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Kultur 25 Jahre ohne „Ein Kessel Buntes“
Nachrichten Kultur 25 Jahre ohne „Ein Kessel Buntes“
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06:30 19.12.2017
Das MDR-Fernsehballett am 10. Oktober 1992 bei der Fernsehsendung „Ein Kessel Buntes“ in Chemnitz. Quelle: dpa
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Berlin

Erst sprach Erich Honecker, gerade einen Monat an der Spitze der SED. Dann folgte Heinz Adameck, inzwischen seit 17 Jahren Chef des DDR-Fernsehens. Auf dem VIII. SED-Parteitag (Juni 1971) verlangte Erich Honecker: Das Adlershofer Fernsehen sollte sich verstärkt bemühen „eine bestimmte Langeweile zu überwinden“. Darauf kündigte Heinz Adameck im 23. Januar 1972 im Neuen Deutschland eine beträchtliche Ausweitung des Unterhaltungsprogramms an. Schon am nächsten Wochenende machte er Ernst damit.

West-Stars im Ost-Fernsehen

Zum ersten Mal wurde auf der Bühne im Friedrichstadtpalast „Ein Kessel Buntes“ gewaschen. Eine Live-Show nach dem in der Sowjetunion so beliebten Estraden-Prinzip, also eine Mischung aus Musik, Komik, Tanz und Artistik. „Die drei Dialektiker“ (Manfred Uhlig aus Sachsen, Lutz Stückrath aus Berlin, Horst Köbbert aus dem Norden) moderierten – Danyel Gérard im weißen Anzug, mit Hut und Gitarre, räumte samt „Butterfly“ ab, Manuela aus der Bundesrepublik ging daneben etwas unter. Aber es war ein Versuch, West-Stars neben DDR- und Osteuropa-Künstlern ins Ost-Fernsehen zu holen. Dass damit Ostseher von der „Tagesschau“ weggeholt werden sollten (der „Kessel“ begann ja immer um 20 Uhr), war sicher eine Nebenabsicht.

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„Ein Kessel Buntes“ war eine beliebte Revue im DDR-Fernsehen. Die Sendung erlebte viele bekannte Moderatoren, wie Helga Hahnemann und Karsten Speck. West-Stars gaben sich im „Kessel“ ein Stelldichein.

Illustre Reihe von Moderatoren

Nach 28 Ausgaben endeten im April 1977 die Auftritte der „Drei Dialektiker“, nachdem sie Szenen aus einem kritischen Programm der „Distel“ gezeigt hatten. Mit der Satire hatte es die SED angesichts etlicher Versorgungsengpässe in den 70ern nicht so besonders. Also folgte fortan eine illustre Reihe von Moderatoren, die von Helga Hahnemann (wunderbar ihre Kostüm-Sketche mit Alfred Müller) über Fuchs und Elster oder Spejbl und Hurvinek bis zu Frank Schöbel, Hauff/Henkler, Dorit Gäbler, Dagmar Frederic, Wolle/Wolfram (das „Außenseiter-Spitzenreiter“-Paar), Renate Blume und Gojko Mitic, O. F. Weidling und Heinz Rennhack bis zu Heinz Quermann reichte. Der Unterhaltungs-Großmoderator in der DDR war ja bereits einer der „Drei Mikrofonisten“ in der Vorgänger-Show „Da lacht der Bär“. Die lief, umrankt vom Slogan „Deutsche an einen Tisch“, von 1955 bis 1963, und hatte unter den Mikrofonisten Gerhard Wollner aus Westberlin, der sich mit dem Ostberliner Herbert Köfer abwechselte. Dritter im Bund war Gerhard Müller, ein Rheinländer. Vico Torriani, Trude Herr, Roy Black traten auf.

Nach dem Mauerbau 1961 hatte sich der „Bär“ erledigt und wurde von der aufwendigen Überraschungsshow„Mit dem Herzen dabei“ von Hans-Georg Ponesky bis 1968 abgelöst. Ulbrichts steile These von der sozialistischen Menschengemeinschaft sollte unterhaltend bebildert werden.

So hehr nahm es der „Kessel“ nicht. Er sollte aber – nach dem Vorsatz der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik – sehr wohl ein gesellschaftliches Wohlfühlen verbreiten. Dafür sorgten Paola und Peggy March, Adamo und Dalida, Gitte und Julio Iglesias, Udo Jürgens und Abba aus dem Westen. Liedermacher Dieter Süverkrüp hatte sich in diese Schlagerparade sicher etwas verirrt. Nur mit der Rockmusik, da hatte der „Kessel“ ein altes Pro­blem. Es kamen lediglich Schlagergitarren – von Bay City Rollers bis Hot Chocolate, von Showaddywaddy bis Smokie. Nach dem live gesendeten „Amiga-Cocktail“ 1964, bei dem Beatbands (Sputniks, Franke-Echo-Quintett) gefeiert und Schlagersänger laut ausgepfiffen wurden und dem fachkundigen Ulbricht-Urteil übers Aus von „Je, Je, Je“, stand das DDR-Fernsehen lange nicht mehr so auf Rock.

Letzter “Ein Kessel Buntes“ am 19. Dezember 1992

Nach 108 Ausgaben, endete die DDR-Geschichte vom „Kessel Buntes“. Es folgten zehn Shows in der ARD (rund zehn Millionen Zuschauer), Karsten Speck moderierte neun, Frank Schöbel eine. Das Aus kam mit dem 19. Dezember 1992, also vor 25 Jahren. Das bunte Konzept hatte sich so überlebt wie die Musik-Videos in „Formel Eins“, lange Zeit ein Leuchtturm für die junge Zielgruppe in den dritten ARD-Programmen.

Von Norbert Wehrstedt

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