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15:13 03.08.2017
Fotografin Regina Schmeken vor ihren Fotos. Quelle: Regina Schmeken
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Berlin

Von ihrem Motorroller aus erhaschen die Vorbeifahrenden einen Blick aufs Nichts. Pfütze, Gullideckel, Blumenstand – mehr ist dort nicht zu sehen, wo Enver Şimşek einst ums Leben kam. Die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen ihn dort am 9. September 2000 in seinem Transporter. Regina Schmekens Schwarzweiß-Foto des Tatorts an einer Nürnberger Schnellstraße verrät auf den ersten Blick nichts über das Leben des getöteten Blumenhändlers und nichts über die Tat. Und doch, mit dem Wissen über die NSU-Mordserie und das Versagen deutscher Behörden wird aus der Aufnahme ein Aufruf. Erinnert euch, beschäftigt euch, macht was draus.

Quelle: dpa

Die Ausstellung der Fotojournalistin Regina Schmeken im Berliner Martin-Gropius-Bau trägt den Titel „Blutiger Boden“ und ist noch bis zum 29. Oktober zu sehen. Sie zeigt Werke, die zwischen 2013 und 2016, also einige Jahre nach den Mordtaten, entstanden sind. Schmeken besuchte die quer durchs Land verteilten Orte, an denen neun Männer türkischer und griechischer Abstammung und eine deutsche Polizistin ums Leben kamen. Sie fotografierte auch die Tatorte der beiden Sprengstoffattentate in Köln, bei denen mehr als 20 Menschen verletzt wurden.

Quelle: dpa

Die großformatigen Aufnahmen sind in zwei großen Räumen lückenlos aneinandergereiht. Es ist dunkel, die Beleuchtung richtet sich auf die Werke. Der Besucher ist von ihnen umzingelt. Nur ein Bild hängt für sich, es zeigt einen Ausschnitt der verschlossenen Tür zum Saal A 101 im Oberlandesgericht München, wo seit vier Jahren der NSU-Prozess stattfindet. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe ist nicht zu sehen. Auch sonst fehlen auf den grobkörnigen Fotografien erkennbare Protagonisten, Passanten huschen über Bürgersteige, die Kennzeichen der parkenden Autos sind wegradiert. Die Einstellung der Aufnahmen ist stets von unten. Im Fokus stehen abbröckelnde Bordsteinkanten und an Blutlachen erinnernde Pfützen, in denen sich Bäume spiegeln. In der Straße, in der der Schneider Abdurrahim Özüdogru, 49, erschossen wurde, stapeln sich Müllsäcke. Auf einem Bild, das an den in einem Dönerladen ermordeten Mehmet Turgut, 25, erinnert, ist eine ans Haus gesprühte Fratze zu sehen. Daneben: Gestrüpp, matschiger Schneerest, Bäume ohne Blätter.

Quelle: dpa

Schmekens Blick auf Deutschland ist trist, dreckig, trostlos – und so bitter nötig. Sie zeigt, wie hässlich der Alltag sein kann. Zugleich lässt sie es nicht zu, dass er das Gedenken an die Opfer überdeckt. Die Werke tragen ihre Namen. So setzt Schmeken den Getöteten ein Denkmal, das nicht besprüht und geschändet werden kann. Das ist umso wichtiger, weil die deutschen Behörden darin versagt haben, sich den Hinterbliebenen zu widmen. Frühe Hinweise auf Rechtsextremismus wurden ignoriert, ging es um die Taten, war nur von Türken, Döner und Mafia die Rede. Akten wurden geschreddert, für Ermittlungspannen übernahm niemand die Verantwortung. Genau das aber hätte den Hinterbliebenen helfen können. In seiner „Todesfuge“ schrieb Paul Celan einst lyrisch überspitzt, der Tod sei ein Meister aus Deutschland. Der Trost ist es auf jeden Fall nicht. Schmekens Bilder von Matschpfützen und Bordsteinkanten machen das schmerzhaft spürbar.

Von Maurice Wojach

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