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Kultur Die Mark ist mehr als eine Streusandbüchse
Nachrichten Kultur Die Mark ist mehr als eine Streusandbüchse
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15:28 24.08.2018
Der Oderbruch gehört zu den typischen geologischen Formationen der Mark.
Der Oderbruch gehört zu den typischen geologischen Formationen der Mark. Quelle: Patrick Pleul/dpa
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Potsdam

Ein eigenes Buch „Zur Erdgeschichte von Brandenburg“? Das klingt schräg. Wie könnte ein so kleines Territorium eine eigene Erdgeschichte haben? Tatsächlich stellt der Autor Werner Stackebrandt in seinem neuen Band auch ziemlich früh fest, dass seine Heimat geologisch gesehen nur einen winzigen Teil des Mitteleuropäischen Beckens ausmacht. Der ehemalige Landesgeologe Brandenburgs behauptet in seinem 136 Seiten umfassenden und reich bebildertem Buch auch keine Sonderstellung des Landes. Im Gegenteil ordnet er die Gegebenheiten der Mark in die großen geologischen Prozesse und Gesetzmäßigkeiten ein. Gerade dadurch beweist er aber sowohl dem Fachpublikum als auch interessierten Brandenburgern selbst, dass wahr ist, was sein Buchtitel verspricht: Das Land ist „Mehr als nur ,die Streusandbüchse’“.

Geologie am Beispiel der Mark

Die zwölf Kapitel des Buches sind weniger eine Erdgeschichte Brandenburgs als vielmehr eine Einführung in die Geologie, vorgeführt am Beispiel eines Landstrichs vor der Haustür der Leser – und gerade dadurch didaktisch überaus geschickt. Ausgehend von den Methoden der Geologen, die etwa durch die Untersuchung von Bohrkernen Erkenntnisse über die Erdvergangenheit gewinnen, führt Stackebrandt über die verschiedenen Erdzeitalter zu den Grundzügen des geologischen Aufbaus Brandenburgs. Die geologische Gestalt des Bundeslandes, die Form seiner Landschaften, der Aufbau seiner Erdschichten und vor allem die Gründe, wie es genau dazu kam, machen das Zentrum des Buches aus.

Wenige gut ausgewählte Fotos und Illustrationen, dazu Stackebrandts klar formulierten Erklärungen reichen aus, um die gängigen Vorurteile über die angebliche Eintönigkeit des Landes zu widerlegen. Der Autor zeigt, wie durch Altmoränen Hochflächen wie der südliche Fläming mit seinen sanften Hügeln entstanden sind oder wie durch abschmelzende Gletscher Urstromtäler wie das Baruther Urstromtal ihre so typische Gestalt bekamen. Auch den Einfluss von Wind auf die Gestaltung der Landschaft vernachlässigt Stackebrandt nicht. Im direkten Vergleich mit Wüstengebieten erläutert er zum Beispiel die Entstehung der Düne von Quitzöbel (Prignitz). Selbst Leser, denen diese Entwicklungen bekannt sind, dürften überrascht sein von der Entstehung des märkischen Muschelkalks: Brandenburg lag vor 240 Millionen Jahren unter einem Meer. Noch heute kann man den fossilen Meeresboden im Museumspark Rüdersdorf besichtigen.

Wie verengt unser statisches Bild von einem festen Landflecken namens Brandenburg ist, zeigt sich jedoch erst, wenn Stackebrandt das Gebiet in die gewaltigen Prozesse der Erdkrustenbewegung einbettet und zugleich belegt, dass die Spuren dieser unsagbar fernen Vergangenheit noch heute im Boden zu finden sind. En passant weist er auch auf die in Brandenburg entdeckten Fossilien eines mächtigen Mammutbaums sowie eines der wenigen fast vollständig erhaltenen, hierzulande gefundenen Mammutskelette hin. Am Ende seiner Tour der Force versteht man nicht nur die Grundlagen der Besiedelung Brandenburgs, sondern auch das Entstehen seiner Bodenschätze und schließlich die Gefährdung der Landschaft durch menschliche Tätigkeit.

Nicht zuletzt hat das Buch einen praktischen Wert. Die Bilder typischer Landschaften wie des Rheinberger Rhins (Ostprignitz-Ruppin) mit seinen mäandernden Flussläufen oder des Rothsteiner Felsens bei Prestewitz (Elbe -Elster) mit seinen Jahrmillionen alten Sedimenten sind auch eine Einladung, die geologischen Schätze der Mark einmal selbst zu erkunden.

Ja, in einem Schlusskapitel gibt Stackebrandt sogar Hinweise, an welchen Orten geologische Fakten eigens für Besucher ausgestellt werden, zum Beispiel in vielen Findlingsgärten Brandenburgs. Aufmerksame Leser werden die Umgebung bei der nächsten Paddel- oder Wandertour jedenfalls mit anderen, schärferen Augen sehen.

Ein Buch für Lokalpatrioten

Werner Stackebrandt hat nicht nur ein Buch geschrieben, das den Enthusiasmus für eine wenig populäre, aber gerade in der Landeshauptstadt Potsdam sehr präsenten Wissenschaft zu entflammen vermag, er hat auch etwas für den Lokalpatriotismus getan. Der Bildband beweist, dass die Mark nur für den ignoranten Blick eine langweilige Streusandbüchse bleibt. Tatsächlich handelt es sich um eine überaus abwechslungsreiche Landschaft voller Überraschungen und naturgeschichtlicher Brüche.

Zwei Wermutstropfen gibt es: Warum Stackebrandt auf ein hilfreiches Register verzichtet hat, ist nicht ersichtlich. Außerdem hätten seine Erklärungen an mancher Stelle doch etwas breiter ausfallen dürfen. Nicht jedem dürfte trotz vorausgehender Abschnitte zum Beispiel auf Anhieb klar werden, was denn nun genau mit „der Morphologie, den oberflächennahen Substraten, dem tektonischen Inventar und den potenziellen Erdkrustenbewegungen“ gemeint ist, die zu Ausbildung des komplizierten Gewässernetzes in Brandenburg geführt haben. Aber solche eher geringen Mängel könnten in einer zweiten Auflage leicht ausgebügelt werden.

Über Werner Stackebrandt

Der Geologe Werner Stackebrandt (geb. 1948) arbeitete unter anderem am Zentralinstitut der Physik der Erde in Potsdam. Dort befasste er sich vor allem mit dem Norddeutschen Becken. In den 80er-Jahren war er auch in der Polarforschung aktiv. Von 1994 bis 2004 war er Landesgeologe von Brandenburg.

Werner Stackebrandt:Mehr als nur die Streusandbüchse – Zur Erdgeschichte von Brandenburg, 136 Seiten, Geogen (Eigen)Verlag, 2018, 20 Euro.

Von Rüdiger Braun