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00:17 26.02.2019
Theodor Fontane im Porträt von Carl Breitbach (Ausschnitt). Quelle: xeno.org, Rahmung: MAZ
Potsdam

Selbstsicher wie ein Firmenchef sieht er auf seinem Denkmal aus, das 1907 in Neuruppin erbaut wurde. Vor 200 Jahren, am 30. Dezember 1819, kam Fontane in dieser Stadt zur Welt, heutiger Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Er starb am 20. September 1898 in Berlin. In Bronze gegossen wirkt Fontane gelassen, er sitzt und hat nicht diesen kampfbereiten Blick des Kritikers, der die mentale Trägheit des Kaiserreichs oder einen blassen Abend im Theater übers Knie gelegt hat. Vielleicht kommt er im übersichtlichen, am See platzierten Neuruppin zur Ruhe. Fontane hat sich in der Natur glücklich gefühlt, doch er glaubte, der Großstadt gehöre die Zukunft.

Fast 60 seiner 78 Lebensjahre hat Theodor Fontane in Berlin verbracht, dennoch gilt er als Dichterfürst der Mark. In Neuruppin gibt es einen Fontanedöner, das Programm zu seinem runden Geburtstag hat in diesem Jahr weit über 400 Veranstaltungen gelistet. Wenn man Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD) eine Freude machen möchte, sollte man sie nach Fontane fragen. Denn er hat die Mark mit Liebe übergossen. Und schrieb ihr ins Poesiealbum: „Ich bin die Heimat durchzogen, und ich habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte.“

Zeitweilig, gerade in seinen späten Jahren, schlug die Laune um: „Die Märker haben viele Tugenden, wenn auch nicht so viele, wie sie sich einbilden, was durchaus gesagt werden muss, da jeder Märker ziemlich ernsthaft glaubt, dass Gott in ihm und seinesgleichen etwas ganz Besonderes geschaffen habe. So schlimm ist es nun nicht. Die Märker sind gesunden Geistes und unbestechlichen Gefühls, nüchtern, charaktervoll und anstellig, anstellig auch in Kunst, Wissenschaft und Religion, aber sie sind ohne rechte Begeisterungsfähigkeit und vor allem ohne rechte Liebenswürdigkeit.“ Und er legte nach: „Im Übrigen sind sie neidisch, schabernackisch und engherzig.“

Liegt die geistige Heimat Fontanes in Neuruppin, oder sucht man die Wurzeln besser auf dem Parkettplatz 23 im Königlichen Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt, wo er als Kritiker zu Hause war? Er verfasste die Texte im Ton des Ringrichters, er schaute, ob sauber gekämpft wurde. Wenn sie „Minna von Barnhelm“ oder das „Käthchen von Heilbronn“ auf offener Bühne meuchelten, weil die Truppe diesen Damen nicht gewachsen war, mental oder athletisch, zog Fontane die Register. Nicht das offene Messer. Er schrieb präzise Plaudereien, Feuilletons mit Hang zum letzten Wort. Auch wenn Fontane zeitlebens ein Mann des Selbstzweifels geblieben ist.

Nicht nur die Bühne, auch Neuruppin konnte er kleinreden. Theodor verbrachte die ersten sieben Lebensjahre in dieser Stadt, dann zog seine Familie mit dem Vater, einem Apotheker, Trinker und glücklosen Zocker, nach Swinemünde an die Ostsee. Zur nächsten Apotheke, einer kleineren, die besser ins Budget passte. Theodor wurde mit zwölf zurückgeschickt nach Neuruppin, gegen seinen Willen, um das Abitur zu machen. Ein Desaster. Binnen eines Jahres ist er gescheitert, die Eltern steckten ihn in ein Berliner Internat.

Neuruppin, das war für Theodor Fontane die Stadt des persönlichen Scheiterns. Die Apotheke wuchs dem Vater über den Kopf, die Ehe der Eltern ging in die Brüche. Er hat das dem Ort nachgetragen, obwohl der ohne Schuld blieb (siehe Interview rechts mit dem Fontane-Biografen Hans-Dieter Rutsch).

Ein See ist Summe seines Lebens

In die Gegend ist er trotzdem zurückgekehrt, mit knapp 40 Jahren begann er dort seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, ein Konvolut, aus dem man Sympathie herausliest, am Ende aber mehr als das. Er hat die ganze Welt, die geistige Essenz seiner Biografie, in einem märkischen Gewässer nahe Rheinsberg verdichtet. Der Stechlinsee, Ort seines letzten Romanes „Der Stechlin“, ist die Summe seines Lebens. Er hat sie nicht zufällig fernab der Stadt Berlin verortet. Auch das erste große Werk, die „Wanderungen“, ist durch und durch brandenburgisch, weil er hier das Labor für die Romane fand. Dort erprobte er den Stil und schulte seinen Blick. In Berlin hatte er elf von 17 Romane angesiedelt, doch die „große Stadt hat nicht Zeit zum Denken, und was noch schlimmer ist, sie hat auch nicht Zeit zum Glück.“

Wo fand er das Glück? Mitunter auf den Wanderungen. Zu den sympathischsten Gestalten der deutschen Literatur gehörte für Fontane der Taugenichts aus dem „Frohen Wandersmann“ des Joseph von Eichendorff: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, / Den schickt er in die weite Welt; / Dem will er seine Wunder weisen / In Berg und Tal und Strom und Feld.“ In den märkischen Landschaften stieß er auf Stoff für seine Romane, hier fand er im Banalen die Antwort auf letzte, große Fragen. Auch wenn er die Touren durchs Havelland, Spreeland, Oderland und die Grafschaft Ruppin (meist mit der Kutsche, nur gelegentlich zu Fuß) erst nach einer Erweckung in Schottland antrat: Sein Plan, die Mark ab 1859 zu durchwandern, festigte sich ein Jahr zuvor, als er während der Fahrt über den Lochleven-See eine Vision des Rheinsberger Sees hatte.

Als wichtigste Helfer im Land würdigt Fontane im Schlusswort der „Wanderungen“ die Adligen, Lehrer und Pfarrer. Doch er hat auch dem Lübbenauer Gurkenhändler gehuldigt. Fontane schrieb ganze Chroniken der Landstriche und Personen. Er war der erste Biograf des Baumeisters Karl Friedrich Schinkel, 1781 geboren, auch er in Neuruppin. So leicht und unverstellt sich seine „Wanderungen“ lesen, so viel Recherche steckt darin. Fontane bevorzugte für sein Quellenmaterial die persönlichen Äußerungen, Memoiren, Briefe und Chroniken gegenüber den amtlichen Urkunden. Er blieb menschlich und nahbar, das ist die Stärke seines Blickes auf die Heimat. Fontane interessierte sich für die Arbeitsbedingungen bei der Torfgewinnung im Luch und beobachtete die beginnende Industrialisierung. Er protokollierte den aufziehenden Kapitalismus und das Entstehen des Proletariats.

Emanzipation? War daheim schwierig

Das märkische Land gab ihm die Freiheit, seine Lebensthemen zu finden, die er nicht nur im Roman über den alten, weisen Dubslav von Stechlin ausbreitete, sondern tragisch auch bei „Effi Briest“, die einen Langweiler heiraten musste, sich in eine Affäre flüchtete und starb, als der längst beendete Seitensprung nach Jahren aufgerollt wurde. Seine eigene Frau freilich hat Fontane für intensive Schreibarbeiten eingespannt, die sie an den Rand ihrer Kräfte führten. Von Emanzipation konnte im Hause Fontane keine Rede sein.

Er selbst, der besessene Themensammler und Formulierer, arbeitete immer wieder an Korrekturen der eigenen Texte. Fontane zielte auf die Perfektion – weil die nicht zu erreichen ist, legte sich ein Schatten über sein Leben. Seit 1875 galt er als dauerhaft „verstimmt“. Er wurde depressiv.

Man darf über dem Gram der späten Jahre, als Fontane die Welt erklären wollte und sich den Erbsenzählern der Mark kaum mehr verpflichtet sah, nicht übersehen, dass er das Brandenburgische endlich und spät auf die Landkarte hob. Vor seinen „Wanderungen“ galt die Gegend als unbekannt, man vermutete Streusand. Fontane gab ihr Kontur. Und dauerhaft so etwas wie ein Rückgrat.

Von Lars Grote

Der Fontane-Biograf Hans-Dieter Rutsch spricht über die biblische Kraft des Dichters aus Neuruppin, über dessen Liebe zur Mark und darüber, dass er mitunter auch ein Ekel sein konnte.

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