Der Potsdamer Religionsphilosoph Walter Homolka hat die schwierige Rolle Jesu zwischen Christentum und Judentum untersucht
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Kultur Jesus, der ungeliebt Jude
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Der Potsdamer Religionsphilosoph Walter Homolka hat die schwierige Rolle Jesu zwischen Christentum und Judentum untersucht

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17:27 21.12.2020
Max Liebermann: Der zwölfjährige Jesus im Tempel (Bildausschnitt).
Max Liebermann: Der zwölfjährige Jesus im Tempel (Bildausschnitt). Quelle: Privat
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Potsdam

Ein Blick auf jede Landkarte bestätigt es zweifelsfrei: Jesus wurde auf jüdischem Boden geboren. Und doch führte die Darstellung von Jesus als Jude noch im 19. Jahrhundert in Teilen der Gesellschaft zu hysterischen Reaktionen. Im August 1879 löste der Maler Max Liebermann mit seinem Gemälde „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“ einen regelrechten Skandal aus. Liebermann, selbst jüdischer Herkunft, hatte den Knaben aus Galiläa als das gezeigt, was er war: als mediterranen Typus mit schwarzem Haar, dunklen Augen. Nicht einmal eine nordisch-noble Nase hatte Liebermann seinem – obendrein barfüßigen – Protagonisten verpasst.

So viel Frevel empörte die guten Christen und Hofprediger Adolf von Stoecker schäumte: „Bedenken Sie, meine Herren von Israel, dass uns Christus gerade so heilig ist wie Ihnen Jehova.“ Der Empörungssturm veranlasste Liebermann, das Bild zu übermalen und den jungen Jesus unter anderem mit ordentlich gekämmtem Prinz-Eisenherz-Pagenkopf darzustellen. Dem Gemälde war dennoch kein großer öffentlicher Erfolg beschieden.

Walter Homolka untersucht das Verhältnis der Juden zur Figur Jesu

Dies illustriert im wahrsten Wortsinne, wie schwer sich Christen lange Zeit mit der ganz realen Herkunft ihres Glaubensgründers taten. Doch wie sieht das Verhältnis der Juden zum „Gottessohn“ aus ihrer Mitte aus, dessen Name im Hebräischen Jehoshua – „Gott hilft“ - lautet? Dieser Frage geht der Potsdamer Rabbiner Walter Homolka in seinem sehr lesenswerten, im Verlag Herder erschienenen Buch: „Der Jude Jesus – Eine Heimholung“ nach.

Die Ansichten zum Nazarener aus jüdischer Sicht variierten über die Jahrhunderte stark. Als Gegenreaktion auf die Verfolgung und Verächtlichmachung des Judentums durch die Christen ließ man teilweise auch an Jesus kein gutes Haar, so dass aus dem christlichen Gottessohn zum Beispiel in mancher Darstellung flugs der illegitime Spross eines römischen Legionärs wurde – Bastard mit zweifelhaftem Ruf statt bethlehemitischer Heilsbringer.

Vordenker wie Abraham Geiger befassten sich intensiver mit Jesus

Im 19. Jahrhundert entdeckten jüdische Wissenschaftler dann die neue historisch-kritische Methode. Vordenker wie Abraham Geiger begannen, intensiver zur Gestalt Jesus zu forschen. „Symptomatisch dabei ist, dass dieser historische Jesus einerseits kontrovers zwischen Judentum und Christentum steht und andererseits das Bindeglied zwischen beiden darstellen kann“, schreibt Homolka.

Fakt ist aber und da sind sich die jüdischen Forscher des 19. und 20. Jahrhunderts offenbar einig, dass der Galiläer nicht nur von seiner Herkunft her Jude war, sondern auch fest im Denken seiner Zeit verwurzelt war. So stand er auf dem Boden jüdischer Traditionen. Seine Taufe im Jordan, so Homolka, habe der „Tewila“ entsprochen, dem traditionellen Ganzkörpertauchbad zur rituellen Reinigung. Auch das berühmte „Letzte Abendmahl“ vor der Verhaftung und Kreuzigung war wohl nichts anderes als das Sedermahl zum Pessachfest.

Homolka sieht Chance für christlich-jüdischen Dialog

Allgemein darf der Schluss gezogen werden, dass das Christen- aus dem Judentum hervorgegangen ist und sich dabei in drei Jahrhunderten der Ablösung zu einer eigenen Religion entwickelt hat - allerdings unter Verschleierung des jüdischen Ursprungs. Die jüdischen Gelehrten waren sich einig darüber: Bei Jesus von Nazareth handle es sich nicht um den in der hebräischen heiligen Schrift verheißenen Messias.

Walter Homolka: Der Jude Jesus - Eine Heimholung. Quelle: Verlag

Vor dem Hintergrund von jahrhundertelanger christlicher Unterdrückung und Verfolgung bedeutete die Auseinandersetzung jüdischer Gelehrter mit Jesus auch „ein Ringen des Judentums um Authentizität und Augenhöhe“, so Homolka. Umgekehrt biete Jesu Verankerung im Judentum eine Herausforderung für Christen heute und eine Chance auf fruchtbaren christlich-jüdischen Dialog.

Mit der Beförderung dieses Dialogs hat sich der Autor selbst deutschlandweit einen Namen gemacht – seit 2014 hat er an der Universität Potsdam eine Professur für Jüdische Religionsphilosophie der Neuzeit inne, deren Schwerpunkt auf Jüdischen Denominationen sowie auf interreligiösem Dialog liegt.

Walter Homolka ist zudem der Begründer des Abraham Geiger Kollegs zur Rabbinerausbildung sowie stellvertretender Geschäftsführender Direktor der School of Jewish Theology. Die Einrichtungen von internationalem Rang werden im Frühjahr 2020 einen dauerhaften Sitz im Königlichen Hofgärtnerhaus und der Orangerie am Potsdamer Neuen Palais bekommen.

Walter Homolka: Der Jude Jesus – Eine Heimholung, Herder, 256 Seiten, 22 Euro.

Von Ildiko Röd