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Kultur Brandenburg-Streifzüge mit einer alten Plattenkamera
Nachrichten Kultur Brandenburg-Streifzüge mit einer alten Plattenkamera
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01:18 27.06.2019
Hutwerke Guben, 1999 Quelle: Lorenz Kienzle
Falkensee

Lorenz Kienzle musste sich schon sehr überwinden, zum Kloster Chorin zurückzukehren. Bei seinem ersten Besuch waren Wetter und Laune mies, der Magen knurrte und Kienzle auch. „Ich hatte Hunger - und alles war geschlossen.“ Der Fotograf suchte erfolglos nach Motiven. Ein altes Kirchenschiff, ein paar Gräber. Tote Orte, gebrauchter Tag – Kienzle fuhr zurück nach Berlin.

Kienzle reist immer mit Zug und Rad

Nichts sprach für weitere Besuche der ehemaligen Zisterzienserabtei bei Eberswalde. Außer der Erkenntnis des Fotografen, dass der Eindruck eines Ortes davon abhängt, wie er sich ihm nähert. Kienzle, der Brandenburg stets mit Zug, Rad und Wanderschuhen bereist, gab dem Kloster eine zweite Chance. Er wählte einen anderen Weg und stieß auf die benachbarte Försterei. Draußen hing ein frisch erlegter Hirsch am Haken.

Plötzlich wirkte der Ort nicht mehr öde, eher morbide und geheimnisvoll. Kienzle entschied sich für einen Ausschnitt, der vorne an einer Backsteinmauer das tote Tier zeigt, im oberen Hintergrund schimmert ein Turm des Klosters durch nebligen Dunst.

Die Fotografien von Lorenz Kienzle sind derzeit noch in Falkensee zu sehen. Demnächst wandern sie zu einer Ausstellung nach Rheinsberg. Die MAZ zeigt ein paar der Exponate.

Er orientiert sich an Fontane

Es sind solche Momente, die den Fotografen für seine Geduld belohnen - und dann zu Bild werden. Obwohl Wohnung und Atelier in Berlin legen und er schon für die Bildhauer-Ikone Richard Serra in berühmten Museen ebenso berühmter Metropolen fotografiert hat, wirkt der 51-Jährige wie der Gegenentwurf zum hibbeligen Großstadtfotografen. Meist mit einer alten Plattenkamera im Gepäck streift er durch die Mark und orientiert sich auch an dessen berühmtesten Sohn, Theodor Fontane. „Eigentlich ist alles in Brandenburg interessant“, sagt Kienzle.

>> Lesen Sie auch: MAZ läuft Fontanes Wanderungen durch Brandenburg nach

Auf seinem Schreibtisch im Schöneberger Atelier stapeln sich die Spuren seiner ganz eigenen märkischen Wanderungen. Er zückt einen schmalen Band aus dem Regal, um sich zu erinnern, wie alles begann. Seine Fotografien erzählen das letzte Kapitel der Gubener Hutindustrie. Fast leere Fabrikhallen, in denen die wenigen Arbeiterinnen, die nach der Wende im einst volkseigenen Betrieb blieben, an dampfenden Kesseln stehen.

Eigentlich wollte er nach Horno

Als junger Fotograf wollte der Kienzle 1991 in Guben umsteigen, um für ein Foto-Projekt in das dem Tagebau gewichene Dorf Horno zu fahren. „Ich sah diese Gebäude und wusste gar nicht, dass es so etwas wie eine Hutfabrik noch gibt“, sagt Kienzle. „Dort reinzugehen war, wie ein geheimes Buch zu öffnen.“

Geblieben ist die Faszination des Fotografen, der im eigenen Labor seine meist in Schwarz-Weiß gezeigten Aufnahmen selbst entwickelt, für die Industriekultur. Hinzugekommen sind unter anderem in Porträts festgehaltene Begegnungen mit Geflüchteten in brandenburgischen Unterkünften und etliche Bilder zugewucherter Waldstücke und ehemaliger Tongruben.

Den Wandel festhalten

Kienzle stellt seine Espressotasse zur Seite und rollt eine ausgedruckte Aufnahme des über Jahrzehnte verwilderten Gutspark in Karwe aus. Ein von Herbstlaub umgebener Mammutbaum. Kienzle fotografiert für eine kommende Ausstellung, die auch an Fontanes Besuch von 1864 erinnert, den Park. Der Nachfahre der Eigentümer hatte empfohlen, zu fotografieren, wenn die verwilderte Anlage nach historischem Vorbild aufgehübscht worden ist. Kienzle wollte erst recht sofort loslegen, um den Wandel festzuhalten.

„Vor rund fünf Jahren hat mich Naturfotografie überhaupt nicht interessiert, jetzt schon“, sagt der stets mit Hut durch die Mark flanierende Foto-Wanderer und begründet es mit der Wirkung: „Durch Licht und Luft komme ich glücklich zurück – an den Betrachter denke ich eigentlich gar nicht.“

Zur Person

Lorenz Kienzle wurde 1967 in München geboren, er wuchs nahe einer Fabrik auf und war damals schon von der Erkundung alter Industriegebäude fasziniert. Er lernte sein Handwerk in Berlin an der Berufsfachschule für Fotografie. Werke von ihm wurden unter anderem in London ausgestellt oder erschienen in Publikationen bekannter Einrichtungen wie dem Centre Pompidou in Paris und dem Museum of Modern Art in New York.

Bis zum 30. Juni ist die Ausstellung „Brandenburger Notizen: Fontane – KrügerKienzle“ im Museum Falkensee und vom 2.8. bis 2.10. in der Schloss-Remise in Rheinsberg zu sehen.

Wer Kienzles Blick auf Natur und Menschen nachempfinden will, sollte in den kommenden Tagen das Museum Falkensee besuchen. In der Ausstellung und dem dazu erschienenen Bildband hat er sich an Notizen Fontanes und Werken des 1980 verstorbenen DDR-Fotografen Heinz Krüger orientiert. Und doch sein ganz eigenes Ding gemacht.

Coole Jungs in Neuruppin

Vor allem die Porträts stechen hervor. Da wäre zum Beispiel ein Mann, den Kienzle zufällig getroffen hat. Er hat gerade sein Pferd Maja von der Weide geholt und fährt auf dem Fahrrad mit den Zügeln in einer Hand durch Wusterhausen/Dosse. Wie jeden Tag, weil ihm vom Autofahren schlecht wird. Kienzle lässt die Porträtierten posieren und trotzdem gelingen ihm Momentaufnahmen, die gar nicht gestellt wirken. Auf einem Bild sind Jugendliche in Kumpel-Pose im Neuruppiner Tempelgarten am Wall zu sehen. Sie machen sich groß, ballen die Fäuste, gucken cool. Die Jugend sprießt ihnen aus allen Poren – und drumherum stehen alte Mauern und Bäume.

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