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Kultur Das Frühwerk von Amos Oz: Wo die Schakale heulen
Nachrichten Kultur Das Frühwerk von Amos Oz: Wo die Schakale heulen
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22:52 15.07.2018
Der Schriftsteller Amos Oz.
Der Schriftsteller Amos Oz. Quelle: dpa
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Potsdam

Um Traktorfahrer zu werden, ging er mit 14 Jahren in den Kibbuz und nannte sich fortan „Oz“, was soviel wie „Kraft“ oder „Stärke“ bedeutet. Er habe sich damit – nach dem Selbstmord der Mutter – von seinem Vater abgrenzen wollen, erklärte Amos Oz in einem Interview einmal: „Der war ein Intellektueller, ich wollte Farmer werden. Er war ein Rechtsnationaler, ich wollte Sozialdemokrat werden. Er war ein kleiner Mann, ich wollte ein groß gewachsener Mann werden.“ Nichts davon jedoch sei ihm gelungen. „Ich bin ein kleiner Mann und sitze in meiner Wohnung voller Bücher.“

Erstmals 1965 erschienen

Damals 1954 glaubte Amos Oz noch, dass eine reformierte Gesellschaft Einfluss auf den Menschen habe, er zu einem besseren Wesen werden könne. „Aber ich habe mich geirrt, und die Begründer des Kibbuz haben sich ebenfalls geirrt. Sie glaubten, dass sich der Mensch ändern würde, wenn die sozialen Regeln des Spiels verändert werden – dass Neid und Kleingeistigkeit … Gier und Klatsch und üble Nachrede verschwinden würden. Aber die Natur des Menschen ändert sich nicht.“ Diese bittere Einsicht spricht subversiv bereits aus den zehn Erzählungen des Debüts von Amos Oz, das „Wo die Schakale heulen“ heißt, auf Hebräisch („Arzot ha-Tan“) 1965 erschienen ist und jetzt endlich auch in einer deutschen Übersetzung – von Mirjam Pressler – vorliegt.

Der Kibbuz: Vom Enthusisasmus zur Ernücherung

In allen Geschichten ist der Enthusiasmus der ersten israelischen Siedler einer anhaltenden Ernüchterung gewichen. In den glühend heißen Stunden des Tages verfluchen sie zornig die steinige Erde. Nur in der Nacht noch träumen sie von ihrer Vision der Gründer, die der Staat verraten und verhöhnt hat. Wie der Maschinist in „Die Verbesserung der Welt“, der nach Tel Aviv fährt, um dort Ersatzteile für den Traktor des Kibbuz zu kaufen. Nachts wundert er sich über die jungen Menschen in ihren Autos. „Wohin fahren sie alle, morgens um zwei. Und wer wird morgen früh aufstehen, um zur Arbeit zu gehen.“ Die Wachleute beschützen nicht den Zaun, sondern trinken Tee und machen den Erzieherinnen den Hof, die eigentlich im Kinderhaus sein sollten. Nichts funktioniert mehr wie es soll. Obwohl der Maschinist das verurteilt, gibt auch er das Geld für die Ersatzteile am Ende für eine Prostituierte aus.

Oz hält seinen Landsleuten den Spiegel vor

Ohne zu moralisieren hält bereits der junge Amos Oz seinen Landsleuten den Spiegel vor, wenn er von Bruria erzählt, die zur barmherzigen Samariterin wird, an deren Brust sich die harten Soldaten der Grenztruppen ausweinen, wenn mal wieder ein Kampfeinsatz ansteht („Die Trappistenabtei“). Oder dem jungen Ehud, der sich über seinen Vater Dov Sirkin lustig macht, der Bäumchen gepflanzt und mit seiner Hartnäckigkeit den Kibbuz zum Obstgarten gemacht hat („Vor seiner Zeit“). Ehud selbst fühlt sich zu höherem berufen, geht zur Truppe, wo er bei einer Vergeltungsaktion ums Leben kommt. Drei Tage kann seine Leiche wegen Beschuss nicht aus dem Grenzland geborgen werden. Als die Kameraden ihn endlich holen, ist sein Gesicht von Schakalen zerfressen.

Das Geheul der Schakale klingt durch jeden dieser Text

Es ist schon erstaunlich, wie ausgezeichnet es schon der junge Oz schafft, Atmosphäre zu erzeugen. Seine frühen Erzählungen schrieb er während des Literatur- und Philosophie-Studiums, um sie in der Zeitschrift „Kesher“ zu veröffentlichen. Das Geheul der Schakale klingt durch jeden dieser Texte. Sie stehen für die Bedrohung, der die Neusiedler in ihrer lebensfeindlichen Umgebung tagtäglich ausgeliefert sind. Die Leerstellen, die der Schriftsteller bewusst lässt, verstärken diese Unsicherheit noch. Es ist höchste Zeit, dass dieses großartige Frühwerk auch in Deutschland entdeckt wird. Mit dem Band „Wo die Schakale heulen“ schließt sich endlich der Kreis, der über „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (2004) bis hin zu „Judas“ (2016) und den jüngsten Kibbuzgeschichten in „Unter Freunden“ (2013) reicht.

Amos Oz: Wo die Schakale heulen. Suhrkamp Verlag, 320 S., 22 Euro,

Von Welf Grombacher