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Kultur „Europa verteidigen“ am Hans-Otto-Theater
Nachrichten Kultur „Europa verteidigen“ am Hans-Otto-Theater
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10:40 26.10.2018
Zeus als Stier, der Europa begehrt – im Hans-Otto-Theater spielen sie zum Ehebruch zarte Gitarrenklänge. Quelle: Thomas M. Jauk
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Potsdam

Europa wird hier nicht verteidigt, sondern runtergerockt – was gar nicht schlecht sein muss, wenn der Takt stimmt, das Kleid sitzt und der Bart nach Brummbär und zivilem Ungehorsam aussieht. Die Schauspielstudenten der Babelsberger Filmuniversität erfüllen diese Grundbedingungen aufs Beste, auch wenn der Bart, vor allem bei den jungen Frauen, nur Staffage ist. Sie haben die Reithallen-Bühne des Potsdamer Hans-Otto-Theaters zum glatten Parkett poliert, sie kurven durch Europas Epochen, elegant, als hätten sie Kufen. Sie wagen etwas, das ist reizvoll, weil der Kontinent, um den es sich am Donnerstag bei der Premiere drehte, seine Zukunft sonst ja ziemlich defensiv auspokert.

Die Studenten auf der Bühne sind im Interrail-Alter, sie kennen das: Im Zug mit wenig Geld und trockenem Brot die Länder vermessen. Die Differenzen sehen, die Mentalitäten wiegen, an den Widersprüchen nicht verzweifeln. London, Paris, Madrid ziehen am Fenster vorbei, dazwischen Plausch und Diskussionen mit den Menschen, denen man begegnet. In einer Sprache, auf die man sich einigt, doch die niemand komplett beherrscht.

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Prämiert vom Publikum

Das Stück „Europa verteidigen“ von Konstantin Küspert ist 2016 erschienen, seine Uraufführung feierte es am Theater Bamberg. Küspert erhielt für das Drama im Jahr 2017 bei den Mülheimer Theatertagen den Publikumspreis.

Der Autor Konstantin Küspert wurde 1982 in Regensburg geboren, seit der Spielzeit 2017/2018 arbeitet er als Dramaturg am Schauspiel Frankfurt/Main.

Am Hans-Otto-Theater in Potsdam wird „Europa verteidigen“ von den Schauspielstudenten der Filmuniversität Babelsberg dargestellt.

Nächste Vorstellungen am 28.10., 30.10., 23.11. je 19.30 Uhr; 2.12. 17 Uhr. Reithalle Hans-Otto-Theater, Schiffbauergasse 16, Potsdam.

Karten in der MAZ-Ticketeria unter 0331/2840284 oder im Theater unter 0331/98118.

Die ungewaschene Romantik einer Zugreise ist nicht vergleichbar mit einem Theaterstück, das in 105 Minuten den Kontinent durchbuchstabiert, durchtanzt, vermengt und letztlich sortiert, wie man das vom Abfall kennt: Hier etwas zum Wiederverwerten, dort etwas für den Restmüll.

Das Stück „Europa verteidigen“ von Konstantin Küspert ist erst zwei Jahre alt, es ist ein Kind der politischen Krise – der Ton gibt sich fatal, ironisch, die vielen kleinen Episoden, mitunter sind es Splitter, überschreiten nicht die Dreiminutengrenze, länger kann sich niemand konzentrieren im Zeitalter des Pop. Alles wird angestochen, doch nichts geklärt. Das ist rasant und mit Rauschen im Kopf zu lesen, wenn man den Text in Händen hält und zwischendurch mal Luft holt. Auf der Bühne ist das aufreizend zu spielen, akrobatisch, explosiv, nahezu chargenhaft, es grenzt an Zirkus oder Cabaret. Aber es ist nicht leicht, im Grunde gar unmöglich, im Publikum zu folgen. Der Schwindel teilt sich mit, doch inhaltlich versteht man wenig. Zu viele schöne Menschen, zu viele gute Pointen. Es ist eine wilde, kluge Party, man fühlt sich nur als Zaungast und hätte gerne mal ein Bier.

Der Wutbürger spricht Sächsisch

Düstere Reizwörter bleiben hängen. Hegemonialstruktur, Kolonialisierung, Völkermord an den Herero, Frontex, Neandertaler, Kreuzzüge, Lehrstuhl für praktische Philosophie. Kurz blitzt ein Wutbürger auf, er macht sich Luft in leichtem Sächsisch. Soldaten, die gegen Hannibal in den Krieg ziehen, singen „Staying alive“. Und plötzlich steckt man in einer isländischen Saga. Die Assoziationen sind schwindelerregend, das Tempo ist höllisch. Fast immer sind die Stimmen der fünf Schauspielerinnen und vier Schauspieler forciert, gepeitscht oder künstlich beruhigt, ihre Körper stehen unter Spannung, nahezu ohne Unterlass.

Die Premiere am Donnerstag war eine Nummernrevue, die die Kosten des Kapitalismus taxiert, dem sich Europa anvertraut. Und der die Gewinnspanne ausleuchtet, auf der sich das satte Europa ausruht – auf Kosten jener, die hineinwollen, aber nicht dürfen. In einem letzten Szenario schmückt das Stück die gar nicht ferne Zukunft aus, in der die Küstenwache alle Flüchtenden warnt, die europäische Gewässer zu befahren. Wer nicht gehorcht, wird abgeknallt.

Fußnoten zu Europa

Der Schauwert dieses Abends ist enorm, auch wenn er von Beginn an martialisch wirkt: Eine junge Frau im rosa Faltenrock mit Flinte, sie zielt ins Publikum, bumm, bumm, bumm, Gewehrsalven aus dem Lautsprecher, das Personal auf der Bühne kippt um. Dieses Stück ist manisch-depressiv, es beginnt als Moritat auf einer Bühne mit Ruinen, die dringend aufgeräumt werden müsste und die sich bis zum Ende schmucklos zeigt. Dann wieder versucht sich „Europa verteidigen“, dieses wilde, ausgefranste Stück, im Klamauk.

Viel Feuer und Polemik, letztlich auch Lust und Wut stecken in der Inszenierung von Angelika Zacek, doch es ist denkbar schwer, sich als Studierender in dieser Vielfalt zu behaupten – oder gar zu profilieren. Nirgendwo ein Charakter, in den man sich legen könnte, an dem es sich dauerhaft reiben oder wachsen ließe. Es bleiben Fußnoten zu Europa, der Grundton ist Sarkasmus. Er wird vermengt mit Witz, das ist der Duktus unserer Zeit. Schauspielerisch aber bleibt das eine fortgeschrittene Fingerübung, mehr nicht. Es ist viel Talent an diesem Abend zu erkennen, doch für den Reifetest bräuchte man eine Vorlage, die Platz für feine Klinge hat.

Von Lars Grote