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17:18 02.05.2018
Johannes Heisig „BeBerlin oder die einende Kraft der Musik“, 2009/2011, Triptychon Mischtechnik, Collage auf Leinwand (Ausschnitt) Quelle: Lars Wiedemann, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Cottbus

Es wirkt wie ein Donnerschlag. 17 Bilder, jedes um die zwei Meter hoch. Schwarz gezeichnete Linienknäule, die mit einem Gewicht gen Boden drücken, dass der Atem stockt. Die 17 Bilder hängen im oberen Stockwerk des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst in Cottbus. Gemalt hat sie Johannes Heisig, einst einer der sogenannte jungen Wilden in der DDR der 80er-Jahre. Aber an Energie haben seine Bilder nicht verloren.

17 Bilder, die von existenzieller Bedrohung zeugen

Die 17 Bilder gehören zusammen. Sie bilden Heisigs „Krähenzyklus“, den er 2011 fertiggestellt hat und der erstmals in einer derartig geballten Anordnung zu sehen ist, wie Jörg Sperling, der Kustos des Museums betont. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Denn die Bilder zeigen mehr als den schwarzen Vogel. Es sind Bilder existenzieller Bedrohung, des Widerstandes und der Verzweiflung des Einzelnen in seiner Einsamkeit und der endlosen Frage nach dem Sinn.

Sie sind von verwirrender Intensität. Die Bilder von Johannes Heisig, die derzeit im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst zu sehen sind. Die MAZ zeigt ein paar Beispiele.

Heisig hat die Bilder dem Gedichtszyklus „Crow“ (Krähe) des britischen Dichters Ted Hughes nachempfunden. Der 1998 verstorbene Lyriker musste Jahrzehnte seines Lebens damit klar kommen, dass die Nachwelt ihn für den Selbstmord seiner großen Liebe, der US-amerikanische Schriftstellerin Sylvia Plath im Jahr 1963 verantwortlich machte. Seine Krähengedichte sind ein Aufbäumen gegen die zugeschriebene Schuld und der Versuch einer Selbstvergewisserung. Sie sind ein „atemberaubendes Psychogramm der modernen Existenz“, wie Heisig über seinen Zyklus schreibt.

Die Last der Welt in Kohlestrichen

Die Krähe ist in der europäischen Mythologie sowohl der Vogel der Weisheit wie des Bösen. Heisig malte ihn mit groben Kohlestrichen, mal mit monströsen Augenhöhlen und aufgerissenem Schnabel von der Last der Welt dramatisch zu Boden gepresst, mal kopfüber mit den Füßen gen Himmel durch die Luft wirbelnd. Es sind Bilder des Ausgeliefertseins, der Gewalt, der Finsternis und des Todes. Und sie zeugen von einer Last, die selbst noch auf dem Betrachter übergeht und dem Raum, trotz der Schwarz-Weiß-Kontraste eine gedämpfte Tonlage verabreicht.

Heisigs Tonlagen

„Tonlagen“ so hat das Museum die Ausstellung überschrieben. Und es passt zu Heisig, der es prächtig versteht, Stimmungen und Atmosphären zu visualisieren. Der Krähenzyklus ist nur der Höhepunkt der Schau, in der auch seine bekannteren Großstadtbilder zu sehen sind. Episoden aus dem Alltag in Berlin-Neukölln. Oder Szenen aus dem musikalischen Underground der 80er-Jahre. Wie zum Beispiel die vier Bildtafeln „Der Tanzpalast“ von 1986 aus der Hochzeit des Neoexpressionismus. Heisig fängt mit kräftigen, schrillen Farben Momente der Ekstase und der musikalischen Intensität ein, wenn er Tanzende mit geschlossenen Augen malt und dabei die Konturen auflöst oder Musiker auf der Bühne in gleisenden Licht nur als Schatten ihrer selbst andeutet.

Maler der Zwischentöne

Das war die wilde Zeit des Punks, zu der sich Heisig auch heute noch bekennt. Der sei ein Mittel gewesen, „um die metaphorische Überfrachtung in der DDR-Malerei zu überwinden“, hat er einmal gesagt. Bei Heisig gibt es keine eindeutigen Metaphern. Er ist ein Grübler und Zweifler, der die Zwischentöne bedenkt und Grenzen lieber verwischt als welche zieht. Vielleicht tragen seine Bilder gerades deshalb häufig den unmittelbaren Sound des Augenblicks in sich. Der klingt dann mal grundsätzlich, wie bei den Krähenbildern, mal spontan wie im „Tanzpalast“.

Triptychon zum Mauerfall

Oder auch mal historisch gesättigt, wie bei dem erst 2009 bis 2011 fertig gewordenen Triptychon „BeBerlin oder die einende Kraft der Musik“ – ein Nachspiel zum Mauerfall. Im Zentrum spielt rauschhaft eine Band. Dahinter stürzt die Mauer ein. Kennedy, Brandt und Adenauer sind dabei. Von oben lugen Heiner Müller und Gottfried Benn auf die Szene. Auf dem rechten Seitenflügel ein Volkspolizist ratlos vor Menschen, die auf der Mauer sitzen und links tritt ein Mensch durchs geöffnete Fenster nach Westen. Es ist nicht ganz klar ob er in die Freiheit springt oder in den Abgrund.

Von Neukölln in die Prignitz

Johannes Heisig gehörte in den 80er-Jahren zu den jungen Wilden unter den Malern in der DDR.

Der Sohn von Bernhard Heisig, des Mitbegründer der Leipziger Schule, hatte bis zum Mauerfall einen Lehrstuhl an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden inne. Danach war der dort bis 1991 Rektor. 2003 und 2004 lehrte er an der TU Dortmund.

Berlin-Neukölln war viele Jahre sein Arbeits- und Lebensmittelpunkt. Dort entstanden seine Großstadtbilder.

Seit 2015 lebt Heisig in Teetz, einem kleinen Dorf in der Prignitz.

Johannes Heisig. Tonlagen. Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus, Uferstraße. Di – So, 10 bis 18 Uhr. Eintritt: 4 Euro. Bis 24. Juni.

Man hat die Wucht der Musiker, die auf ihre Instrumente eindreschen geradezu im Ohr. Und trotzdem klingt er ein wenig, wie aus ferner Zeit. Anders als bei den Krähen. Die treffen ins Mark. Zum Abschluss der Ausstellung ist eine Live-Performance als Klang-Installation angekündigt.

Von Mathias Richter

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