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Nachrichten Kultur Vergessene Frauen in der Berliner Nationalgalerie
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17:07 31.10.2019
Sebstdarstellung von Sabine Lepsius (1864 - 1942) im Jahr 1885. Quelle: Jörg P.Anders
Potsdam

Erst vor hundert Jahren durften Frauen zum ersten Mal an der Berliner Akademie studieren. Doch sie streiten schon viel länger für Gleichberechtigung. Schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurden ihre Werke ausgestellt, in Zeitungen erwähnt, gekauft und prämiert. Knapp eintausend Künstlerinnen schafften es vor 1919 sogar in den jährlichen Großen Berliner Salon, im Durchschnitt waren das immerhin 90 Künstlerinnen pro Jahr. Wie viele Frauen ihre Kunst insgesamt professionell betrieben, ist bis heute nicht erforscht. Denn mit ihrem Tod begann das Vergessen, ihre Bilder verschwanden, in Berlin genauso wie in London und Paris. Fast durchweg männliche Kunsthistoriker machten ihnen im 20. Jahrhundert den Garaus, indem sie die Kunst von Frauen systematisch ignorierten, verschwiegen, vergaßen.

Porträt von Paula Modersohn-Becker (1876 - 1907). Quelle: Nationalgalerie

„Kampf um Sichtbarkeit“ lautet deshalb der knackige Titel einer Ausstellung, mit der die Alte Nationalgalerie Berlin den bescheidenen Frauenanteil ihrer Archivbestände vor 1919 erstmals offenlegt: Nur 80 Arbeiten stammen von Frauen aus der Zeit von 1780 bis 1919. Das sind zwei Prozent von insgesamt 4000 Werken dieser Zeit. 60 Arbeiten werden jetzt gezeigt, alle von beachtlicher Qualität. Doch zugleich schmerzt das Ergebnis, weil es die Willkür der bisherigen Museumspolitik offenbart. Neben bekannten einzelnen Highlights wie den Gemälden von Dorothea Therbusch und Paula Modersohn-Becker finden sich zwar auch viele Überraschungen: Porträts, Stadtszenen, Landschaftsbilder, Seestücke, ein großangelegtes Historienbild. Dazu lebensgroße Büsten und kleine Figuren. Auf keinen Fall bestätigt die Ausstellung das gängige Vorurteil, Frauen hätten nur Blumen und Kinder gemalt. Doch die Auswahl wirkt zufällig, Puzzlestücke, die längst noch kein Gesamtbild ergeben. 24 weitere Werke stehen zwar im Verzeichnis, sind aber nicht mehr vorhanden. Zwei verlorene Gemälde werden deshalb exemplarisch durch Schwarz-Weiß-Reproduktionen repräsentiert.

Viele Bilder zeigen Männer

Offenbar hatten die beiden ersten Direktoren der Nationalgalerie Hugo von Tschudi und Ludwig Justi nur in Ausnahmefällen die Kunst von Frauen angekauft. Einige der Bilder stehen zwar im Archiv, wurden aber gleich weiterverliehen, andere wurden aus den Regalen nie wieder herausgeholt. Auffallend viele der erhaltenen Bilder zeigen berühmte Männer: Bismarck, Caspar David Friedrich, die Brüder Grimm, Karl Maria von Weber und so fort. Diese Werke wurden zwar von Frauen geschaffen, aber wohl nur angekauft, weil sie angesehene Männer zeigten.

Vilma Parlaghy malte 1895 Kaiser Wilhelm II. in Öl. Quelle: Andres Kilger/Nationalgalerie

Das erste Bild, das die Nationalgalerie von einer Künstlerin erwarb, war ausgerechnet das Porträt eines Kunsthistorikers. Ob Marie Wiegmann den Verfasser einer achtbändigen Geschichte der Bildenden Kunst wohl sympatisch fand? Die gesellschaftlich gut vernetzte Malerin porträtierte den Wissenschaftler Carl Schnaase 1861. Seine Macht verbirgt er hinter vornehmer Zurückhaltung, der spitze Mund wirkt kontrolliert, die Ringe an seinen dünnen Fingern verraten eine gewisse Eitelkeit. Dem Blick des Betrachters weicht er aus. Nein, die eigenwillige Künstlerin konnte ihn bestimmt nicht riechen. Aber das ist Spekulation.

Was sahen die Künstlerinnen?

Die Ausstellung verspricht Sichtbarkeit und beginnt mit einem dramaturgischen Kniff: Der Besucher betritt den ersten Saal und denkt an Frauen, die malen und modellieren. Um so heftiger ist der Effekt: Von den Wänden blicken überwiegend Männer, stolz und intensiv. Sie stellen die Sehgewohnheit auf den Kopf. Denn im 19. Jahrhundert blickten ganz besonders häufig Frauen aus den Gemälden, aber nur sehr selten dem Betrachter in die Augen, fast nie offensiv. Frauen wurden betrachtet, aber durften nur selten den Blick direkt zurückwerfen. Was sahen nun die Künstlerinnen, wenn sie Männer malten? Selten genug standen sie ihnen auf Augenhöhe gegenüber. Stellten auch Künstlerinnen die Machtfrage? Welche Deutungshoheit beanspruchten sie? Zugleich mussten sie Bilder produzieren, die denen von Männern zum Verwechseln ähnlich waren. Immerhin wollten sie mit ihnen gemeinsam ausgestellt werden.

Sebstdarstellung von Sabine Lepsius (1864 - 1942) im Jahr 1885. Quelle: Jörg P. Anders/Nationalgalerie

„Kampf um Sichtbarkeit“ lädt zu diesen Fragen ein, schnelle Antworten bietet die Ausstellung nicht. Wie fast immer sind die Selbstporträts von Künstlerinnen besonders eindrucksvoll – stolz, oft trotzig, nicht mal besonders schön. Unwahrscheinlich, dass ein Mann eine Frau so malen würde – zumindest im 19. Jahrhundert. Als „herb und unbarmherzig“ beschrieb ein Kritiker die Frauenbildnisse von Dora Hintz 1893, „während der männliche Porträtist in der Dame schließlich immer das Weib sieht“. Auf ihre robusten Frauengestalten in der „Kirschernte“ trifft das zu, auch auf das „Bildnis eines kleinen Mädchens“, dem das Frechsein ins Gesicht geschrieben steht. Ein demütiges Weib wird das Mädel trotz Schleifchen im Haar niemals werden. Ausgerechnet von der kämpferisc Sabine Lepsius hängen zwei süßliche Kinderbilder, oder spielt sie nur mit der Mode ihrer Zeit? Auf ihrem vielgerühmten Selbstportät von 1885 kneift sie die Augen zusammen, fokussiert ihren Blick auf das eigene Malen und scheucht den Betrachter aus dem Weg. So fühlt man sich zumindest beim Betrachten. Dafür gibt sie keck ein Stückchen Bluse unter ihrer Jacke frei. Soll der Blick doch einfach dort hängenbleiben. Oder an ihren hochgezogenen Augenbrauen.

Auch eine Potsdamerin ist dabei

Wundersam wirken die weiblich-üppigen Frauen der Friederike O'Connell. Die Tochter eines Potsdamer Schokoladenfabrikanten malte geschickt im Stile des flämischen Barock, 200 Jahre nach Peter Paul Rubens. Ihre Gemälde wurden zu Lebzeiten viel gekauft, einige fanden sogar ihren Weg in die Pariser Weltausstellung 1855. Ihr seltsames „Frauenbildnis“, altmodisch und selbstbewusst natürlich zugleich, zeigt die Alte Nationalgalerie zum ersten Mal. Eine weitere Entdeckung ist „Die Uhr“ der russischen Avantgarde-Künstlerin Natalija Goncarova von 1910. Das Ziffernblatt splittert, Zahnräder greifen hinein, die Zeit gerät aus den Fugen. 1961 wurde das Bild angekauft und dann vergessen.

Viele keine Aktfiguren

Gestaunt hat die Kuratorin Yvette Deseyve, als sie den „Kopf eines alten Mannes“ entdeckte. Seine Malerin ist heute so gut wie unbekannt. Das Leben hat sein Gesicht so zerfurcht, dass es sich kaum noch aus dem erdigen Hintergrund herausschält. Pauline Lehmaier wurde 1871 geboren und ihr Gemälde immerhin einmal in Rom ausgestellt. Mehr vermochten die Mitarbeiter der Nationalgalerie bisher nicht über sie zusammenzutragen. Sehr viel Aufmerksamkeit hat die Kuratorin auch den Bildhauerinnen gewidmet – ihr Spezialgebiet. Die kleinen Aktfiguren von Renée Sintenis machen Freude, besonders „Daphne“ von 1917, die sich winzig klein gen Himmel reckt, eine zarte, impressionistische Fackel.

Die Nationalgalerie verpflichtet sich

„Selten bin ich mir so sicher, dass ein Anliegen so berechtigt ist, wie das dieser Ausstellung“, erkärt Museumschef Udo Kittelmann etwas umständlich zur Eröffnung. Sein Kollege Ralph Gleis hatte sich mit dem Projekt dieser Ausstellung als Leiter der Alten Nationalgalerie beworben und den Posten vor zwei Jahren auch bekommen. Ebenso Ivette Deseyve, die als Kuratorin die Ausstellung betreut. Der Titel der Sonderschau kommt einer Selbstverpflichtung gleich. Die Nationalgalerie will Künstlerinnen künftig viel stärker berücksichtigen. Einige Werke sollen in die Dauerausstellung übernommen werden. Außerdem sollen gezielt Kunstwerke von Frauen angekauft werden.

Eine Schwedin erfand die abstrakte Kunst

Allerdings steht dem Museum „jährlich nur ein Budget von 50.000 Euro“ zur Verfügung, bedauert Direktor Gleis. Am liebsten würde er zunächst internationale Werke in die Sammlung aufnehmen. Gleis hätte gerne Arbeiten von Camille Claudel, Berthe Morisot und Mary Cassett. Es sind Namen weltberühmter Künstlerinnen. Das könnte im Widerspruch zur eigenen Ausstellung stehen.

Denn konzeptuell schließt sich die Alte Nationalgalerie einer Bewegung an, die 2011 mit der Wiederentdeckung der schwedischen Malerin Alma af Klint einsetzte und seitdem viele Museen motiviert, ihre Bestände nach Künstlerinnen zu durchforsten, um eine neue gleichberechtigte Kunstgeschichte zu schreiben. Die ersten Korrekturen lauten: Nicht Kandinsky hat die abstrakte Malerei erfunden, sondern die Schwedin Klint. Victorine Meurent ist nicht nur das berühmteste Malermodell der Geschichte, weil sie im „Frühstück im Grünen“ splitternackt und doch selbstbewusst den Betrachter mustert, nein ihre Werke hingen sogar im Pariser Salon neben denen Edouard Manets.

Chef ging bei Mitarbeiterinnen in die Schule

Schon seit mehr als 40 Jahren gibt es eine feministische Kunstgeschichtsforschung. Trotzdem ist nur wenig passiert. „Das wurde erst jetzt möglich, weil heute viel mehr Frauen in Museen arbeiten“, gesteht Kittelmann. „Von unseren Mitarbeiterinnen bin ich immer wieder auf das Thema gestoßen worden, geduldig haben sie mich korrigiert und lernen lassen.“ Zum Glück sei das Vorurteil längst widerlegt, Frauen malten nur Bilder von minderer Qualität, würden psychischen Schaden nehmen und im besten Falle malen wie ein Mann.

Dieses Bildnis von Caroline Baruda zeigt den schon zu Lebzeiten berühmten Maler Caspar David Friedrich. Quelle: Nationalgalerie

Während die Aufklärung zunächst in vielen Städten Europas mehr Freiheiten für Frauen brachte, erfuhren sie Mitte des 19. Jahrhunderts einen Rollback. Zeitgleich stieg die Zahl der Künstler und Künstlerinnen weiter, so dass der Kunstmarkt zunehmend an seine Grenzen stieß und sich der Geschlechterkampf verschärfte. 1879 lässt Hochschuldirektor Anton von Werner ausdrücklich festschreiben, dass Frauen vom Studium an der Berliner Akademie auszuschließen seien. „Die männlichen Künstler profitierten davon enorm“, erklärt Kuratorin Deseyve. Sie boten in ihren Ateliers privaten Unterricht an und nahmen von Frauen oft doppelt so hohe Gebühren wie von männlichen Studenten.

90 Frauen pro Jahr

Doch viele Frauen ließen sich nicht abschrecken. Ihre Bilder wurden gekauft, gerade weil sie Qualität hatten und zugleich günstig waren. Und sie erkämpften sich in Ausstellungen ihren Platz. Die Kollegen der Nationalgalerie haben erstmals nachgezählt: 660 Frauen stellten von 1786 bis 1892 in der Berliner Akademie aus, das waren durchschnittlich 23 Frauen im Jahr. Ab 1893 gelangten 920 Künstlerinnen in die Große Berliner Ausstellung, das waren immerhin schon 90 Frauen pro Jahr.

Es wird Männer treffen

Allerdings sollten die Zahlen nicht zu euphorisch stimmen, insgesamt waren nie mehr als fünf Prozent aller Teilnehmer weiblich. Als Direktor Hugo von Tschudi Ende des 19. Jahrhunderts gegen den Willen des Kaisers französischen Impressionismus für die Nationalgalerie erwarb, kaufte er kein einziges Werk von einer Französin. Immerhin bedachte er deutsche Ausnahme-Künstlerinnen, 1881 würdigte die Nationalgalerie in zwei großen Gedächtnisausstellungen zwei Landschaftsmalerinnen. Maria Parmentier wurde mit mehr als 100 Werken gefeiert, rund 150 Gemälde wurden von Antonie Biel gezeigt. Offenbar hatten viele Künstlerinnen vor 1919 ein beachtliches Oeuvre, das wohl erst im 20. Jahrhundert verloren ging.

Wie konnte das passieren? „Das war reiner Machterhalt. Es gibt keinen anderen Grund“, erklärt Museumschef Kittelmann. „Wenn wir jetzt einige Werke von Frauen in unsere Dauerausstellung aufnehmen, wird es zu hundert Prozent männliche Künstler treffen.“

info Sonderausstellung „Kampf um Sichtbarkeit“, Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919. Museumsinsel Berlin, Alte Nationalgalerie, Bodestr. 1-3, Berlin-Mitte, Öffnungszeiten Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr.

 

Von Nathalie Wozniak

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