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18:02 16.07.2018
Jede Menge Fontane wird es 2019 geben. Der Künstler Ottmar Hörl hat den Dichter aus Neuruppin in verschiedenen Farben gefertigt. Quelle: Foto: Julian Stähle
Potsdam

2019 ist Fontane-Jahr. Die Vorbereitungen zum 200. Geburtstag des Dichters aus Neuruppin laufen in Brandenburg bereits auf Hochtouren.

Für kommenden Donnerstag haben sich 24 Wissenschaftler in Potsdam zu einem „Hackathon“ über Fontane verabredet. Was passiert da?

Peer Trilcke: Wir haben Tausende Texte von Fontane in digitalisierter Form zusammengestellt: die Romane, die Wanderungen, Gedichte, aber auch Briefe und journalistische Texte. Diese Datensammlung wurde mehreren Teams aus der Literaturwissenschaft und der Informatik zur Verfügung gestellt, die im Vorfeld Fragen dazu entwickelt haben. Im Hackathon versuchen wir, diese Fragen zu beantworten.

Das klingt sehr kompliziert. Vielleicht erst einmal: Was ist eigentlich ein Hackathon?

Das Verfahren kommt aus der IT-Entwicklung. Es geht darum, für einen kürzeren Zeitraum intensiv und gemeinsam an einem digitalen Projekt zu arbeiten. In unserem Fall wollen wir drei Tage lang die Werke und Schriften Fontanes mit digitalen Methoden untersuchen.

Welche Fragen brennen Ihnen denn auf den Nägeln?

Wir arbeiten insbesondere zu Fragen der Stilometrie, also der Stilanalyse. Dabei untersuchen wir vor allem, welche Wörter Fontane besonders häufig oder besonders selten verwendet. Konkret fragen wir uns etwa: Treten in den Romanen andere Wörter häufiger auf als in den Wanderungen oder in den Gedichten? Gibt es bestimmte Trends, wenn man einzelne Wortarten wie Substantive oder Verben betrachtet? Und ändert sich Fontanes Schreiben im Laufe der Jahre?

Sie behandeln die Werke Fontanes als schnöde Datensammlung?

Als eine sehr interessante Datensammlung.

Und was kann dabei rauskommen?

Fontane gilt zum Beispiel als Meister origineller Wortschöpfungen. Ist das aber wirklich typisch für ihn? Wie sieht es bei anderen Autoren aus? Wenn ich das wissen will, muss ich riesige Textmengen verarbeiten. Mit einem computergestützten Analyseverfahren geht das. Ein anderes Beispiel: In der Forschung gibt es die Position, dass Fontanes Figuren, etwa Dubslav von Stechlin, im Grunde so sprechen wie Fontane selbst. Lässt sich das nachweisen? Wir untersuchen also, wie Fontanes Figuren reden, und vergleichen dies mit dem Stil etwa des Briefschreibers Fontane.

Der Hackathon hat den Namen „Der Fontane-Code“. Woraus könnte der bestehen?

Der Titel ist ein wenig provokant. Er spielt ja mit der Vorstellung, man könnte Fontane entschlüsseln. Das wird uns mit Sicherheit nicht gelingen. Aber wir können seine stilistischen Eigenarten beschreiben. Etwa seine Neigung, neue Wortzusammensetzungen zu kreieren. „Generalweltanbrennung“ ist so ein Wort, oder „Apfelkuchenstation“...

… ein Begriff aus dem „Stechlin“, mit dem Fontane auf einen Gasthof am Bahnhof von Wittenberg anspielt, wo es köstlichen Apfelkuchen gegeben haben soll.

Solche herrlichen Wörter tauchen häufig bei Fontane auf und deuten auf die spezielle poetische Kraft seiner Sprache hin. Sie sind ein Aspekt seines stilistischen Fingerabdrucks.

Wird es bei dem Hackathon auch um den Brandenburger Fontane gehen?

Wir wollen den Stil der Romane mit dem der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ vergleichen. Fontanes Gesellschaftsromane spielen in Berlin und kreisen um die damalige Gegenwart. Die Wanderungen widmen sich hingegen der Region und deren Geschichte. Da stellt sich die Frage, ob Fontane anders über Brandenburg schreibt, als wenn es um die Metropole Berlin geht.

Hackathon im Fontane-Archiv

Peer Trilcke ist Professor an der Universität Potsdam. Der 37-jährige Literaturhistoriker ist Spezialist für deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts mit besonderem Schwerpunkt auf Theodor Fontane.

Seit Frühjahr 2017 leitet der das Theodor-Fontane-Archiv in Potsdam.

Im Fontane-Archiv veranstaltet am kommenden Donnerstag einen Hackathon, in dem 24 Wissenschaftler sich mit digitalen Mitteln mit dem Werk Fontanes auseinandersetzen.

Welchen Bedeutung hat Brandenburg für die Fontane-Forschung?

Das Faszinierende an Fontane ist die Verbindung von Lokalem und Internationalem – und sogar Globalem. Bei ihm finden wir im Grunde, was man heute „glocal“ nennt. In dieser Hinsicht ist er hoch aktuell. Fontane war nicht nur Chronist der Mark Brandenburg, sondern auch ein Europäer, der über Schottland schrieb, in London lebte, Italien bereiste, um nur einige Beispiele zu nennen. Dieses Zusammenwirken von Lokalem, Europäischem und Globalem bei Fontane wurde zuletzt intensiv erforscht.

Kann man sagen, dass darin auch seine aktuelle Relevanz besteht?

Es ist schon befremdlich, wenn in aktuellen politischen Diskussionen Europa und die regionale Heimat in einen Gegensatz zueinander gestellt werden. Fontane hat gezeigt, dass beides erst gewinnt, wenn man es zusammendenkt.

Sie haben bereits die Wortschöpfungen angesprochen. Fontanes Sprache klingt für uns ein wenig verstaubt und umständlich. Welchen Stellenwert hat er heute noch in der Weltliteratur?

In der Weltliteratur ist er unter den Romanciers des 19. Jahrhunderts derjenige deutsche Schriftsteller, der international noch wahrgenommen wird. Sicher mit ein wenig Abstand zu den ganz großen Autoren des Realismus, etwa Flaubert oder Tolstoi, aber doch als deutschsprachiger Vertreter der Weltliteratur dieser Epoche.

2019 ist Fontane-Jahr. Sind sie schon nervös?

Nein, vorfreudig. Das Fontanejahr „fontane.200“ ist ja Teamarbeit: Gemeinsam mit der Brandenburgischen Gesellschaft für Kultur und Geschichte ist es gelungen, ein ebenso reízvolles wie facettenreiches Programm zu entwickeln. Ich freue mich auf die Begegnungen mit all den Menschen, die im nächsten Jahr nach Brandenburg kommen werden, um etwas über Fontane zu erfahren.

Und was ist vom Fontane-Archiv zu erwarten?

So einiges! Der Höhepunkt wird ein internationaler Kongress im Juni an der Universität Potsdam, auf dem wir über „Fontanes Medien“ diskutieren. Fontane schrieb für Zeitschriften und Zeitungen, arbeitete als Journalist und Kriegsberichterstatter, war als Korrespondent in London – und das während ein weltweites Telegrafennetz entstand und die Fotografie sich entwickelte. Eine spannende Zeit des Medienumbruchs, die wir uns genauer anschauen wollen.

Von Mathias Richter

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