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Nachrichten Kultur Warum spielen plötzlich so viele Romane in Brandenburg?
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00:26 15.06.2019
Giulia Becker: Das Leben ist eins der Härtesten Quelle: Joseph Strauch
Potsdam

Kurz vor ihrem Tod sehnt sich Frau Goebel nach Brandenburg. Dort soll es tropisch warm sein, die Rede ist von Palmen am Strand und Papageien, die umherfliegen. Ein Paradies – geschützt durch eine kuppelförmige Stahldecke: das Tropical Islands. Silke sorgt sich um die Gesundheit der älteren Nachbarin. Sie will nicht mit ihr aus dem nordrheinwestfälischen Borken ins ostdeutsche Pseudo-Paradies gurken. Geschmierte Brote sollen die kranke Frau auf andere Gedanken bringen. Aber keine Chance. „Ich will kein Brot. Ich will nach Brandenburg.“

Zwei Sätze, die sich bestens als märkischer Werbespruch auf Autobahnschildern an der Landesgrenze eignen würden. Sie stammen aus dem Romandebüt „Das Leben ist eins der Härtesten“ von Giulia Becker. Dass die Autorin aus dem Team von TV-Moderator Jan Böhmermann ausgerechnet das Tropical Islands als einen Handlungsort wählt, belegt einen Trend. Einige der meistbeachteten Romane dieses Jahres spielen ganz oder teilweise in Brandenburg. „Ich kann nur mutmaßen, dass man vielleicht müde geworden ist, von den vielen Großstadt-Erzählungen“, sagt Becker.

Randl, Kuttner, Bela B.

Lola Randls „Der große Garten“

Regisseurin Lola Randl Quelle: Agentur

Scharnow im Debütroman von Bela B„Kurt“. Sarah Kuttner

Sarah Kuttner auf der Eisenbahnbrücke der stillgelegten Strecke Sachsenhausen - Schmachtenhagen bei Oranienburg. Promo für ihr Buch "Kurt". Quelle: Sarah Kuttner/Instagram

„Das Leben ist eins der Härtesten“ passt vor allem in Sachen Skurrilität zu vielen anderen Brandenburg-Romanen. Die dauernd von ihrem Mann drangsalierte Silke zieht während einer Panikattacke im Regionalexpress die Notbremse, 28 Passagiere werden verletzt, der Zugführer verliert seine Schneidezähne.

Es folgen Scheidung und Schulden, die sie jahrelang in der Bahnhofsmission abarbeitet. Silke reibt sich auf und wirft sich unter. Sie versucht, für einen krebskranken Obdachlosen das Geld für die Behandlung aufzutreiben. Auch die Reise nach Brandenburg unternimmt sie, weil sie sich überreden lässt. Doch im Streit mit der ebenfalls mitreisenden Tele-Shopping-süchtigen Egozentrikerin Renate emanzipiert sie sich.

Knallchargen-Komödie in Tropical Islands

An manchen Stellen ist der Roman auf Pointe getrimmt. Insbesondere die Passage, die im Tropical Islands spielt, gerät fast zur Knallchargen-Komödie. Zum Beispiel, als sich Silke und Renate im Kunstnebel eine alberne Streitszene vor einer Armada von Kellnern liefern, die der stets hungrigen Besucherin die halbe Speisekarte servieren.

Gag-Autorin von Böhmermann

1991 wurde Giulia Becker geboren. Sie begann ein immer wieder abgebrochenes Studium der Medien- und Literaturwissenschaften und nahm an Poetry Slams teil. Nach einem Praktikum in der Redaktion vom Neo Magazin Royale begann Becker eine Karriere als Gag-Autorin vom ZDF-Moderator und Satiriker Jan Böhmermann.

Einige eigene Auftritte in der Show von Böhmermann machten Becker besonders bekannt, etwa die Feminismus-Hymne „Verdammte Schei*e“. Ihr erster Roman „Das Leben ist eins der Härtesten“ ist bei Rowohlt Hundert Augen erschienen und kostet 20 Euro.

Beckers Stärke liegt eher darin, das wahre Gefühlsleben der Frauen zu illustrieren. Renate verkriecht sich in ihre Wohnung. „Zum Frühstück gibt es meist Hugo auf Eis, dazu zwei wachsweiche Eier und einen großen Block jungen Gouda am Stück.“ Für Leben sorgt nur noch der Kasten vor der Couch. „Denn sie selbst ist momentan im Stand-By-Modus, der Fernseher übernimmt für sie die Vitalzeichen, leistet Beistand auf Knopfdruck und bringt Zerstreuung.“

Noch eindrücklicher, weil in der Literatur unterrepräsentiert, ist die Hauptfigur. Silke ist eine dieser Kümmerfrauen, die so auftritt, wie manche Männer es sich insgeheim wünschen – aufopferungsvoll und stumm. „Unsere Gesellschaft wird von dieser Art Frau förmlich getragen“, sagt Becker, „sie leisten unbezahlte Care-Arbeit, erziehen Kinder, verzichten teilweise oder ganz auf ihren Job, pflegen später ebenso unbezahlt die eigenen Eltern.“

Bleibt die Frage, wie sich Giulia Becker eigentlich selbst beim Besuch des Tropical Islands gefühlt hat. Erstaunliche Antwort: Sie war nie da, sondern stützt sich auf Dokus und Online-Lagepläne. „Aber meine Lektorin hat mir zur Buchpremiere einen Gutschein geschenkt, ich freue mich sehr darauf!“

Von Maurice Wojach

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