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Kultur Festivals in Brandenburg nicht überall gern gesehen
Nachrichten Kultur Festivals in Brandenburg nicht überall gern gesehen
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07:08 27.08.2017
Beim „Second Horizon“-Festival in Kiekebusch (Dahme-Spreewald) mussten die Besucher ihre Zelte abbauen, bevor es überhaupt losging Quelle: Oliver Tim Becker
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Potsdam

Wer nach Protzen in das Rhinluch (Ostprignitz-Ruppin) aufbrach, um den Lärm zu finden, traf dort einen Mann in Jogginghose, grundentspannt und ohne Angst vor seinen Nachbarn. Die Leute auf der Straße winkten, ihre gute Laune unterlegten sie mit einem Lächeln – so viel Frohsinn kann es geben auf dem rüden Feld des Death-Metal. Die Musik klingt manchmal wie ein Presslufthammer, das ändert nichts daran, dass Festival-Chef Mario Grimmer den Ruhepuls des rechtschaffenen Mannes ausstrahlt, der ein kühles Feierabendbier getrunken hat.

Er steckt den Metal in die Halle während seines Festivals, das als eines der lautesten in Brandenburg gelten muss. Vielleicht ist das ein Rezept, mit dem sich leben lässt. Womöglich ist der freie Himmel über Bier und Bühne bald juristisch nicht mehr durchsetzbar.

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Denn Open-Air-Festivals in Brandenburg sind einerseits ein Jungbrunnen, weil man dort in kurzen Hosen und mit nicht ganz aktuellen Bands auf seinem Shirt (Ramones! Roxette! Al Bano und Romina Power!) erscheinen darf, selbst wenn man eigentlich in einem Alter ist, in dem man seine Kleidung bügelt.

Andererseits sind Festivals ein Fall für die Justiz. Denn Musik ist Emotion, die man nicht allein in Herzschlag pro Minute misst (im besten Falle schnell und schwer verliebt), sondern auch in Dezibel (schlimm ab einem körperlich spürbaren Wummern, wenn nebenan die Tochter nach drei langen Bullerbü-Geschichten gerade einschläft).

In Kiekebusch, Ortsteil von Schönefeld (Dahme-Spreewald), haben sie das in den letzten Jahren etablierte, drei Tage währende Festival „Second Horizon“ nicht mal eröffnen dürfen. Die Zelte wurden abgebaut, bevor es losging. In Kiekebusch wollten sie Trance und Techno spielen, verträumte Gattungen, eher zum versunkenen Tanz gedacht. Die Gemeinde Schönefeld hatte das Festival verboten, wegen angeblich mangelhafter Sicherheitskonzepte und Beschwerden wegen Lärms während der letzten Jahre, aber auch zum Schutz des Waldes. 200 Polizisten flankierten die Abreise der etwa 2500 Besucher, die am Vortag gerichtlich angeordnet wurde.

Im großen Maßstab zeigt sich das erneut beim „Lollapalooza“, das am 9. und 10. September in Hoppegarten (Märkisch-Oderland) stattfinden soll. Es ist ein Festival von Weltrang, das in den vergangenen zwei Jahren durch Berlin zog, ohne dort einen Ort für die Konzerte etablieren zu können. Der Naturschutzbund Brandenburg hat seine Klage bereits angekündigt, falls das Festival genehmigt werden sollte. Bis zu 160 000 Besucher werden in Hoppegarten erwartet. Bei den Protesten des Naturschutzbundes und einiger Anwohner, die sich zu einem Bürgerbündnis gesammelt haben, geht es wie in Kiekebusch um den Erhalt der Natur, Lärmbelästigung, in Hoppegarten auch um die dürftige Versorgung mit der S-Bahn.

Sind die märkischen Festivals durch die Proteste der Anwohner, Gemeinden und Verbände gefährdet? Sind diese Feste das neue Terrain der Wutbürger, die es nicht dulden, dass zwei, drei Nächte im Jahr die abendliche Ruhe bis Mitternacht der Party geopfert wird?

Wer in die Uckermark fährt, hoch nach Brüssow, wo das „Sacred Ground“-Festival die elektronische Musik feiert, die man kaum vom Zwitschern der Vögel unterscheiden kann, glaubt nicht an den Abgesang der Sommerkultur. Mittendrin trifft man das Model Eva Padberg, das mit ihrem Mann das Elektro-Duo Dapayk & Padberg gegründet hat. Eva Padberg zeigt sich im Publikum ganz ungezwungen im Pullover und ist froh, dass sie hier ausnahmsweise nicht im Zentrum steht. Ein paar Kilometer weiter haben Padberg und ihr Mann ein Sommerhaus bei Prenzlau.

Die Uckermark ist weitläufig genug, um Vögel, Models und elektronisches Gezwitscher aus den Synthesizern friedlich auf dem Acker zu vereinen. Je dünner besiedelt die Gegend, je weiter entfernt von Berlin, desto weniger Ärger kriegen die Festivals.

Dass sich die Events den örtlichen Frieden erarbeiten können, zeigt das Beispiel „Gondwana“ – ein Festival, das seine Zelte im Havelland aufschlug. Hier regiert der Techno, nahe der Gemeinde Grünefeld, wo man sich erst skeptisch zeigte. Es gab Klagen über Müll und Lärm. Das hat sich geändert. Zum 18. Mal fand „Gondwana“ Mitte Juli statt, der Veranstalter besucht den Bürgermeister, der Frauenchor singt auf dem Festival, die Grünefelder schmieren 10 000 Brötchen für die Gäste. Man mag sich. Man hat sich kennengelernt. Es läuft.

Diese Zweisprachigkeit tut den märkischen Festivals gut: Gespür für den traditionellen Ton der Gemeinden, trotzdem Melodien aus den Kellerclubs der Großstadt im Gepäck. So wächst Vertrauen. Laut bleibt es, doch die Lust spielt mit. Die Region rockt. Ein Spaß, nicht nur für Angereiste.

Von Lars Grote

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