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18:28 24.11.2019
Das Podium unter dem Porträt Hans Ottos: Schauspieler Ulrich Matthes, Theaterkritikerin Barbara Behrendt, Moderator Harald Asel, Schauspielerin Jutta Wachowiak und Schriftsteller Thomas Melle. Quelle: Foto: Varvara Smirnova
Potsdam

Politisch denkend? Politisch arbeitend? Wie geht es Künstlern heute? Müssen sie Haltung zeigen? Darüber diskutierten am Sonntag in der Reithalle des Hans-Otto-Theaters in Potsdam die Schauspieler Jutta Wachowiak und Ulrich Matthes, die Theaterkritikerin Barbara Behrendt und der Schriftsteller Thomas Melle.

Der Anlass der Veranstaltung unter dem Motto „Nur Künstler? Aber doch auch Bürger!“ war der 86. Todestag des Namensgebers des Potsdamer Theaters – Hans Otto. Otto, KPD-Mitglied und politisch engagiert war 1933 von den Nazis ermordet worden.

Matthes: Politik ist etwas Selbstverständliches

Moderator Harald Asel vom RBB wollte gleich zu Beginn von den Teilnehmern der Runde wissen, warum sie zugesagt haben, hier mitzudiskutieren. Für Wachowiak war es die Tatsache, dass man als Schauspieler die Realität „nicht außenvor lassen könne“, Matthes beschrieb, dass er von seinem Elternhaus geprägt wurde.

Die Schauspielerin Jutta Wachowiak und der Schriftsteller Thomas Melle diskutieren über Politik im Theater. Quelle: Varvara Smirnova

„Ich bin schon als Kind aufgefordert worden, meine Meinung kundzutun, bin mit der ‚Vatermilch‘ in diese Richtung sozialisiert“, sagte Matthes. Es sei für ihn selbstverständlich, sich politische Gedanken zu machen. Auch Melle verriet, dass ihn das Thema bewege, Kunst sei für ihn politisch wie der Alltag. Allerdings trage er politische Aussagen nicht vor sich her.

Das Politische vor sich hertragen als Plakat als Überschrift? – diese Frage nahm in der Diskussion dann auch sehr breiten Raum ein. Die Theaterkritikerin Behrendt beklagte, dass das Theater oft zum „Besserwisserklub“ verkomme. Dass es sich politisiert habe, sei in Ordnung. Das passiere jedoch leider oft ohne Widerspruch, versichere sich nur seiner selbst.

Theaterkritikerin Behrendt will wachgerüttelt werden

„Ich will aber wachgerüttelt werden“, erklärt sie. Es werde nicht diskutiert, stattdessen würden „Fahnen geschwungen.“ Sie wolle keine Appelle von der Bühne bekommen. Man müsse bei ihr nichts abrufen, was schon da sei. Wichtiger sei es, im Privaten, im bürgerlichen Umfeld die Streitkultur zu pflegen.

Behrendt stellt dann auch die Frage, ob es auf der Bühne direkter Stellungnahmen zu politischen Themen bedarf. Matthes verneint das vehement. „Eine Aufführung ist eine Aufführung, ist eine Aufführung“, macht er deutlich. Erreicht sie den Zuschauer oder nicht, sei die Frage. Alles andere sei zweitrangig. Als Bürger wolle er sich politisch positionieren und zwar immer mehr, zu seinem Überdruss.

Der Schauspieler Ulrich Matthes und die Theaterkritikerin Barbara Behrendt in der Potsdamer Reithalle. Quelle: Varvara Smirnova

Im Theater sei er jedoch Schauspieler. So sei Onkel Wanja von Tschechow (Matthes spielt seit 2008 diese Rolle am Deutschen Theater in Berlin sehr erfolgreich) durchaus politisch aber nicht in dem Sinn, was ihn persönlich politisch umtreibe. „Vielleicht sollte man das auch manchmal trennen“, ergänzt er noch.

Parolen auf der Bühne zu rufen, sei nicht seins, sagte Matthes. Er sei ein Apologet des Theaters der unterschiedlichen Formen solange es noch Leute gäbe, die Hebbel Zeile für Zeile lesen und sich bei Kleists Käthchen fragen, warum der Dichter hier wohl einen Gedankenstrich und kein Komma gemacht habe.

Melle: Bedrängt politische Korrektheit die Kunstfreiheit?

In der weiteren Diskussion sprengen die Teilnehmer die Grenzen des eigentlichen Themas dann etwas. So wirft Melle die Frage auf, ob aktuell die Kunstfreiheit bedrängt werde, um stets politisch korrekt zu sein. Behrendt wiederum weiß von Schauspielstudentinnen, die kein Gretchen oder Käthchen mehr spielen wollen, weil diese Figuren nicht dem heutigen Frauenbild entsprächen.

Zum Ende fragt Moderator Asel in die Runde: „Wenn Sie jetzt hier raus gehen, was machen Sie damit – in der Arbeit, als Bürger? Was empfehlen Sie?“

„Gehen Sie ins Theater“, empfiehlt Ulrich Matthes. Jutta Wachowiak rät, im kleinen Kreis das Diskutieren zu üben, um die eigene Konfliktfähigkeit zu erhöhen. Und Barbara Behrendt greift mit ihrer Antwort den zweiten Satz des Veranstaltungsthemas noch einmal auf „Aber doch auch Bürger!“ Sie empfiehlt den Künstlern mehr politische Streitkultur im Privaten, jenseits der Bühne.

Der Mitschnitt der Veranstaltung wird am 1. Dezember ab 11 Uhr im Inforadio vom RBB übertragen.

Von Elvira Minack

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