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Kultur So feierten Depeche Mode in Berlin
Nachrichten Kultur So feierten Depeche Mode in Berlin
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08:11 24.07.2018
Dave Gahan in der Waldbühne. Quelle: dpa
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Berlin

Erst ist es nur ein Grüppchen, dann singen hunderte Fans Martin Gore ein Ständchen. Das Geburtstaglied scheint aber noch nicht ins Konzept des Abends zu passen, Depeche-Mode-Frontmann Dave Gahan überhört den Gesang für seinen Bandkollegen. Erstmal soll es noch ein paar Minuten lang um ihn gehen, in dem Video zu „Cover Me“ spaziert er als kleiner Kosmonaut durch eine Stadt bis ans Meer. Am Ende schwebt er durchs All.

Depeche Mode haben sich Berlin als letzten Ort ihrer „Global Spirit“-Tour ausgesucht. Am Montag feierten Fans und Band den 57. Geburtstag von Songwriter Martin Gore. Klingt also nach einer ausgelassenen Party – war es auch, aber mit einigen Abstrichen.

Dave Gahan als leinwandfüllendes Wesen vom anderen Stern, Martin Gore als der Zuarbeiter aus der zweiten Bühnenreihe. Ein weiteres Lied lang hält sich das Gefüge. Dann aber zischt der Vortänzer davon und dem eigentlichen Songtüftler, der die meisten Depeche-Mode-Hits geschrieben hat, gehört die Bühne. Gore singt das schmalzig schöne „Somebody“ und „Home“, die sphärische Hymne über das Gefühl, endlich verstanden zu werden. Tränen kullern, viele der 22.000 Fans in der Berliner Waldbühne fühlen sich dann Zuhause, wenn sie diese Band hören. Depeche Mode sind wie das Jugendzimmer, das am liebsten nicht tapeziert werden soll, auch wenn sich das Leben längst wegentwickelt hat von der Bravo-Poster-Welt an den Wänden. Vermutlich geht es selbst den in geschwisterähnlicher Hassliebe vereinten Gore und Gahan so. Depeche Mode ist ihnen eine Heimat, die sie aber nach einer Tour immer wieder verlassen müssen, weil sich so nicht leben lässt. Sie produzieren dann Soloalben oder machen auch mal nichts.

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Depeche Mode feiern Abschluss ihrer „Global Spirit“-Tour

Das erste von zwei ausverkauften Konzerten in der Waldbühne bildet den Schlusspunkt der „Global Spirit“-Tour. Mehr als 2,3 Millionen Menschen haben die Auftritte weltweit besucht, der Umsatz soll bei etwa 200 Millionen US-Dollar liegen. Depeche Mode haben auf derselben Tour schon im Olympiastadion und der Mercedes-Benz-Arena gespielt. Nun fühlen sich die 44.000 Fans an zwei Abenden gebauchpinselt, ausgerechnet in ihrer Stadt das Ende des weltweiten Triumphzugs gemeinsam mit der Band zu besiegeln. Soweit so feierlich – dazu kommt der Umstand, dass Martin Gore, der einstige Berlin-Bewohner, am Montag seinen 57. Geburtstag hat.

Die Setlist allerdings passt nicht so recht ins gebuchte Festpaket. Vorne Hits, hinten Hits – ok – dazwischen aber wirken die Songs des aktuellen Albums „Spirit“ wie unerwünschte Gäste, die es irgendwie doch auf die Party geschafft haben. „Corrupt“, „Going Backwards“ und „Where’s the the Revolution” sind songgewordene Spaßbremsen. Auch nach mehr als einem Jahr sorgen die unterkomplexen Pseudo-Polit-Songs für unfreiwillige Tanz-und-Wohlfühl-Pausen. Sie stehen der Band nicht, es ist, als würde Dave Gahan statt rot-schwarzer Weste über nackter Haut Fußball-Trikot und Baseball-Cappie tragen. Die Holzhammer-Lyrik von Revoluzzer-Songs à la „Where’s The Revolution“ ist auch deshalb so unnötig, weil Depeche Mode in ihren Songs schon immer erkundeten, wie sich Macht verteilt. Im Bett, auf der Arbeitsstelle, am Verhandlungstisch – „Master and Servant“. Die Knechtschaftshymne fehlt am Montagabend leider genauso wie „Stripped“, dafür spielen Depeche Mode „Never Let Me Down Again“, „I Feel You“ und „World In My Eyes“. Songs wie purer Sex, der vermittelte Entdeckungsdrang geht aber übers Körperliche hinaus. „Now let your mind do the walking / And let my body do the talking / Let me show the world in my eyes.”

Mittendrin weicht die Band dann doch noch von ihrer Routine ab. Nach „Home“ steht Martin Gore ganz in Weiß gerührt in seiner Ecke, die Fans dürfen jetzt „Happy Birthday“ singen. Sie werfen Ballons in die Luft, halten Transparente mit Glückwünschen hoch. Dann ist Schluss mit der Gore-Show. Dave Gahan, der sich ansonsten hauptsächlich in Hüftschwüngen artikuliert, gratuliert seinem Kollegen, dirigiert den Chor, dreht ein paar Pirouetten und stimmt den nächsten Song an. Die Bühne gehört wieder ihm.

Von Maurice Wojach

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