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Kultur Die „Kinder des Kalifats“: Mit Liebe zum Hass erzogen
Nachrichten Kultur Die „Kinder des Kalifats“: Mit Liebe zum Hass erzogen
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10:00 02.03.2019
Ein Kind als Soldat: Der 13-jährige Osama alleine im Ausbildungscamp der Al-Nusra-Brigaden. Quelle: SWR-Presse/Bildkommunikation
Hannover

Wie hat der Regisseur das bloß ausgehalten? Wie hat Talal Derki seine wahre Identität so lange verbergen können? Wie hat er so ungerührt filmen können, als Osama und Ayman das Töten im Militärlager beigebracht wurde? Als die beiden Kinder mit Schüssen ein paar Zentimeter vor ihren Füßen traktiert wurden? Oder als der Vater Abu Osama das Gewehr anlegte, um einen Motorradfahrer aus dem Hinterhalt zu erschießen?

„Ich war in Syrien Zeuge, nicht Aktivist“, sagt Derki. „Ich hatte die Chance, aus dem Innern dieser von Männern beherrschten Gesellschaft zu berichten.“ Der 41-Jährige wollte zeigen, wie die so hoffnungsvoll gestartete, friedliche Revolution von 2011 sich zu einem Kampf um ein islamisches Kalifat entwickelt hatte. Er wollte zeigen, wie religiöse Fanatiker ticken.

„Aber dafür musste ich eine Rolle spielen“, sagt Derki. Seit fünf Jahren lebt der aus Damaskus stammende Regisseur mit seiner Frau in Berlin. Dieses Leben musste er vor Beginn der Dreharbeiten auslöschen – sowohl aus seinem Kopf als auch aus dem Internet. Jedes Partyfoto mit einem Bierglas in der Hand hätte ihn verraten können.

Undercover bei einer Dschihadisten-Familie

Rund 300 Tage, verteilt über zwei Jahre, verbrachten Derki und sein Kameramann Kahtan Hasson bei einer Dschihadisten-Familie in der Nähe von Idlib im Nordwesten Syriens, einer Region, in der die Ex­tremisten auf dem Vormarsch sind. Manchmal blieben die Filmemacher zwei Monate, manchmal länger.

Als sympathisierende Kriegsreporter hatten sie sich ausgegeben, die einen Propagandafilm über die Macht der Fundamentalisten drehen wollten. Erste Kontakte hatte Derki bei seiner früheren Syrien-Doku „Rückkehr nach Homs“ geknüpft – der Film war bis dahin noch nicht veröffentlicht worden.

Derki und sein Kameramann ließen sich Bärte wachsen, standen frühmorgens mit den Männern auf, lasen mit ihnen den Koran, wenn diese ihn lasen, und sie beteten, wenn diese beteten. Allmählich erwarb sich der bekennende Atheist Derki das Vertrauen des lokalen Al-Nusra-Führers Abu Osama, damals 45 Jahre alt. Al-Nusra ist der syrische Arm von Al-Quaida.

Nominiert für den Oscar

Irgendwann nahm Abu Osamas Familie kaum mehr wahr, dass zwischen ihnen eine Kamera lief. Die Gäste filmten, wie Osamas Familie beim Abendbrot scherzt, wie der Vater schwitzend eine von Assads Soldaten hinterlassene Landmine entschärft, seinerseits Bomben bastelt oder wie eine Kinderschar zwischen Bombenruinen spielt.

Das Ergebnis ist die viel gepriesene Dokumentation „Of Fathers and Sons – Die Kinder des Kalifats“. Der Film, der für den Auslandsoscar nominiert war, erlaubt Einblicke in den Alltag von Extremisten, wie man ihn wohl selten zuvor gesehen hat.

Darunter sind Szenen voller Zärtlichkeit: Der 13-jährige Osama und der zwölfjährige Ayman – benannt nach dem einstigen Al-Quaida-Chef Osama bin Laden und dessen Stellvertreter Ayman Al Zawahiri – schmiegen sich an ihren Vater, und dieser erwidert die körperliche Nähe seiner beiden Ältesten. Eine friedlichere Szene lässt sich kaum denken – seltsam nur, dass der Zuschauer stets nur die acht Söhne, nie aber Osamas vier Töchter oder dessen beide Ehefrauen erblickt.

„Mit Frauen durfte ich nicht einmal reden“

Wie aber kann der Vater das Kleinkind auf seinem Arm auffordern, Koransuren zu brabbeln, die dieses noch gar nicht versteht? Wie kann er Ayman und Osama in ein militärisches Trainingscamp weggeben, nachdem ihm selbst eine Landmine den Fuß abgerissen hat? Plötzlich tragen Ayman und Osama Tarnuniformen und streifen sich Kapuzen über den Kopf. Sie verwandeln sich in Kindersoldaten.

Osama liebt seine Kinder“, sagt Derki. „Aber noch mehr liebt er seine Ideologie. Seiner Überzeugung nach hat Gott ihn dazu aufgefordert, seine Kinder dem Krieg zu opfern.“ Osamas Söhne kannten nie etwas anderes als den selbstzerstörerischen Kampf in ihrem Land, und nun werden sie ihn weitertragen.

„Mit Frauen durfte ich nicht einmal reden“, sagt Derki. Als der Vater ohne linken Fuß aus dem Krankenhaus nach Hause kommt und seine Ehefrauen in einem anderen Zimmer wehklagen, verbietet Osama ihnen das. Nur Familienmitglieder sollen die Stimmen der Frauen hören. Seine Söhne bewerfen auf der Straße Mädchen mit Steinen. Und eine gerade einmal zweijährige Verwandte wird drangsaliert, weil sie unverschleiert vors Haus getreten ist.

Der Regisseur Talal Derki stammt aus Syrien und lebt mittlerweile in Deutschland. Quelle: dpa

In manchen Momenten wollte Derki seinen persönlichen Albtraum abbrechen. Wenn er tagelang in der syrischen Wüste hockte, nichts passierte, er aber auch keine Fragen zu stellen wagte. Wenn er vom Dröhnen von Flugzeugen erwachte und die nächste Bombardierung fürchten musste. Oder wenn er wochenlang an der türkischen Grenze festsaß.

Seine Frau in Berlin war es, die ihn bestärkte weiterzumachen. „Wenn du einen besonderen Film machen willst, dann musst du jetzt durchhalten“, beschwor sie ihn. Derki hielt durch.

Seinen Film versteht er als eine Warnung: „Was in Syrien passiert ist, kann in vielen Ländern passieren, im Irak genauso wie in Libyen.“ Er habe den Gewaltkreislauf zeigen wollen, der von Generation zu Generation weitergegeben werde.

„In Berlin fühle ich mich sicher“

Seiner Ansicht nach sollte die internationale Gemeinschaft alles daransetzen, dass Eltern verpflichtet werden, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Ohne Bildung werden sie nach Derkis Worten leicht „gehirngewaschene Opfer von Fundamentalisten“. Die Gewalt gegen Kinder wie gegen Frauen sei das Grundübel. Derki sagt: „Wir sollten uns immer daran erinnern, dass Terroristen auch einmal unschuldige Kinder waren. Nur dann können wir kommende Generationen vor diesem Schicksal bewahren.“

Als der Regisseur Nordsyrien endgültig verließ, schien sich zumindest für den jungen Osama die Chance zu bieten, dem Krieg zu entkommen und zur Schule zu gehen. Ob es der Teenager geschafft hat? Derki weiß es nicht. Er musste alle Kontakte abbrechen, um sich selbst zu schützen. Im Internet erfuhr er im vorigen Jahr zufällig, dass der Vater Osama beim Entschärfen einer Autobombe umgekommen war.

Eine Rückkehr nach Syrien ist Derki auf Jahre versperrt. „Momentan wäre das Selbstmord“, sagt er. Nach dem deutschen Kinostart (21. März) von „Of Fathers and Sons“ will er zur Ruhe kommen und endlich die deutsche Sprache richtig lernen. „In Berlin fühle ich mich sicher“, sagt er. „Hier kann ich nachts die Augen schließen, und ich weiß, dass meiner Familie nichts passiert.“ Die Zeit der Albträume ist für ihn erst einmal vorüber.

Von Stefan Stosch

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