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Kultur Kinks-Chef Ray Davies: Der Brexit hat mein Land zerbrochen
Nachrichten Kultur Kinks-Chef Ray Davies: Der Brexit hat mein Land zerbrochen
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09:58 18.10.2019
Urgestein des Britpop: Ray Davies (hier mit US-Kollegin Debbie Harry bei den AIM Independent Music Awards am 3. September im Londoner Roundhouse) bringt „Arthur or the Decline and Fall of the British Empire“, das verlorene Meisterwerk seiner Band Kinks, neu heraus. Ein neues Kinks-Album ist ebenfalls in Vorbereitung.WORLD RIGHTSDebbie Harry and Ray Davies at AIM Independent Music Awards at the Roundhouse, Camden Town, London, UK.SEPTEMBER 3rd 2019REF: SLI 193209See Li | Keine Weitergabe an Wiederverkäufer. Quelle: picture alliance / MATRIXPICTURE

Ohne Rosys großen Aufbruch hätte es das Album „Arthur or the Decline and Fall of the British Empire“ vielleicht nie gegeben. „Mir hätte zum Album die Geschichte gefehlt“, sagt Ray Davies, Chef der britischen Band The Kinks. Er sitzt in seinem Büro im Londoner Norden und telefoniert mit Germany. Seine Stimme klingt schwer und müde, die Stimme eines Mannes, der viel zu lange viel zu viel gearbeitet hat. Nach zwei Soloalben über seine diffizile Liebe zu Amerika hat Davies die Jubiläumsbox zum 50. Geburtstag von „Arthur“ kuratiert. Er ist in diesem Sommer 75 geworden. Heute hört man ihm die Jahre an.

Rosy, Davies’ deutlich ältere Schwester, war 1964 mit Mann und Kind nach Australien ausgewandert – im Rahmen eines Siedlungsprogramms der australischen Regierung. „Man nannte sie dort die Zehn-Pfund-Bastarde“, erinnert sich Davies. „Denn alles, was die Briten für den Neuanfang brauchten, waren 10 Pfund Aufnahmegebühr.“ Der Arthur im Albumtitel war Rays Schwager, Arthur Anning, der sein Glück auf der anderen Seite der Welt suchte und damit an Rays Verlustangst und Traurigkeit Schuld hatte.

Hat er seinen Schwager gehasst? „Nein“, sagt Davies. „Enttäuscht war ich. Rosy war für mich wie eine Mutter, ihr Sohn Terry war wie mein Bruder. Ich glaubte, sie nie wiederzusehen. Das Zerbrechen einer Familie ist wie das Zerbrechen eines Reichs. Es war meine Metapher für die Platte.“

Und so wurde aus dem privaten Verlust 1969 das Konzeptalbum „Arthur“, ein Popmusical und der vielleicht größte Wurf der 1964 gegründeten Kinks. Es erzählte die Geschichte einer Familie und eines Jahrhunderts in einem Dutzend Songs – vom Ende des viktorianischen Zeitalters über die Weltkriege ging es in ein darbendes Königreich, für das nach dem Krieg kein Marshallplan erstellt worden war wie für West-Deutschland.

„Es gab unterschwellig eine Art Postweltkriegsdepression“, erinnert sich Davies. „Die wurde bei uns in England durch die Swinging Sixties zeitweilig verhüllt. Dann aber kam der Gegenwind, die Trauer. Wir Jungen feierten Freiheit und Freizügigkeit, während es ökonomisch bergab ging, während die Kohlenbranche am Boden lag und die Minenarbeiter streikten. Am Ende der Dekade hatte ich das Gefühl, dass auch jüngere Leute wie uns der Blues überkam, weil Britannien kein großes Empire mehr war.“

Sarkasmus und Sentimentalität vermischen sich auf „Arthur“ zum vielseitigsten Popmusical

Arthur“ beschreibt eine Gesellschaft voller Klassendünkel und Kleinmut. Die Lords schicken die Commons in ihre Kriege, trauernde Mütter bekommen Orden als Ersatz für ihre Söhne, die kleinen Leute sind glücklich, sich einen Hut wie die Herzogin von Kent leisten zu können, auch wenn sie ihn nie beim Pferderennen der Upper Class in Ascot vorzeigen können. Sarkasmus und Sentimentalität vermischen sich in Davies‘ Songs, deren Sounds von burleskem Vaudeville („She’s Bought a Hat Like Princess Marina“) über feiste Blasmusik („Yes Sir, No Sir“) bis hin zu vergnügten Countryklängen („Arthur“) reichen. Die Kinks kommen mit bombastischen Balladen, mit Blues und Rock ’n’ Roll. Und „Australia“ erinnert an Leonard BernsteinsAmerica“ aus der „West Side Story“. Was Davies als Kompliment nimmt: „Bernstein ist einer meiner Helden.“

„Wir mussten die Platte schnell machen, das Budget war schmal“, erinnert er sich. „Wir haben alles straff aufgenommen, am Stück, aus den Proben heraus. Es gab kein nachträgliches Zusammenflicken.“ Und dann verpuffte das von der Kritik gefeierte Album – „the Kinks’ finest hour“ nannte es Mike Daly im „Rolling ­Stone“ – nahezu wirkungslos. Platz 105 in den USA, gar keine Notierung in Deutschland und Großbritannien. „Vielleicht waren es zu viele Einfälle“, sinniert Davies. „Und unsere Plattenfirma vermarktete uns als Singleband. Sie wollten nur ,Sunny Afternoons‘, unsere Dreiminutenhits. Der Song ,Victoria‘ war da am nächsten dran. Der Rest war zu lang, das Radio spielte ,Shangri-La‘ nur bis zur Mitte.“

Vielleicht der Grund, weshalb kaum jemand bemerkt hat, dass sich Abba für „Mamma Mia“ bei der Bridge von „Shangri-La“ bedienten.

14 Tage vor „Arthur“ hatten die Beatles ihr Album „Abbey Road“ veröffentlicht und gingen damit sofort weltweit auf Platz eins. War Davies eifersüchtig? „Nein. Ich bewunderte die Beatles, das war kommerziell ein anderes Level“, sagt er. „Es ist doch so: Wenn ein ,Superman‘-Film im Kino anläuft, hat es jeder andere ähnlich gute Film schwer.“

Für eine betrübte Bilanz war wenig Zeit. Auch für Dave Davies’ Soloalbum nicht, das unfertig liegen blieb und erst jetzt als Juwel inmitten der 81 Remixe, B-Seiten, Alternative Takes und sonstiger Aufnahmen der neuen De-luxe-Edition von „Arthur“ veröffentlicht wird. Nur sieben Tage nach der Erstveröffentlichung von „Arthur“ begannen die Kinks mit ihrer eigenen British Invasion 2.0. Am 17. Oktober 1969 endeten vier Jahre Konzertbann durch die amerikanische Musikergewerkschaft. Im Lauf der Jahre hatte Davies immer wieder mit möglichen Gründen für den Bann gespielt – vom Neid auf den Reimport des Rock ’n’ Roll in die USA bis hin zu den roten Konzertjacken der Kinks. „Schlechtes Glück, schlechtes Management und auch ein bisschen schlechtes Benehmen“, sagt er heute und lacht leise. „Mehr kann ich Ihnen wirklich nicht verraten.“

50 Jahre später scheint „Arthur“ aktueller denn je. Der Brexit hat Großbritannien neuerlich zerbrochen, die Stimmung ist giftig, Politiker spielen mit den Verlustängsten vieler Menschen. „Alles ist seit damals noch viel zugespitzter geworden – die Reichen sind reicher, die Armen ärmer, die Mittelklasse ist verloren gegangen“, sagt Davies und konstatiert: „Entweder endet der Brexit im totalen Chaos, oder die Leute kommen endlich runter und diskutieren wieder.“ Er hofft auf „gesunden Menschenverstand“. Auf dem neuen Kinks-Album, dem ersten seit 26 Jahren, wird er sich – unter anderem – dieser betrüblichen Gegenwart widmen, verspricht er. 2020 wird es erscheinen. „Ich kann’s kaum erwarten.“

Rosy hat Ray Davies dann ein paar Jahre später doch wiedergesehen, als die Kinks durch Australien tourten. Der Schwager nahm ihn nach einem Konzert beiseite und sagte: „Übrigens, das Album, das ihr über mich herausgebracht habt – ich fand es wirklich gut.“ Arthur und Rosy sind längst begraben, und der Groll ist bei Davies längst verflogen.

Arthur hat das Beste für seine Familie erreicht", sagt er heute. „Ein besseres Leben mit besserer Gesundheit und besserem Wetter. Also besteht wirklich kein Grund, sich zu beschweren.“

The Kinks wurden 1964 in London gegründet. Die Band um die einander in brüderlichem Streit abgeneigten Köpfe Ray (Gesang, Gitarre, Hauptsongwriter, geboren am 21. Juni 1944) und Dave Davies (Gitarre, geboren am 3. Februar 1947) aus dem nördlichen Stadtteil Muswell Hill zählte zu den vier großen Britcombos der Sechzigerjahre (The Beatles, The Rolling Stones, The Who, The Kinks), die auch in den USA berühmt wurden (British Invasion) und weltweit Hits hatten. Mit ihrer dritten Single „You Really Got Me“, dem bis dato härtesten Song der Beatära, lieferten die Kinks im August 1964 eine Art Blaupause des Heavy Metal (u. a. wurde das Lied von Van Halen gecovert). Ray Davies’ Name stand bald für romantische Popsongs („Days“, „Waterloo Sunset“), aber auch für sarkastische Betrachtungen der britischen Gesellschaft („Dandy“, „Dedicated Follower of Fashion“), was 1969 in dem Album „Arthur or the Decline and Fall of the British Empire“ gipfelte. Letzteres wird jetzt in einer Jubiläumsedition veröffentlicht. Das limitierte De-luxe-Boxset des „Geburtstagskinds“ enthält als besondere Dreingabe „A Hole in the Sock of Dave Davies“ – so lautete der Spitzname des nie veröffentlichten Soloalbums von Dave Davies’, das 1969 herauskommen sollte, aber in den hektischen Zeiten, in denen die vier Jahre lang aus den USA verbannte Band durch dauerhaftes Touren verlorenes Terrain zurückeroberte (so sieht es Davies im Interview), „irgendwie liegen blieb“. Die Nobelbox-Version besteht aus 81 Songs (auf vier CDs) und einem 68-seitigen Begleitbuch. Die Kinks veröffentlichten 1993 ihr bislang letztes Album „Phobia“ und stellten 1996 das gemeinsame Musizieren ein. Derzeit arbeiten die Brüder allerdings zusammen mit Kinks-Schlagzeuger Mick Avory am Nachfolger von „Phobia“, der im kommenden Jahr erscheinen soll.

The KinksArthur or the Decline and Fall of the British Empire“ als De-luxe-Boxset mit 80 Aufnahmen, 2 CD, 1 CD, 2 LP und digital (BMG) erscheint am 25. Oktober

Von Matthias Halbig/RND

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