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Kultur Die „Generation Wende“ zieht Bilanz
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19:27 26.01.2018
Schriftstellerin Julia Schoch. Quelle: Foto: Ulrich Burkhardt.
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Potsdam

Die Buchpremiere am 1. Februar in der Villa Quandt könnte sich zu einem Klassentreffen auswachsen. Die Potsdamer Autorin Julia Schoch wird ihren fünften Roman mit dem sonderbaren Titel „Schöne Seelen und Komplizen“ vorstellen, der – wie das Vorgängerbuch „Selbstporträt mit Bonaparte“ – in Potsdam spielt. Aus konkreten Lebenssituationen heraus lässt sie darin 16 Figuren in der ersten Person über sich erzählen. In Teil eins sind die Berichterstatter noch Abiturienten an einem sozialistischen Elitegymnasium kurz vor der 89er Zeitenwende. In Teil zwei begegnet ihnen der Leser noch einmal drei Jahrzehnte später, also in der Gegenwart.

Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen seien „nicht beabsichtigt und rein zufällig“, heißt es vorbeugend. Doch Julia Schoch bleibt sich schreibend immer auf den Fersen. Handlungsort und -zeit decken sich mit ihrer Biografie. Von 1987 bis 1989 besuchte sie die Sportschule, ab 1990 das Helmholtz-Gymnasium in Potsdam, das sie unter Wikipedia auch als prominente Schülerin ausweist.

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Drei pathetische Zitate schaltet die Autorin wie eine Blende vor ihren Text. Offenbar soll das dann folgende Kleinklein der Lebensberichte in ein veredelndes Licht getaucht werden. Denn so leicht lesbar die Bekundungen in rekapitulierender Alltagssprache auch sind, so knifflig erweist sich die Lektüre. Es fallen immer wieder neue Namen, nach fünf bis zehn Seiten muss sich der Leser auf eine andere Ich-Perspektive einlassen, obwohl die Autorin sprachlich einen ziemlich ähnlichen Ton anschlägt. Zunächst geht es darum, wer in der Schulklasse welche Eltern, welche politische Einstellung und welches Standing hat, wer wen geküsst und wer mit wem Schluss gemacht hat.

Die Autorin

Julia Schoch wurde 1974 in Bad Saarow geboren. 1992 bis 1998 studierte

sie Germanistik und Romanistik in Potsdam, Paris und Bukarest.

Erfolgreiche Titel von ihr waren „Der Körper des Salamanders“ (2001),

„Mit der Geschwindigkeit des Sommers“ (2009) und Selbstporträt mit Bonaparte (2012).

2009 wurde sie für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Für ihre Übersetzungen erhielt sie 2011 den André-Gied-Preis.

Sie ist Mutter zweier Kinder und lebt in Potsdam.

Potsdam-Kundige bekommen viele Bilder an die Hand. „Das Café Reinholdts liegt schräg gegenüber der Schule gleich an der Ecke.“ – wer denkt da nicht ans Café Heider. Die Auensiedlung ist ein Neubaugebiet wie Stern, Schlaatz oder Waldstadt. Hermannswerder, Babelsberg oder der Luisenplatz werden beim Namen genannt. Vom Zeitensprung durch die Maueröffnung ist erstmals auf Seite 64 die Rede. Es folgt über 85 Seiten ein Stimmungsbild unter Schülern, deren Elternhäusern in der DDR angepasst waren. Die wenigsten Sprösslinge begrüßen die neuen Freiheiten. Vivien sagt: „Ich begreife nicht, wie man über das Reisen so aus dem Häuschen geraten kann.“ Einige Schüler kämpfen dafür, dass die Straße der Jugend nicht in Kurfürstenstraße zurückbenannt wird. Und Lydia nimmt sich nach Argentinien die „Kleine Literaturgeschichte der DDR“ mit. Dabei plagt sie aber das Gefühl, dass die Vergangenheit „wie Grieß“ an ihr pappt.

Julia Schoch spürt den privaten Erfahrungen ihrer Generation nach, die sich mit dem großen politischen Umbruch vermischen. Es kommt natürlich nicht von ungefähr, wenn sich die Mädchen plötzlich Beine und Achselhöhlen rasieren. Diesen Blick auf die Nachwendezeit teilt sie mit Autoren wie Peter Richter, Thomas Brussig, André Kubiczek oder Ingo Schulze, die das schon prägnanter erzählt haben.

Dass mit den Jahren die DDR-Identität an Kraft verliert und verblasst, ist das unsentimentale Thema dieses Buches. Julia Schochs Stichproben 30 Jahre später ergeben vielerlei: Rebekka sagt immer noch „Kaufhalle“, Franziska ist hingegen in der westlichen Supermarkt-Fremde heimisch geworden. Jeder findet eine andere Antwort auf die Frage, was die Herkunft wert ist und was die westliche Freiheit. Die Zeit macht vieles neu. Nach der drastischen 89er „Verwandlung“ stellt sich ein Zusammenhang zur Vergangenheit oft gar nicht mehr her. „Alles wird zu einem Witz, je mehr man sich davon entfernt“, meint Franziska. Und so findet sich – statt des groß geplanten Klassentreffens – am Ende nur eine kleine Runde in einer Pizzaria ein.

Wer Julia Schochs Rollenprosa die Unübersichtlichkeit des Personals und die Weitschweifigkeit der Darlegungen und Geständnisse vorwirft, dürfte zur Antwort bekommen, dass das Leben nun einmal keine in sich geschlossene Geschichte ist. Aber die Autorin strapaziert die Geduld des Lesers über Gebühr. Da helfen auch nicht zwei Sex-Szenen, die sie mit hölzernen Brechstange einfügt. Bisher stand Julia Schoch für feinnervige Prosa mit elegischem Sound. Diesmal reiht sie aber nur Realitäten aneinander, ohne die Realität auch ein bisschen zu verklären.

Julia Schoch: Schöne Seelen und Komplizen. Piper, 320 Seiten, 20 Euro. Buchpremiere am 1. Februar, 20 Uhr. Villa Quandt, Große Weinmeisterstraße 46. Karten unter 0331/280 41 03.

Von Karim Saab

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