Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Wie Lia Rodrigues mit Sinnlichkeit gegen den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro ankämpft
Nachrichten Kultur Wie Lia Rodrigues mit Sinnlichkeit gegen den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro ankämpft
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:26 12.09.2019
In der Fabrik Potsdam am Freitag und am Samstag zu erleben: Szene aus „Fúria“. Quelle: promo
Potsdam

Mit der Fabrik Potsdam ist die brasilianische Choreografin schon seit 2001 partnerschaftlich verbunden. Nach gefeierten Aufführungen in Paris, Zürich und Berlin zeigt ihre Company hier ihre aktuelle Produktion „Fúria“.

Frau Rodrigues, Sie sind zuletzt im Mai in Potsdam aufgetreten. Was hat sich seither in Ihrer Heimat Brasilien verändert?

Lia Rodrigues: Der Amazonas brennt. Die Bolsonaro-Regierung hat Förderungen für Bildung und Forschung gestrichen. Die Polizei in Rio geht immer brutaler vor. Unsere Favela Maré wurde wieder besetzt. Die Polizei schießt wild um sich, auch aus Helikoptern, und tötet unschuldige Bewohner. Aber die Bereitschaft unter den Menschen wächst, sich dagegen zu mobilisieren.

In Favelas herrscht auch eine hohe Kriminalität. Sucht die Polizei Drogen oder Kriminelle?

Das ist nur ein Vorwand. Vielleicht ein Prozent der Einwohner ist mit den Dealern verbunden. Die Einwohner sind Menschen wie du und ich. Gerade meine Tänzer mit schwarzer Hautfarbe müssen in Angst leben. In den Armenvierteln gelten keine Menschenrechte.

Zur Person

Das Fachmagazin
„Tanz“ hat Lia Rodrigues im August für ihre Produktion „Fúria“ zur „Choreografin des Jahres“ gewählt. In der Begründung heißt es, sie bringe „Angst und Wut in ihrem Heimatland auf den Punkt“.

Alle ihre Stückeentwickelt sie in der Favela Maré in Rio de Janeiro, wo sie in einem alten Hangar ein Ausbildungszentrum unterhält. Sie erhält vom brasilianischen Staat keinerlei Hilfe und finanziert ihre Arbeit mit den Einnahmen aus Tourneen. „Fúria“ wurde im November 2018 in Paris uraufgeführt.

„Fúria“. 13. und 14. Sep., 19.30 Uhr. Fabrik, Schiffbauergasse Potsdam.

Die Choreografin LIa Rodrigues. Quelle: Sammi Landweer

Kennen Sie den Amazonas?

Ich bin dort als junges Mädchen einen Monat lang einen Fluss hinuntergefahren. Mein Vater hat dort tolle Filme gedreht. Es gab immer schon das Problem, dass die Rechte der Ureinwohner und die Grenzen ihrer Lebensräume von den Kapitalisten nicht geachtet wurden. Heute ist es besonders dramatisch. Aus Profitgier holzen und brennen sie die Wälder ab, um Rinderfarmen und Sojafelder anzulegen. Die ganze Welt ist mit dem Amazonas verbunden, denn viele Produkte stammen von dort.

Was antworten Sie dem Präsidenten Jair Bolsonaro, wenn er twittert, die Europäer sollen ihr Geld nehmen und selbst einen Urwald in Europa anlegen?

Fuck You! Denn das ist kein Scherz, wenn er so etwas sagt. Er zerstört die Welt.

Ist die Mittelschicht in Rio stolz darauf, das Brasilien noch einen Urwald hat?

Das ist allein eine Frage der Bildung. Ignorante Menschen gibt es in allen Klassen. Viele Leute wissen vielleicht nicht, wie wichtig der Urwald für das Ökosystem und die indigenen Kulturen ist. Den Zerstörern geht es nicht um eine Modernisierung des Landes. Ausschlaggebend ist allein das kapitalistische System, das seit langem die Ressourcen vernichtet.

Szene aus der Tanzperformance „Fúria“. Quelle: promo

Sie setzen Kapitalismus und westliche Welt gleich mit „weißem Patriarchat“. Was würden Sie anders machen?

Alles. Seit Jahrhunderten haben wir die Regeln der patriarchalen Gesellschaft verinnerlicht. Für Schwarze, Indianer und Frauen haben die letzten Jahrhunderte viel Elend gebracht. Der erste Schritt wäre, das zu realisieren und damit zu brechen. Der weiße Mann ist auch ein Teil in mir. Ich bin eine privilegierte weiße Frau. Mein Land ist extrem rassistisch. 52 Prozent der Brasilianer haben auch schwarze Vorfahren. Ich stamme aus der Mittelschicht und versuche, mit der Kunst etwas Positives zu bewirken. Die zeitgenössische Kunst wird von Weißen dominiert. In Maré, wo ich arbeite, kann ich das vielleicht ändern.

Deshalb arbeiten Sie in der größten Favela von Rio de Janeiro, wo besonders viele Schwarze leben?

Ja, dort entwickle ich seit 2004 viele Projekte und meine Tanzgruppe. Maré ist mein Platz. Es ist sicher ein Paradoxon, dass es der Tanzkompanie gerade in dieser Zeit so gut geht. Wir bekommen Unterstützung aus Europa. Wir hatten noch nie ein Problem mit unseren provokanten Aufführungen, auch nicht in Maré.

Erwischen Sie sich manchmal bei einem rassistischen Gedanken?

Es geht nicht allein darum, kein Rassist zu sein, sondern Antirassist. Alles müsste verändert werden. Wie viele Frauen oder Schwule sind weltweit Opfer von Gewalt! Auch die ungleiche Entwicklung zwischen Nord und Süd muss bekämpft werden. Brasil ist ein Macho-Land, es herrscht struktureller Rassismus. In Brasilien werden im Jahr 6000 bis 7000 Menschen erschossen, mehr als in Ländern, in denen ein erklärter Krieg herrscht. Alle 23 Minuten wird ein Schwarzer ermordet.

Brasilien wurde schon im 19. Jahrhundert unabhängig von den Portugiesen. Wieso hat sich das Land nicht besser entwickelt?

Das ist zu komplex, da gibt es ganze Bücher, das wage ich nicht in wenigen Sätzen zu beantworten. Die Frage betrifft aber auch die früheren Kolonien von Frankreich oder Deutschland.

Wenn Sie jetzt einem Portugiesen gegenübersitzen würden, verliefe das Gespräch anders?

Nein, jeder ist ein Mensch. Wir können über alles sogar mit einem Anhänger von Bolsonaro sprechen, solange er keine Waffe unter dem Tisch hat, droht und schießt. Auch in Deutschland gibt es viel Rassismus gegenüber den Einwanderern. Deutschland hat nach dem Holocaust zwar eine Menge Selbstkritik geleistet. Aber keine europäische Nation hat die koloniale Geschichte aufgearbeitet. Den Deutschen hat der Holocaust den Blick verstellt.

Szene aus der Tanzperformance „Fúria“. Quelle: promo

In Potsdam zeigen Sie Ihr aktuelles Stück „Fúria“. Teilt sich darin Ihre Wut mit?

Ja und nein. Es ist eine künstlerische Arbeit. Einige sehen diese Aspekte darin, andere nicht.

Wer einen Furor hat, will mit dem Kopf durch die Wand oder gegen Mauern anrennen.

Nein, Fúria meint auch Freiheit. In der römischen Mythologie gibt es die Furien, das sind drei Rachegöttinnen. Es geht uns um die Energie, die man zu nutzen hat. Die Choreografie erzählt nicht von einer Reaktion auf Ungerechtigkeiten. Die Gruppe ist wichtig. Alle neun Tänzer bringen ihre Persönlichkeit ein und stellen einen Charakter dar. Und die Konstellation verändert sich ständig.

Würde Sie auf der Bühne mit einer Fahne arbeiten?

Da ist eine Art Fahne. Wir arbeiten mit den Materialien, die uns umgeben und die scheinbar wertlos sind, mit Müll, Holzstücke, Plastik. Wir geben diesen Gegenständen Wert, wenn wir aus ihnen eine Pfanne oder eine Krone machen.

Und wie halten Sie es mit Symbolen, etwa einer brasilianischen oder einer roten Flagge?

Die brasilianische Fahne tragen Faschisten und Sozialisten vor sich her. Wir haben kein Symbol des Widerstandes, das wir hochhalten. Viele meiner Freunde vergleichen den entstehenden Faschismus in Brasilien mit der Machtergreifung der Nazis 1933. Denken Sie nur an die Einführung der Zensur, die Bekämpfung von Minderheiten, die Fake-News im Sinne von Propaganda. In Deutschland haben viele Menschen damals auch nicht gleich realisiert, was mit der Gesellschaft geschah.

Trotzdem setzen Sie bei Ihren Bühnenarbeiten nicht auf Agitprop-Mittel.

Das wäre mir zu plakativ, ich arbeite subtiler. Beim Schlussapplaus positionieren sich aber meine Tänzer. Sie verlesen einen Text oder halten aufklärende Schilder hoch. Aber das machen sie unter sich aus. Das ist nicht Teil der Inszenierung.

Von Karim Saab

Zum Tod von Robert Frank, der als Reportagefotograf Maßstäbe gesetzt hat. 1985 suchte er den Kontakt zu Kollegen in der DDR. Dabei entstand auch eine Freundschaft.

12.09.2019

Der Sony Walkman hat gleich mehrere Generationen geprägt. Jetzt kommt er zurück: Ganz retro – und doch ganz modern. Zwei Haken gibt es allerdings: die fehlende Kassettenfunktion und den Preis.

12.09.2019

Die Sleaford Mods aus England haben zwei Abende lang den Festsaal Kreuzberg in Berlin zum Kochen gebracht – mit prägnanten Basslinien, Working-Class-Charme und meinungsstarken, geschmeidig vorgetragenen Texten.

12.09.2019