Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Das Drama um Ted Hughes und Sylvia Plath
Nachrichten Kultur Das Drama um Ted Hughes und Sylvia Plath
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:45 26.01.2017
Ted Hughes und Sylvia Plath
Ted Hughes und Sylvia Plath Quelle: Imago
Anzeige
Potsdam

Eine Dichterin, ein Dichter, in der Summe ist das eine Liebe, die sich in Richtung Dynamit bewegt. Sylvia Plath und Ted Hughes führten ein Leben, das seine Kraft aus den Gedichten und dem sinnlichen Begehren zog – bis sich Plath, die Amerikanerin, 1963 mit 30 Jahren umgebracht hat. Sie lebte sieben Jahre lang mit Hughes zusammen, gemeinsam hatten sie zwei kleine Kinder. Der Engländer Hughes war ein gefeierter Dichter, auch mit Hilfe seiner Frau kam der Erfolg, sie hat ihn beim Schreiben ermutigt, Verlage für ihn gesucht und seine Lyrik auf der Schreibmaschine abgetippt. Plath selbst stand kurz vor ihrem Durchbruch, doch den Weltruhm hatte sie nicht mehr erlebt.

Die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen, 61 Jahre, hat das Drama des Suizids und die sich anschließende Hatz auf Hughes, der von der Frauenbewegung als Monster und selbstsüchtiger Frauenheld geächtet wurde, aufgegriffen, um dem 1998 verstorbenen Briten eine Verteidigungsrede anzudichten. Dieses „Dichten“ muss man wörtlich nehmen, denn Palmen greift zu einer Sprache, die von Mitgefühl durchzogen ist, ganz ohne Kitsch – fast glaubt man, dieser Hughes sei der Autorin eine Herzenssache. Nie hat er sich ausdrücklich gegen jene Vorwürfe gewehrt, er habe seine depressive Frau in ihren Tod getrieben. Die Wucht der Unterstellungen tat er als haltlos ab, eine öffentliche Erklärung wäre ihm als indiskret und unpassend erschienen.

Spät, 35 Jahre nach dem Tod von Sylvia Plath, hat Hughes die „Birthday Letters“ verfasst. Loyale Gedichte, in denen er die Zwiesprache mit seiner Frau gesucht hat. Connie Palmen schreibt nun als sein Alter Ego einen Rechenschaftsbericht aus Sicht von Hughes, basierend auf den Briefen des Paares. „Rechenschaft“ klingt sachlich, ein wenig steckt auch Schuldbewusstsein in dem Wort. Und eben darum geht es: Hughes’ Erbe wird von Palmen mit einer Empathie verwaltet, die nicht entschuldigend zu werten ist, denn Palmens Haltung selbst blitzt in dem Text nicht auf. Aber sie spürt, wie dieser Mann daran gelitten hat, seine manisch-depressive Frau durch Selbstmord zu verlieren.

In Palmens Lesart gab er sich in Teilen selbst die Schuld für ihren Tod, da er Affären hatte. Dennoch wusste er, dass Plath nur schwer zu retten war vor den Dämonen, die sie in ihre Dichtung trieben. Was auf Papier zu bändigen gewesen war, geriet im Alltag außer Kontrolle. Eifersuchtsgewalt von Plath zählte dazu, auch Tage, in denen sie kaum aus dem Bett fand. Und dann erneut die Phasen, in denen sie Ted Hughes als Gott anbetete, in künstlerischer und in sexueller Hinsicht.

Ein Glück für den Leser, wie elegant und überdies gedanklich scharf hier Connie Palmen arbeitet. Sie hat das Feld der schwierigen Beziehung psychologisch, philosophisch und erzählerisch auf höchstem Niveau im Griff. Ihren Text durchweht die Kraft der Atemlosigkeit, ohne die Unterbrechung durch Kapitel. Palmen ist keine Richterin, ihre Geschichte weist über das Paar hinaus – sie geht ins grundlegend Menschliche. Ihr Roman ist kühn. Und nebenbei betörend klug.

INFO Connie Palmen: Du sagst es. Diogenes, 279 Seiten, 22 Euro.

Von Lars Grote

26.01.2017
28.01.2017
Kultur Der Bildband „LYS“ von Sandra Bartocha und Werner Bollmann - Siebenstern im Licht des Nordens
27.01.2017