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Kultur Die Lust am kultivierten Kollaps
Nachrichten Kultur Die Lust am kultivierten Kollaps
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11:47 09.08.2017
Lachen unter freiem Himmel – ist das schon eine Form von Therapie? In den letzten Jahren haben sie in Kampehl auch Loriot gespielt. Quelle: Schöller-Festspiele
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Kampehl

Peter Schroth greift jetzt zum Namen Hamlet, fast kaut er auf dem kurzen Wort, er möchte wissen, wie es schmeckt. „Kann man über Hamlet lachen?“, fragt Schroth. Er denkt darüber nach und spült die Frage runter mit einer gekühlten Apfelschorle.

Lachen ist die Währung von Schroth, der Mann zählt 76 Jahre, er hat die Schöller-Festspiele von Kampehl (Ostprignitz-Ruppin) 2010 gegründet und leitet sie. „Die Welt ist wieder kompliziert“, sagt er, „die Kräfte streben auseinander, es fehlt die Übersicht.“ Politiker würden in Endlosschleifen insistieren: „Wir müssen Linie halten!“

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Doch wie geht das Theater mit dem neuen Durcheinander um? „Es ist schwer, in unseren Tagen eine gute Antwort zu finden, die auf der Bühne besteht“, sagt Peter Schroth.

Lachen, glaubt er, ist ein Statement, das immer zieht. Die ernsten Fragen hat er gründlich diskutiert als Regisseur in Weimar, Dresden, Berlin, Cottbus und Senftenberg. Sein Festival setzt jetzt auf die Essenz der guten Laune, und nochmal muss das Schlagwort auf den Tisch: Taugt Hamlet als Filetstück des neuen Programms, das am Freitag Premiere feiert?

Es geht nicht um den Hamlet von Shakespeare, sondern um die Fassung „Hamlet For You“ von Sebastian Seidel, einem Autor aus Augsburg, den Schroth gut kennt. „Es erzählt von einem Schauspieler und seinem Schüler, die beiden wollen Hamlet spielen, alle 20 Rollen“, Schroth lächelt. Ein Stück, das schnell auf Überlastung zielt. Zieht immer. Es gibt derzeit so viele Kerle, die glauben, die Welt lasse sich ganz alleine auf den Schultern tragen. Da darf man ruhig mal als Komödie einen kultivierten Kollaps in den Schlosspark von Kampehl setzen.

Das Zentralgestirn bleibt „Pension Schöller“

Die Schöller-Festspiele finden statt in Kyritz, Wusterhausen, Gumtow und Kampehl, Orteilsteil von Neustadt (Dosse), wo im Schlosspark die Hauptbühne steht.

Premierenstück am Freitag ist „Hamlet For You“, auch die „Pension Schöller“ und „MitternachtSpaghetti“ werden neben einem Kinderprogramm gezeigt.

Tickets in der MAZ-Ticketeria unter 0331/2840284. www.schoeller-festspiele.de

Humor ist eine flatterhafte Aktie. Peter Schroth erinnert sich, sie hatten mal das Stück „Ar(t)istokraten“ auf der Bühne, mancher hat das „t“ nicht ernst genommen, hat es auf „Aristokraten“ eingedampft – und fragte spitz, „watt soll’n wir hier mit Adel?“ Es war kein gutes Jahr in Kampehl.

Peter Schroth möchte verhindert, dass die Leute nun fragen: „Und watt soll’n wir hier mit Hamlet?“ Denn Hamlet ist nicht unbedingt der Held für einen sorglosen August. Seine Zeit kommt wieder im November, wenn die Eltern auf die Nerven gehen und der Regen fällt.

„Komödien sind Mechanik“, glaubt Schroth, „die müssen wie ein Uhrwerk laufen. Der Dialog muss einschlagen, bei Strafe des Untergangs. Es kommt auf den Text an, nicht auf die Inszenierung.“ Schroth schätzt den Text von „Hamlet For You“ sehr, doch weil der Titel englisch ist, stellt er ihm vorsichtshalber ein paar deutscher Wörter an die Seite: „Der Hamlet für alle“.

Die Zuschauerzahlen sind konstant gut

Das Zentralgestirn des Festivals bleibt die Komödie „Pension Schöller“, Uraufführung 1890, jedes Jahr steht sie auf dem Programm, weil die Hauptperson aus Kyritz kommt. „Die Leute gehen auch zum fünften Mal in Schöller“, sagt Peter Schroth, das habe immer Konjunktur.

Die Zuschauerzahlen beim Festival sind gut, konstant etwa 2000 Gäste kommen seit Jahren während der zehn Tage, die sich das Festival Zeit nimmt. Etwa die Hälfte des Etats erwirtschaftet das Festival aus eigenen Mitteln, vor allem aus Kartenverkauf und Sponsoring. Die andere Hälfte schießen das Brandenburger Kulturministerium zu, die zwei Landkreise Ostprignitz-Ruppin und Prignitz, über die sich das Festival erstreckt, und die vier Gemeinden Kyritz, Wusterhausen, Gumtow und Neustadt (Dosse), zu dessen Ortsteilen Kampehl zählt.

Alle diese vier sogenannten Kleeblattgemeinden werden bespielt, mit dem Teatro Mobile, einem knapp sieben Meter langen Lastwagen, der eine ausklappbare Bühne birgt. Das Komödiantenpaar mit dem kuriosen Namen „Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie“ spielt „MitternachtSpaghetti“. Peter Schroth ist angetan von dieser jungen Generation, die zwischen Comedy und Kabarett einen ganz eigenen Ton gefunden hat: „Es ist schön, dass die Leute um die 30 nun auf die Bühnen drängen, sie gehen eigensinnig an die Theaterarbeit heran. Wer wie ich bald 80 wird, darf sich nicht für unentbehrlich halten.“

Unentbehrlich aber ist in diesem Jahr vor allem Hamlet. Die Bühne in Kampehl steht unter freiem Himmel, wenn es regnet, gibt es Regencapes. Wenn es schüttet, zieht das Ensemble ins Zelt. Dort wird es eng – spätestens dort schwinden die Berührungsängste mit dem Hamlet.

Von Lars Grote

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