Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Edward Berger über seinen Film „All my loving“
Nachrichten Kultur Edward Berger über seinen Film „All my loving“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 29.05.2019
Die Geschwister Julia (Nele Mueller- Stöfen), Tobias (Hans Löw) und Stefan (Lars Eidinger) im Restaurant Quelle: Jens Harant/Port au Prince Pictures
Anzeige
Potsdam

Edward Berger, 1970 in Wolfsburg geboren, hat in New York Regie studiert. Zunächst schrieb und inszenierte er für das deutsche Fernsehen „Tatort“, „Polizeiruf 110“, „Bloch“, „KDD“ und weitere Krimis. Mit dem Spielfilm „Jack“ gelang ihm 2014 der Befreiungsschlag. Berger inszeniert internationale Serien mit Top-Stars wie Bendict Cumberbatch und Bryan Cranston. Jetzt ist sein neuer Spielfilm im Kino: „All my loving“ .

Herr Berger, viele Ihrer Filme beschäftigen sich mit der Familie. Auch Ihr neuer Film „All my loving“ erzählt von drei erwachsenen Geschwistern in Lebenskrisen. Was fasziniert Sie an Familie?

Anzeige

Edward Berger: Familie ist ein spannender Mikrokosmos, aus dem heraus sich Geschichten mit starken Konflikten erzählen lassen. Ich habe selbst drei Geschwister und wenn wir ein Familientreffen haben, weint am Ende immer jemand. In dem geschützten Rahmen kann man loslassen, muss sich nicht zurückhalten. Man spürt die eigene Verwundbarkeit und kann sie zeigen.

Trailer zu „All my Loving“

Wie persönlich sind die Geschichten in Ihrem Film?

Sie sind sehr persönlich, erzählen aber jetzt nicht direkt autobiografisch von meiner Familie. Was übereinstimmt ist, dass meine Geschwister und ich auch komplett verschieden sind. Beim Schreiben des Drehbuchs zu „All my loving“ haben wir nach starken unterschiedlichen Lebensentwürfen gesucht. Stefan kommt nicht damit klar, dass er nach einem Hörsturz seinen Beruf als Pilot nicht mehr ausüben kann. Seine Schwester hat ein schweres Trauma zu überwinden, der Dritte ist Hausmann und Dauerstudent, hat drei Kinder zu versorgen und muss sich jetzt auch noch um die Eltern kümmern. Alle müssen etwas ändern in ihrem Leben.

Warum erzählen Sie die drei Charakterstudien in einzelnen Episoden?

Tatsächlich habe ich am Ende im Schneideraum einen Tag damit verbracht, die Szenen miteinander zu verschachteln. Aber ich habe gemerkt, dass die einzelnen Geschichten ihre Konzentration verlieren. Und ich hatte das Gefühl, es wird normaler oder konventioneller. Der Film ist jetzt leise und entwickelt langsam eine Kraft, die den Zuschauer dazu bringt, sich auf die Figuren einzulassen.

Ihr Film hat einen englischen Titel. Warum?

Liebe – und darum geht es ja – klingt immer so schwer und bedeutungsschwanger. Auf Englisch dagegen klingt es leicht und beschwingt.

Sie schreiben Ihre Drehbücher mit Ihrer Frau, der Schauspielerin Nele Mueller-Stöfen. Wie kam es dazu?

Ich habe früher immer alleine meine Drehbücher geschrieben und nach Monaten habe ich sie meiner Frau zum Lesen gegeben. Sie hatte immer viele Anmerkungen und Ideen, sodass ich gedacht habe, warum schreiben wir nicht gemeinsam? Wir sind deutlich schneller zusammen, wir haben doppelt so viele Ideen, es macht doppelt so viel Spaß.

Aber von Herzen sind Sie Regisseur?

Ich bin froh, dass ich Autorenfilme machen kann. Wenn ich etwas schreibe, will ich den Stoff auch hundertprozentig machen. Ich bin nicht darauf angewiesen, dass mir jemand ein tolles Drehbuch schickt. Es ist doch ein riesiger Glücksfall, wenn man als Regisseur ein Buch angeboten bekommt, das man genauso großartig findet wie der Produzent und der Autor.

Im Fall der Miniserie „Patrick Melrose“ mit Benedict Cumberbatch über einen Spross einer englischen Adelsfamilie, der als Kind vom Vater missbraucht wird, dem Heroin verfällt und später darum kämpft, die Dämonen seiner Kindheit loszuwerden, ist dieser Glücksfall eingetreten?

Absolut! Diese Bücher von Edward St. Aubyn liebe ich seit 26 Jahren! Und dann kommt das zu mir, das war ein Traum.

Wie ist es dazu gekommen?

Als ich in einer Branchenzeitschrift las, dass die Bücher verfilmt werden sollen, habe ich mich beworben.

Das ist ungewöhnlich.

Stimmt, aber wie gesagt, ich wollte das eben unbedingt machen. Ich habe den Produzenten gesagt, sie sollen sich meinen Film „Jack“ anschauen und er hat ihnen gefallen. Die Leute sind angetan von einem Regisseur, der eine Agenda hat, der eigene persönliche Geschichten erzählen will. Wir haben uns getroffen und ich habe ihnen gesagt, was meine Vision von den Filmen ist. Und da waren wir auf einem Level.

Der Film „Jack“ über einen kleinen Jungen, der mit seinem Bruder durch Berlin irrt auf der Suche nach der Mutter, war der Türöffner für Ihren internationalen Durchbruch?

Ja! Interessanterweise hat mir der Film im Ausland mehr Türen geöffnet als hierzulande. In Deutschland wird Kino nicht wichtig genug genommen. Fernsehen regiert alles und ist bei uns sehr konservativ. „Jack“ war ja ein kleiner Film, der auf vielen Festivals lief. Die ersten, die mich nach dem Film angerufen haben, waren Film 4 aus England, die „Twelve Years a Slave“ von Steve McQueen oder „The Favourite“ von Yorgos Lanthimos gemacht haben. Große Filme. Aber von deutscher Seite wurde ich wenig angesprochen.

Neben „Patrick Melrose“ haben Sie auch die Serie „The Terror“ inszeniert, die Ridley Scott produziert hat. Darin geht es um zwei Schiffe der britischen Royal Navy, die Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach der Nordwestpassage im ewigen Eis steckenbleiben. Sie lieben die Abwechslung!

Ja, ich bin immer auf der Suche nach etwas Neuem und der Herausforderung. Auch hier mochte der Drehbuchautor „Jack“ und wollte unbedingt, dass ich Regie führe. Für mich bieten diese internationalen Produktionen traumhafte Umstände. Ich fühle mich unheimlich unterstützt und meine Vision des Filmemachens wird gefordert. Sie wollen wissen, wie ich den Film machen will, und stellen sicher, dass man es auch so machen kann. Das ist hier nur bei Filmen so, die man auch selber schreibt. Ansonsten existiert der Mut, außergewöhnliche, besondere Filme zu machen, eher selten. Experimentierfreude gibt es kaum. Langsam ändert sich das, weil man merkt, dass die internationalen Produktionen einfach besser sind und uns davonrasen.

Welches sind Ihre nächsten Projekte?

Wir schreiben noch bis Spätsommer an einem Drehbuch mit dem Titel „Eis“ über eine Frau, deren Mann in den Schweizer Bergen verunglückt. Zurück in Berlin entdeckt sie, dass er ein düsteres Geheimnis hatte, das sie aus der Bahn wirft. Im Herbst werde ich mit Bryan Cranston, den Walter White aus „Breaking Bad“, eine Serie in New Orleans für den Sender Showtime drehen. Das Projekt wurde mir angeboten, ich habe das Buch im letzten Sommer gelesen und war begeistert. Cranston spielt noch im New York Theater und kann erst ab diesem Herbst. Also warten wir auf unseren Hauptdarsteller.

Worum geht es?

Cranston spielt einen sehr gewissenhaften Richter in New Orleans, wo die Folgen von Katrina immer noch spürbar sind. Als sein Sohn einen jungen Motorradfahrer überfährt, weil er einen Asthma-Anfall erleidet, und Fahrerflucht begeht, gerät er in eine Zwickmühle. Denn bei dem Toten handelt es sich um den Sohn des lokalen Mafiabosses. Wie weit wird dieser gerechte Richter gehen, um seinen Sohn zu beschützen?

Man liest auch, dass Sie mit Paramount und Leonado DiCaprio die Abgasaffäre von VW realisieren werden. Wie weit ist es damit?

Im Moment ist die Geschichte ist noch zu Deutschland-lastig. Ein amerikanisches Studio macht keinen Film über einen deutschen Skandal. Also lenke ich unseren Blick eher auf drei Männer in einer Kontrollstelle in West Virginia, die kein Mensch auf dem Zettel hatte. Die haben VW zu Fall gebracht, es ist eine klassische David gegen Goliath-Geschichte. Da arbeiten wir noch dran. Das gilt auch für „Rio“, da wird ebenfalls noch am Drehbuch gearbeitet. Aber Jake Gyllenhaal und Benedict Cumberbatch sind dabei.

Interview: Claudia Palma

Autor und Regisseur: Edward Berger

Berger, 1970 in Wolfsburg geboren, hat in New York Regie studiert. Zunächst schrieb und inszenierte er für das Fernsehen „Tatort“, „Polizeiruf 110“, „KDD-Kriminaldauerdienst“.

Mit dem Spielfilm „Jack“ gelang ihm 2014 der Befreiungsschlag. Seitdem inszeniert er internationale Serien mit Top-Stars wie Bendict Cumberbatch und Bryan Cranston.

Jetzt im Kino: sein Film „All my loving“.

Von Claudia Palma

Anzeige