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Kultur Deniz Yücel nimmt Fußballer Mesut Özil in Schutz
Nachrichten Kultur Deniz Yücel nimmt Fußballer Mesut Özil in Schutz
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01:16 21.09.2018
Deniz Yücel, deutsch-türkischer Journalist, nach der Verleihung des M100 Media Award.
Deniz Yücel, deutsch-türkischer Journalist, nach der Verleihung des M100 Media Award. Quelle: Foto: RALF Hirschberger/dpa
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Potsdam

Sichtlich bewegt nahm am Dienstagabend der deutsche Journalist Deniz Yücel im Potsdamer Alten Rathaus den M100 Media Award entgegen. Da er sich nach seiner Freilassung aus einem türkischen Hochsicherheitsgefängnis am 16. Februar 2018 völlig zurückgezogen hat und auch keine Interviews gibt, sah die Öffentlichkeit seinem Auftritt mit großer Spannung entgegen. „Ich muss immer noch mit den Tränen kämpfen, wenn ich das sehe“, sagte er nach einem Kurzfilm, der vor der Preisübergabe durch Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) eingespielt wurde. Erinnert wurde darin an die vielfältigen Aktionen und Demonstrationen, die während seiner einjährigen Haftzeit unter dem Motto „#freedeniz“ stattfanden.

Yücel nutzte seine Dankesrede für recht deutliche politische Einlassungen. Er kritisierte den bevorstehenden Deutschland-Besuch des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und warf der Bundesregierung „Verrat“ vor. Damit würde man „jene Menschen in der Türkei verraten, die sich nach einer freiheitlichen, demokratischen und säkularen Gesellschaft sehnen“, sagte er. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier werde einen „Verbrecher zum Staatsbankett empfangen“, der sich „des Menschenraubs schuldig gemacht habe“.

Yücel nahm den Fußballer Mesut Özil in Schutz, der nicht daran Schuld sei, dass Deutschland in der WM-Vorrunde ausgeschieden ist. „Wenn von einem einzigen Schnappschuss so ein Voodoo ausgehen kann, dann muss ja was dran sein an dem Attribut ,Weltenlenker’“, meinte er ironisch und spielte auf den problematischen Fototermin des Fußballers mit dem oft größenwahnsinnigen türkischen Präsidenten an. „Mit Gangstern muss man die Sprache sprechen, die sie verstehen“, gab er Angela Merkel mit auf den Weg. Der Erpresser Erdogan sei durch die instabile Wirtschaftslage erpressbar.

Der Satz von Jann Jakobs, Yücel habe sich „aus der Haft heraus für einen kritischen Journalismus eingesetzt“, wollte der Geehrte nicht stehen lassen. Er habe sich mit der Situation nicht abgefunden – „das war ein Akt von Selbstbehauptung, nicht Mut“. Und er streute einige Beispiele ein, wie er etwa aus Teesatz und Eierschalen statt Erde Minze in einem Joghurtbecher gezogen habe. Auch habe ihm rote Essenssoße als Tintenersatz gedient. Doch eigentlich würde er nun nach dem Theodor-Wolff-Preis auch noch den M100 Media Award „nur für doofes Herumsitzen“ bekommen. „Journalismus, der nicht kritisch ist, ist für mich kein Journalismus“, fügte er noch hinzu.

In seltener Einigkeit wurde Deniz Yücel von den Chefredakteuren zweier Zeitungen gelobt, die sich im politischen Spektrum eher als Gegner betrachten. Die Laudatio hielt Ines Pohl, die als Yücels ehemalige Chefin bei der Tageszeitung „taz“ ein lebhaftes Zeugnis für dessen Leidenschaft als Journalist abliefern konnte. Sein jetziger Chef Ulf Poschardt, Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, pflichtete ihr aus dem Auditorium bei.

Tagsüber hatten sich im benachbarten Museum Barberini etwa 60 Chefredakteure und Politiker aus ganz Europa und den USA zum jährlich stattfindenden M100 Sanssouci Colloquium getroffen. Sie diskutierten zu dem Thema „Home Alone? Europe in the Post-American Age“. Im Fokus stand der Zustand des transatlantischen Verhältnisses. Zugespitzt ging es um die Frage, ob die Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump überhaupt noch Teil der freien Welt sind?

Von Karim Saab