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Kultur Ein Mädchen, das pinkeln will wie ein Junge
Nachrichten Kultur Ein Mädchen, das pinkeln will wie ein Junge
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00:18 11.02.2017
Luisa Charlotte Schulz und Larissa Aimée Breidbach (r.).
Luisa Charlotte Schulz und Larissa Aimée Breidbach (r.). Quelle: HOT / Göran Gnaudschun
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Schiffbauergasse

Um die Aufmerksamkeit seiner jungen Gäste zu gewinnen, beginnt die Uraufführung des Kindertheaterstückes „Wenn Pinguine fliegen“ am Hans-Otto-Theater Mittwochvormittag durchweg dynamisch. Die jugendlichen Darsteller spielen Fußball, nehmen Selfies auf oder schminken sich, ganz nebenbei wird dabei das Bühnenbild aufgebaut.

Worum geht es?

Dem Stück von Sarah Trilsch, das ab neun Jahren empfohlen wird, folgt das Publikum konzentriert. Ohne Pause, 55 Minuten lang, handelt die Komödie von zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die ältere, schon jugendliche Annemarie (Luisa Charlotte Schulz) interessiert sich für Jungs, Musik und Youtube-Videos. Die jüngere, burschikose Antonia (Larissa Aimée Breidbach) will von diesen Teenager-Themen noch nichts wissen.

Da kommt der zugezogene Nachbarsjunge Karl (Johannes Heinrichs) gerade recht, denn er hält sie für einen Jungen. Die beiden werden Freunde. Antonia, die sich von allen Toni nennen lässt, versucht, Karls Erwartungen an sie als männlichen Kumpel gerecht zu werden. Lustig wird es zum Beispiel, wenn Karl sie auffordert, ein Muster in den Sand zu pinkeln.

Larissa Aimée Breidbach und Johannes Heinrichs Quelle: HOT/ Göran Gnaudschun

Wie wurde das Stück umgesetzt?

Im Stück werden einfühlsam die Sorgen und Nöte von Kindern und Jugendlichen dargestellt. Probleme mit der eigenen Identitätsfindung, Außenwirkung, Einsamkeit und Eifersucht werden elegant inszeniert. Während Antonia einen neuen Freund gefunden hat, vereinsamt ihre Schwester Annemarie.

Für die Kostüme und das Bühnenbild ist Regina Fraas zuständig. Sie sorgte dafür, dass den Zuschauern eine interessante, wandelbare Kulisse und wirkungsvolle Effekte geboten werden. Von Kameraübertragungen über Schattenspiele bis hin zur musikalischen Untermalung der Szenenwechsel wird das Stück gekonnt in Szene gesetzt. Besonders Jack Johnsons Lied „Up Side Down“ und einige Thema-Variationen vertonen passend das verrückte Wechselbad der Gefühle von Teenagern.

Im Bühnenspiel verstrickt sich Antonia immer weiter in Schwierigkeiten. Als ihr Schwindel auffliegt, sich als Jungen auszugeben, erreicht das Drama seinen Höhepunkt: Karl ist verwirrt und enttäuscht und will nichts mehr mit seinem vermeintlich besten Freund zu tun haben. Dadurch finden die Schwestern wieder zueinander, Antonia sucht Trost bei Annemarie. Doch sie muss einsehen, dass ihre große Schwester Recht hat: „Antonia, ich habe manchmal das Gefühl, du wärst ein Junge, gefangen im Körper eines Mädchens. Aber du kannst nicht so tun, als wärst du tatsächlich ein Junge. Das wäre ja so, als könnten Pinguine fliegen.“ Aus diesem Satz bezieht das Stück seinen Titel. Auch Karl fühlt sich einsam. Was nun? Wie viel Mut braucht es, auf den anderen zuzugehen?

Antonia und Karl schließen Blutsbrüderschaft. Quelle: HOT / Göran Gnaudschun

Wie spielen die Darsteller?

Mit seiner Rolle als liebenswerter Nachbarsjunge hat Johannes Heinrichs das junge Publikum voll in der Hand: Der 1990 geborene Schauspieler verleiht seiner Rolle durch seine freche Mimik die nötige jugendliche Frische. Er überzeugt gänzlich als aufgeweckter Teenager auf der Suche nach einem neuen besten Freund. Auch die 25-jährige Luisa Charlotte Schulz glänzt in der Rolle der Annemarie. Ob als überdrehte Youtuberin, sich kümmernde große Schwester oder einsame Jugendliche – alle Facetten ihres vielschichtigen Charakters bringt sie authentisch auf die Bühne. Der Kontakt zwischen den beiden Gastdarstellern am Hans-Otto-Theater ist da und stimmt. Eher spröde präsentiert sich hingegen das feste Ensemble-Mitglied Larissa Aimée Breidbach in der Hauptrolle. Zu nuancenarm zeigt sie die jungenhafte Antonia. Selten ist empathisches Zusammenspiel mit Schauspielkollege Johannes Heinrichs zu spüren.

Insgesamt ist „Wenn Pinguine fliegen“ von Regisseurin Kerstin Kusch eine sehr gelungene und sehenswerte Inszenierung für Kinder und Jugendliche ab neun Jahren.

Von Josefine Kühnel

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