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00:18 28.07.2017
Ahne in der Rheinsberger Stadtschreiberwohnung, wo er gerade an seinem ersten Roman sitzt.
Ahne in der Rheinsberger Stadtschreiberwohnung, wo er gerade an seinem ersten Roman sitzt. Quelle: Lars Grote
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Rheinsberg

Gott kommt vorbei, sagt Ahne, doch Ahne untermalt den Satz mit einem leisen Lächeln, man ist nicht sicher, ob er wirklich daran glaubt. Er sitzt in einer Wohnung mit viel unlackiertem Holz, auf seinem Tisch vor ihm wie ausgekippt die Ernte eines ökologisch orientierten Einkaufs – Äpfel, Zwiebel, Porree und Zitronen. Der Tisch wirkt wie ein altes, holländisches Stillleben. Ahne hütet sich, die Ruhe zu stören. Im Grunde heißt er Arne Seidel, er ist ein Mensch, der die Gedanken in sich wachsen lässt und dann auf einer Bühne in der Jägerklause, Berlin-Friedrichshain, die eigenen Texte ausprobiert. Dort gebe es das „kritischste Publikum der Welt“, sagt Ahne, der es wissen muss, weil er nichts leichtfertig behauptet.

Ahne, 49 Jahre, ist bis Ende November Stadtschreiber in Rheinsberg (Ostprignitz-Ruppin). Er füllt das Amt mit Würde, er denkt erst und dann schreibt er. Das ist nicht typisch für die Zeit, in der wir leben. Vor allem ist es ungewöhnlich, dass jemand ankündigt, bald schaue Gott vorbei. Denn Ahne ist ein Mann, der bodenständig übers Bio-Obst gebietet, das auf dem Tisch liegt. Das Überraschendste bei Ahne ist die Frau, die plötzlich aus dem Nebenzimmer in die Küche kommt, freundlich grüßt und sich entschuldigt: Sie müsse kurz ins Bad.

Wenn Ahne so etwas wie Ruhm vorweist, dann hat er ihn im Radio erwirtschaftet. Seine „Zwiegespräche mit Gott“ liefen auf Radio Eins vom RBB, eine Gattung, die sich schwer benennen lässt. Einmal ging es so: „Na Gott. – Na. – Riecht so angebrannt, Gott? – Ja, mir ist die Suppe angebrannt. – Suppe? Wie kann denn Suppe anbrennen? Gott? – Allet kann anbrennen.“

Die Nummer 46 der Rheinsberger Tradition

Ahne wurde am 5. Februar 1968 als Arne Seidel in Ost-Berlin geboren.

Er lernte Offset-Drucker, war Hausbesetzer und betätigte sich nach der Wende lokalpolitisch in der Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Lichtenberg für das Neue Forum.

Seine „Zwiegespräche mit Gott“ waren bis 2015 regelmäßig auf Radio Eins vom RBB zu hören.

Das Amt des Stadtschreibers ist in Rheinsberg 1995 eingeführt worden, Ahne ist der 46. Er amtiert von Anfang Juli bis Ende November.

Sein „Rheinsberger Tagebuch“ veröffentlicht er auf seiner Homepage unter www.ahne-international.de

Es war ein Dialog, so weit, so deutlich. Der Rest ist schon Verhandlungssache. Ein Sketch? Grundkurs in Metaphysik? Die Fingerübung eines Autors, der Großes vorhat und sich warm hält mit der kleinen Form?

„Humor ist eine gute Tragetasche für andere Inhalte“, sagt Ahne. Solche kolossalen Sätze hört man von ihm selten, er mag es sonst eher beiläufig. Er liebt die unlackierten Sätze, so unlackiert wie seine Wohnung, wo vor ihm als Stadtschreiber schon Wiglaf Droste, der böse, immer zur Pointe bereite Anarchist, oder Kathrin Schmidt gewohnt haben, die poetische Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2009. Es gibt 1000 Euro im Monat für das Amt des Stadtschreibers, 100 Euro Nebenkosten fallen an.

„Humor?“ fragt Ahne, er kommt zurück auf die „Zwiegespräche“, in denen Ahne stets sich selbst gesprochen hat. Die Stimme von Gott klang höher. Wer war das? Ahne verrät es nicht. „Manchmal war Gott wütend, manchmal ich“, sagt er. Ob sie witzig sind, die kleinen Dialoge? „Das ist die Frage“, sagt Ahne, der das Uneindeutige zu seinem Genre macht und hinter einem ruhigen Blick den Aberwitz bewirtschaftet. Der Aberwitz erzählt: Ich will nicht satt, reich und erwachsen werden, sondern undressiert und randständig leben.

„Es gibt zwei Basics und 365 Arten, das Eis zu garnieren“

Der Hausmeister sagt, er solle die Rheinsberger Wohnung gut abschließen – als gäbe es eine Idylle zu behüten. Ahne versuchte, die Leute des Ortes zu treffen, er ging raus und wollte ein Eis. „Es gab zwei Basics und 365 Arten, sie zu garnieren. Zum Beispiel Milchreis-Knoblauch-Nougat oder Saure Gurke-Senf und Wick blau.“ Ahne wollte nur Vanille, doch das gab es nicht. In solchen Augenblicken hat er Sehnsucht nach Gott oder zumindest nach der Großstadt, die ihm überschaubarer erscheint als dieses Rheinsberg, das Ruhe in Reinkultur verspricht, jedenfalls in seiner Wohnung, doch jäh mit dieser Überforderung beim Eiskauf um die Ecke kommt. Eigentlich ist das genau der Stoff, von dem die Bücher leben, die Ahne schreibt.

Sonst schreibt er immer kurze Texte. Jetzt sitzt er an seinem ersten Roman. Er hat es schon mal versucht, doch verlor die Lust. Warum jetzt ein neuer Anlauf? „Ich will gucken, ob ich es hinkriege. Und der Verlag wird langsam auch ein bisschen ungeduldig.“

Einen Stoff für das Buch findet er im Musical, das er mit dem Musiker Sedlmeir geschrieben hat. Ahne singt im Stück. Arbeitstitel: „Rache“. Der Stoff besteht aus Dauerregen, Mecklenburg, Schriftsteller und Kommissar. Es klingt eher wie ein schwermütiges B-Movie. Vielleicht ist eben das ja sein Metier: Ein Fingerbreit neben der Hochkultur, die in Rheinsberg selbstverständlich allenthalben greifbar ist.

Wenn er ehrlich ist, sagt Ahne, glaube er nicht an Gott. Er glaubt an nichts. Nur auf Pimi will er in Rheinsberg nicht verzichten, ein graumelierter Kater. Pimi ist ein Kerl, der schweigen kann. Der braucht nur eine Handvoll Futter, kein Eis mit knapp 400 Toppings.

Von Lars Grote

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