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Kultur Musiker der Kammerakademie Potsdam treten in Badelatschen auf
Nachrichten Kultur Musiker der Kammerakademie Potsdam treten in Badelatschen auf
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17:12 27.09.2019
Renate Loock, Kristina Lung (beide Violine), Christoph Starke (Viola), Tobias Lampelzammer (Kontrabass) und Zoé Cartier (Violoncello, v.l.n.r.) führen im Nikolaisaal „Anthem of the Great Spirit“ aus „Salome Dances for Peace“ von Terry Riley auf. Quelle: Karim Saab
Potsdam

Die Musikfestspiele im Mai 2020 werden unter dem Thema „Flower Power“ stehen. KAPmodern, die Reihe für zeitgenössische Musik im Nikolaisaal, öffnete am Donnerstag schon einmal ein erstes Weihrauchfässchen. Das gut besuchte Auftakt-Konzert der Saison 2019/20 stand unter dem Thema „Summer of Love“. So knallbunt wie das Programmheft waren die Hippies vor einem halben Jahrhundert in San Francisco gestimmt. Sie setzten auf große Gefühle, Esoterik, Bewusstseinserweiterung, Natur und Ekstase, um sich von Krieg, struktureller Gewalt und allem Herkömmlichen abzusetzen.

In Badelatschen, Freizeitkleidung und mit E-Gitarre: Die Kammerakademie Potsdam zeigte sich am Donnerstag im Foyer des Nikolaisaals von einer ungewohnten Seite. Quelle: Karim Saab

Auch die Sphäre von Bach, Beethoven und Brahms wurde durch die Kulturrevolution nachhaltig verändert. Werke aus vorangegangenen Jahrhunderten werden seither gern auf historischen Instrumenten musiziert. Und zeitgenössische Komponisten entwickelten die Traute, auch Geräusche, Minimalismen, Dissonanzen, spontane Einfälle und elektrisch verstärkte Instrumente in die Hochkultur einzubringen. Die Musiker der Kammerakademie Potsdam (KAP) führten fünf Stücke auf, die in diesem Geist zwischen 1985 und 2007 entstanden sind.

Dramatische Schwankungen

Wer nun annimmt, bei einem solchen Konzert gehe es vor allem schrill, theatralisch und für die Ohren strapaziös zu, sitzt einem weit verbreitetem Vorurteil auf. Gefälligkeit und Wohlklang waren durchaus eine Mitgift der Popkultur. Die Komponisten Thomas Larcher und Terry Riley lassen ihre an- und abschwellenden Klangbilder durch traditionelle Streicherbesetzungen erzeugen. Larcher setzt dabei auf sorgfältig ausgearbeitete dramatische Schwankungen zwischen feinbesaiteten, kraftvollen und jaulenden Einzeltönen, vollen geschmeidigen Mollkadenzen und weit oben schwirrenden Clustern. Riley webt auch tänzerische und orientalische Motive in ein sehr homogen angelegtes Klanggeschehen.

Applaus für Thomas Larchers Streichquaertett Nr. 3. Quelle: Karim Saab

Die KAP-Musiker sind bei der Darbietung absolut bei der Sache und erlauben sich den Gag, in Badelatschen aufzutreten. Den Vogel schießt die Flötistin Bettina Lange mit einer faltenreich geschneiderten Pluderhose ab. Mit langgezogenen kraftvollen Tönen entführt sie die Zuhörer auf eine herrlich blühende Wiese mit einem ultimativen Liebes-Reigen. Gemeinsam mit der Harfenistin Julia Wacker erweckt sie eine träumerische, tänzerische Fantasie von Ravi Shankar zu neuem Leben, wobei der Sound ihrer Konzertharfe an eine Sitar oder an eine Handpan-Drum erinnert.

Flötistin Bettina Lange und Harfenistin Julia Wacker nach der Aufführung von Ravi Shankars „L’aube enchantée“ sur le rage TODI. Quelle: Karim Saab

Auch die Komposition von Steve Reich durchzieht ein klares Metrum, was in der Neuen Musik eher unüblich ist. Hier durfte KAP-Bratschist Ralph Günthner (in legerem weißen Anzug, es fehlte nur ein Blumenkranz im Haar) endlich auch einmal im Nikolaisaal zur E-Gitarre greifen und ein triviales 16 Takte-Schema mit melodischen Miniaturen, vielschichtigen Loops und einem tiefen meditativen Verständnis für die Sphärenharmonie ausfüllen.

Ralph Günthner ist Bratschist bei der Kammerakademie. „Zur Pop-, Rock- und Jazzmusik fühlte ich mich schon in meiner Jugend hingezogen“, bekennt er. Nebenbei spielt er E-Gitarre bei der Mama George Band. Quelle: Alexander Hollensteiner

Regelrecht verkopft und konzeptionell angelegt nahm sich dagegen ein Werk von Heinz Holliger aus, der dafür allerdings mit einer dramatischen, romantischen Liebesgeschichte aufwarten kann. Mit „Romancendres“ reagierte der Komponist auf eine Affäre von musikgeschichtlicher Tragweite. Clara Schumann und Johannes Brahms sollen „Fünf Romanzen für Violoncello und Klavier“ von Robert Schumann 1856 nach dessen Tod vernichtet haben, da sie angeblich Botschaften über die Dreiecksbeziehung enthielten. Holliger machte aus der tragischen Verstrickung keine Programmmusik. Brahms sei hier „als tiefes B immer wieder anwesend“, versicherte das Programmheft. Der Kalender vermerkt in diesem Jahr übrigens neben 50 Jahren Woodstock auch 200 Jahre Clara Schumann.

Von Karim Saab

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