz Graffunder und dem Politbüro auf den Weg brachte. „Die Kunst in diesem Bau war nur Zugabe und Dekoration. Von der Malerei wurde keine überwältigende Raumwirkung erwartet. Die 2,80 Meter hohen und maximal 6 Meter breiten Gemälde wurden auf das Basisgeschoss und die Empore verteilt und konkurrierten mit den dominanten Lampen, einem knallorange gemusterten Teppich, roten Sofas, Blumenkübeln und Marmorwänden. Das sah aus wie in einem Flughafen!“, so Philipp. Die Entwürfe wurden im Januar 1975 vorgestellt und diskutiert. Es folgte eine ideologische Anleitung, über deren Dilettantismus Philipp schmunzelt. Eigentlich setzten die Oberen nur eine Bedingung durch: ein Maler sollte die Deutsch-Sowjetische Freundschaft darstellen, was Erhard Großmann mit dem Bild „Tadshikistan“ auch tat.

Die Gruppe der 16 Maler bezeichnet Philipp als „relativ disparat“, der Jüngste war Matthias Wegehaupt, Jahrgang 38, die Ältesten Arno Mohr und Kurt Robbel (vor 1910). „Bis auf Walter Womacka haben alle so gemalt wie immer“, stellt Philipp fest. Nach der Wende hätten Roland Paris, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer ihre Auftragswerke ausdrücklich als vollwertigen Teil ihres Werkes bezeichnet. „Mattheuer nannte sein Bild ,Guten Tag’, doch seine Kleinfamilie ist alles andere als glücklich“, betont Philipp. Noch ein anderes Bild hebt er heraus – „Menschen am Strand“ von Hans Vent. „Das ist das künstlerischste Bild, weil es die Grenzen des Realismus ausreizt. Die Figuren in Raum und Licht thematisieren die Malerei“, so Philipp.

Es dauert fast eine Stunde, bis er eine pauschale Meinung zur Palastgalerie äußerst. „Ich glaube, dass das Gesamtambiente ästhetisch schon 1980 völlig antiquiert gewirkt haben muss“, sagt er. Ein Jugendlicher, der 1980 das Gebäude betrat, müsse sich doch wie in einer anderen Welt gefühlt haben. „Sowohl inhaltlich – Kampfbegriffe wie Arbeiterklasse konnte doch keiner mehr ernst nehmen. Wie auch stilistisch – das war doch alles die Abteilung ,Es war einmal‘. Zum Teil sind es die 1950er Jahre, die da aufpoppen. Auch Picassos ,Guernica’ 1937 oder mexikanische Wandmalereien um 1920 standen Pate. Wenn man diese Bilder beurteilt, muss man sagen, mit der ästhetischen Qualität der Propaganda war es nicht so weit her“, lautet sein Urteil. Das sah die Parteiführung offenbar selbst schon bald so. Intern soll es die Anweisung gegeben haben, den Bildern im Neuen Deutschland keine Beachtung mehr einzuräumen.

Dabei gab es bis auf Mattheuers alltagsnahen Verdruss nicht ein subversives Detail, das sich einer der 16 Maler, von denen 12 Parteimitglieder waren, erlaubt hätte. „Das von Fritz Cremer gestellte Thema könnte man vielleicht als subversiv bezeichnen, denn gerade hatte Erich Honecker den Begriff ,realer Sozialismus‘ geprägt“, so Philipp.

Was ist ihm noch aufgefallen? „Die meisten Bilder setzen sich mit der Vergangenheit auseinander. Für die paradiesische Endvorstellung vom Kommunismus fällt den Malern nicht viel ein. Viele malen Familien, bevorzugt nackt, die picknicken, am Lagerfeuer sitzen oder am Strand“, so seine Analyse. Das Weltbild der Maler sei in den 1970er Jahren auch deshalb so zweigeteilt und antagonistisch gewesen, erinnert Philipp, weil die USA den Vietnamkrieg führten und für den Militärputsch in Chile verantwortlich gemacht wurden. In traditioneller Leserichtung wurde das Böse links und das Gute rechts auf den Breitformaten angeordnet. Anders als im richtigen Leben, denn für die Maler waren damals die Guten die Linken und die Bösen die Rechten.

Von Karim Saab

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