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15:13 14.02.2020
Kurfürst Friedrich Wilhelm, gemalt von den holländischen Maler Pieter Nason (1612-1688). Quelle: Wolfgang Pfauder/SPSG
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Potsdam

Bis 1918 bestimmten die Hohenzollern die Geschicke Brandenburg-Preußens. Ihr Staatsgebilde war lange Zeit ein bedeutungsloser Flickenteppich. Wer ihren Aufstieg in der Neuzeit verstehen will, muss sich bis zum Großen Kurfürsten zurückarbeiten, der am 9. Februar vor 400 Jahren in Berlin-Cölln geboren wurde. Friedrich Wilhelm war von 1640 bis 1688 Markgraf von Brandenburg und Herzog in Preußen. Die Kurfürstenwürde bedeutete, dass er den römisch-deutschen Kaiser mitwählen durfte.

Eine Legende auf dem Prüfstand

Mathias Czwiczek (1601-1654) malte Kurfürst Friedrich Wilhelm und seine Gemahlin Louise Henriette. Quelle: Jörg P. Anders/SPSG

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Friedrich Wilhelm war ein typischer Barockmensch. Er liebte die Jagd, trug wallendes Haar und betete inbrünstig zu Gott, um sich dessen Gnade zu versichern. Er war ein ungewöhnlich treuer, geradezu bürgerlicher Ehemann, der mit zwei Frauen 13 Kinder zeugte. Seine ausgeprägte Geltungs- und Prunksucht verdeckte tiefe Selbstzweifel und Unwissen. Mit hochfahrender Impulsivität versuchte er immer wieder Wankelmut und Trübsinn zu überspielen, die sein Naturell prägten, wie Jürgen Luh meint. Der Historiker der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten hat gerade eine detailreiche Untersuchung mit vielen Originalzitaten vorgelegt, die die Lebenszeugnisse und Leistungen der preußischen Galionsfigur einer gründlichen Prüfung unterzieht. Er misstraut zutiefst den Vorarbeiten seiner Zunft, die bis ins frühe 20. Jahrhundert der „vorgeblich segensreichen Herrschaft der Hohenzollern“ verpflichtet war. Welche Nachwirkungen gehen auf Kurfürst Friedrich Wilhelm zurück? Ist das Attribut - der Große - gerechtfertigt?

Entdeckte Potsdam und Oranienburg

Unglaublich, wie Könige und Armeen damals in Europa rumgekommen sind. Die Kavallerie war oft kriegsentscheidend. Und der Fürst mit seinem Hofstaat war ständig mit Pferdekutschen unterwegs. Friedrich Wilhelm taucht mal in Königsberg oder Warschau auf, in Regensburg, Prag oder Wien, in Stralsund, Hamburg oder im niederrheinischen Kleve. Als 14-Jähriger wurde er für vier Jahre in die Niederlande geschickt. In Den Haag heiratete er 1646 die Prinzessin Louise Henriette von Oranien und ein Jahr nach deren Tod 1668 in Groningen die Herzogin Dorothea von Holstein-Glücksburg. Dass er es war, der die Schönheit seiner bedeutungslosen Heimatregion erkannt hat, thematisiert der Historiker Luh nicht. Friedrich Wilhelm krönte die Havellandschaft mit heute noch geschätzten Bauwerken. Seiner ersten Frau überließ er 1650 das einstige Jagdschloss Bötzow. Es wurde in Oranienburg umbenannt. Der Landsitz im Stile des niederländischen Barocks setzte neue Maßstäbe. Später entdeckte er Potsdam, ein Fischerdorf mit etwa 700 Einwohnern. „Das ganze Eyland muss ein Paradies werden“, hatte ihm 1664 sein weit gereister Freund Johann Moritz von Nassau-Siegen geraten. Der Kurfürst erwarb weitblickend große Flurstücke und errichtete die ersten beiden Brücken – die Glienicker und die Lange Brücke. Auf den Ruinen einer verfallenen Burg ließ er das Potsdamer Stadtschloss bauen, in dem er 1688 auch starb. Die Nebenresidenz (neben dem Stadtschloss in Berlin) wurde noch durch ein Lustschloss in der Nähe aufgewertet. Das Landhaus Caputh am Templiner See bekam seine zweite Ehefrau 1671 von ihm geschenkt. Zu der dreiflügeligen Anlage führte bald eine schnurgerade Straße.

Eine weitere Darstellung des Kurfürsten von Mathias Czwiczek (1601-1654). Quelle: Roland Handrick/SPSG

Der Ehrgeiz eines Autokraten

Fast ein halbes Jahrhundert hielt Friedrich Wilhelm die Zügel der Macht in der Hand. Mit ihm hielt der Absolutismus in Brandenburg-Preußen Einzug. Das persönliche Maß an Ehrgeiz und Geschick, Intelligenz und Borniertheit, Willkür und Glück erwiesen sich als ausschlaggebend für ganze Landstriche. Friedrich Wilhelm war acht Jahre alt, als der Dreißigjährige Krieg offiziell beigelegt wurde. Aber auch die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts blieb unübersichtlich und kriegerisch. Das armselige Brandenburg war ein Aufmarschgebiet fremder Truppen und Spielball von Großmächten. Der Heranwachsende durfte deshalb viele Jahre die enge Festung Küstrin nicht verlassen, denn im Land war auch der Thronfolger nirgends vor schwedischer oder polnischer Soldateska sicher. Er schlussfolgerte daraus, dass sich eine souveräne Autokratie in der Mark und in Preußen erübrigt, wenn hier keine nennenswerte Militärmacht entsteht. Eine wichtige Triebfeder war aber auch sein persönlicher „Ehrgeiz, in der fürstlichen Welt unter allen Umständen etwas darstellen zu wollen“, schreibt Historiker Luh. Aus dem puren Willen leitete der Herrscher einen protestantischen Arbeitseifer ab, verbunden mit Stehaufmännchen-Qualität – eine Lebenshaltung, die für die Hohenzollern lange typisch war. So gesehen macht es fast Sinn, dass nach Friedrich Wilhelm alle Könige Friedrich oder Wilhelm oder eben Friedrich Wilhelm hießen und man sie nur noch anhand von Zahlen unterscheiden kann. Friedrich II., der Urenkel des Großen Kurfürsten, bezeichnete sich bekanntlich als „erster Diener des Staates“.

Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg , hier gemalt von Jacques Vaillant (1643-1691) Quelle: Wolfgang Pfauder/SPSG

Untertane mussten bluten

Um Herr im eigenen Land zu werden, ordnete Friedrich Wilhlem den Ständestaat neu. Er kappte 1657 die Verbindungen des preußischen Adels zur polnischen Krone und sicherte sich in allen Landesteilen, die kaum etwas miteinander verband, die Treue der einflussreichsten Familien, der Ritterschaft, Prälaten und Patrizier in den Städten. Herkömmliche Darstellungen betonen, dass die Schaffung einer schlagkräftigen Verwaltung eine Vervierfachung des Steueraufkommens ermöglichte und dass sich unter Friedrich Wilhlem die Staatseinnahmen verdreifachten. Luh wartet mit keiner Erfolgsbilanz auf. Er bestreitet, dass es überhaupt einen wirtschaftlichen Aufschwung gab. Das „Wohlergehen seiner Untertanen“ sei Friedrich Wilhlem herzlich egal gewesen, der Historiker spricht von „rabiaten Finanzforderungen gegenüber den Ständen und Untertanen“. Für den kostspieligen Unterhalt der kurfürstlichen Truppen mussten die „nichtadligen Untertanen, die Landleute und Stadtbürger“ aufkommen, betont Luh. Die eigenen Domäneneinkünfte von Friedrich Wilhlem hätten nicht einmal für seine üppige Hofhaltung ausgereicht. Die brandenburgisch-preußische Historiographie vermeldete gern stolz, dass der Kurfürst 1640 nur etwa 2500 Soldaten vorfand und es dann 1688 mehr als 30 000 gewesen seien.

Jürgen Luh, Autor der Biografie und Historiker der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Quelle: privat

Der Autor

Jürgen Luh (56) ist seit 2008 leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter im Ressort Wissenschaft und Forschung in der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg.

Er kuratierte 2012 die Jubiläumsausstellung Friederisiko zum 300. Geburtstag von Friedrich II. im Neuen Palais. Ein Jahr zuvor war seine Biografie über den Preußenkönig erschienen. 2015 erschien „Der kurze Traum der Freiheit“, ein Essay über Preußen an der Schwelle zur Moderne.

Das Buch: Jürgen Luh: „Der Große Kurfürst. Sein Leben neu betrachtet“, Siedler, 336 Seiten, 25 Euro.

Zwischen Fehrbellin und Afrika

Die außenpolitischen Zweckbündnisse, die Friedrich Wilhlem schmiedete und wieder verwarf, sind heute kaum noch nachzuvollziehen. Mit seiner Armee suchte er zu wuchern und schickte die Truppen an der Seite anderer Mächte in einige Schlachten. Ein unerwarteter Befreiungsschlag gelang ihm 1675, als er schwedische Truppen davon abbrachte, weiter in Richtung Berlin-Cölln zu marschieren. Etwa 13 000 schwedische Kürassiere hielten sich in Havelberg, Rathenow und Brandenburg verschanzt, als etwa 7000 Brandenburger Reitern ein Überraschungsangriff gelang. Die Schlacht bei Fehrbellin brachte Brandenburg-Preußen den ersten Sieg aus eigener Kraft ein – und Friedrich Wilhelm den Ehrenname Großer Kurfürst. Aber auch nach der anschließenden Eroberung von einigen schwedischen Schiffen wurde seinem Erfolg in Wien, Paris und Den Haag nicht der ersehnte Respekt gezollt. Die Großmächte sprachen auf dem Verhandlungstisch Brandenburg 1679 den Besitz von Vorpommern mit Stettin, Stralsund und der Insel Rügen wieder ab. Friedrich Wilhlem war darüber sehr verbittert, denn gerade die Hafenstädte schienen ihm strategisch von höchster Bedeutung. Seit er erlebt hatte, wie wirtschaftlich glänzend die Niederlande in ihrem Goldenen 17. Jahrhundert durch Kolonialismus und Überseehandel dastanden, träumte er von Elfenbein, Gold und Kakao aus Afrika. In einer Art Public Private Partnership gründete er 1682 mit einem holländischen Kaufmann die Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie mit Sitz in Emden und ließ im 100 Hektar großen Fort „Groß Friedrichsburg“ an der Künste von Ghana 1683 feierlich die brandenburgische Flagge hissen. 35 Jahre später beendete sein Enkel, der Soldatenkönig, das koloniale Abenteuer. Die Festung sei nie mehr als ein „Kuriosum“ und „kostspieliges Experiment“ gewesen, urteilt Luh.

„Das Edict von Potsdam 1685" in einer Ausstellung im Neuen Palais 1985. Quelle: MAZ/Manfred Haseloff

Er glaubte an den „einzig selig machenden“ Glauben

Der Große Kurfürst unterstützte die Einwanderung von Glaubensflüchtlingen. 1671 lockte er 50 jüdische Familien von Wien nach Berlin. Sie erhielten einen Schutzbrief, mussten aber nachweisen, dass sie wohlhabend waren. 1585, drei Jahre vor seinem Tod, erließ Friedrich Wilhlem das berühmte „Edikt von Potsdam“. 20 000 verfolgte reformierte Glaubensflüchtlinge aus Frankreich und der Schweiz ließen sich daraufhin in Brandenburg nieder. Luh stellt aber fest, dass es Friedrich Wilhlem dabei nicht um religiöse Toleranz ging. Im Gegenteil. Als Anhänger des reformierten Glaubens, die in Brandenburg und vor allem Preußen in der Minderheit waren, versuchte er Zeit seines Lebens, den Einfluss der Lutheraner zurückzudrängen. Der Liederdichter Paul Gerhardt musste sogar vor der Verfolgung des Kurfürsten 1666 nach Sachsen fliehen. Friedrich Wilhlem hielt das reformierte Bekenntnis für „das einzig selig machende“. Eigentlich wollte er die Regel „Cuius regio, eius religio“ umsetzen, die besagt, dass der Herrscher eines Landes den Bewohnern die Religion vorschreibt. Die Tradition der religiösen Toleranz in Brandenburg-Preußen könnte aber darin ihren Ursprung haben, dass beide christliche Bekenntnisse nebeneinander existiert haben.

Nahm sein Scheitern selber wahr

Der Große Kurfürst wurde lange Zeit als Stammvater des später so vitalen Königreichs Brandenburg-Preußen gefeiert. Jürgen Luh, der das Hohenzollern-Erbe als Stiftungs-Historiker heute mitverwaltet, hält gegen diesen Mythos. Er schildert einen unsympathischen, larmoyanten, unglücklichen, wenig staatsmännischen Gernegroß, der sein Scheitern auch selber wahrgenommen hat. Der moderne Gedanke an einen Einheitsstaat sei ihm fremd gewesen, „den man ihm, Weitsicht und Weltklugheit unterstellend, im Hinblick auf das Werden Preußens zugeschrieben hat“, so Jürgen Luh.

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